Allgemeine Berichte | 02.11.2015

Welche Folgen hat häusliche Gewalt für Kinder und Jugendlichen?

Die Begriffe häusliche Gewalt bzw. Gewalt in engen sozialen Beziehungen beziehen sich auf Gewalt, die zwischen Erwachsenen geschieht, die in Partnerschaft leben oder gelebt haben.

In vielen Familien wird Kindern zugemutet, Gewalt unter Partnern direkt mitzuerlebenDKSB

Kreis Ahrweiler. Es war in den 70er Jahren, die Schülerin kam mal wieder mit Sonnenbrille zur Schule, sie hatte „die Augen entzündet“ und konnte deshalb auch nicht am Sportunterricht teilnehmen. Zwanzig Jahre später auf einem Klassentreffen berichtete sie davon, dass sie damals keine Augenentzündungen hatte, sondern blauen Flecken. Wenn ihr Vater ihre Mutter mal wieder Grün und Blau schlug, versuchte sie ihrer Mutter Hilfestellung zu leisten und geriet so zwischen die Fronten. Zudem hatte sie stets versucht, ihre zwei jüngeren Geschwister davor zu schützen, zusehen zu müssen, wie der Vater seine Frau immer wieder prügelte. „Und obwohl wir wussten, dass unser Vater uns Kinder in Ruhe ließ, hatten wir panische Angst. Meine Geschwister klammerten sich an mich, nässten nachts ein und weinten sich an solchen Abenden in den Schlaf. Wir hatten Angst, dass mein Vater unsere Mutter umbringt, so heftig schlug er zu.“

Was hier so eindrücklich beschrieben wird, ist leider kein Einzelfall. Mittlerweile ist belegt, dass das Miterleben von partnerschaftlicher Gewalt Kinder in ihrer Entwicklung schädigt und zwar auf emotionaler, sozialer und kognitiver Ebene.

Nachgewiesenermaßen schädigt Gewalt auch dann, wenn sie nicht am eigenen Leib erfahren, sondern „nur“ beobachtet wird.

In der Regel wird Gewalt in die drei Erscheinungsformen körperliche, sexuelle und psychische (abwertende) Gewalt unterteilt. Zu den Gewalterfahrungen, die Kinder ebenfalls miterleben, gehören Misshandlungen in der Schwangerschaft sowie die Schwangerschaft durch Vergewaltigung.

In vielen Familien wird Kindern zugemutet, Gewalt unter Partnern direkt mitzuerleben. In anderen Familien beruhigen sich die Erwachsenen damit, dass die Kinder von der Gewalt nichts mitbekommen, da sie „hinter verschlossenen Türen“ stattfindet. Das ist ein schwerwiegender Irrtum, denn Kinder sind aufmerksame Beobachter und haben feine Antennen. Selbst wenn sie die Taten nicht direkt oder indirekt miterleben, so erleben sie doch die Folgen der Gewaltanwendung: die verletzten, verstörten und verzweifelten Opfer. Leider ist die Erziehungsfähigkeit der Opfer durch die eigenen Ängste und die Belastung durch die Gewalterfahrungen oft eingeschränkt: Dies kann zu Vernachlässigung, erhöhter Ungeduld und Aggressivität gegenüber den Kindern führen. Die eingeschränkte Erziehungsfähigkeit des Gewalt ausübenden Elternteils zeigt sich in seiner Selbstbezogenheit, seinen autoritären Erziehungsvorstellungen, mangelnder Erziehungskonstanz und das Untergraben der Beziehung der Kinder zum Opfer.

Im Regelfall sind beide Eltern in gewaltbelasteten Partnerschaften nicht in der Lage, die kindlichen Schädigungen wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren. Das Miterleben von Partnerschaftsgewalt ist als eigenständiger Belastungsfaktor für die Entwicklung der Kinder zu werten. Und selbst, wenn sich das Opfer schützend vor die Kinder stellt, ist das Wohl der Kinder gefährdet.

Besonders junge Kinder können sich selten erklären, was da passiert. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an welchem Kinder entweder zum schwachen Elternteil halten und selbst verängstigt sind oder den Täter nachahmen und lernen, dass „der Stärkere“ die Macht hat. Es ist die „Wahl“ zwischen grenzenloser Macht und Ohnmacht. Tragisch ist, dass die folgenschweren Kindheitserlebnisse in späteren Partnerschaften fast zwangsläufig wiederholt werden und dazu führen, dass die Partner sich viele Jahre später wie in einem Kreislauf wieder in der Täterrolle oder Opferrolle befinden.

Aus dem Kreislauf auszusteigen ist für den Einzelnen mühsam und schmerzlich, aber es lohnt sich, wenn man sich die fatalen Auswirkungen häuslicher Gewalt konkret vor Augen führt.

Die Bindungsbeziehung zu beiden Elternteilen ist bedroht, sie leben im Klima der Angst, sie greifen ein oder werden mit eingebunden in die Gewalt, sie leiden unter unerträglichen Schuldgefühlen („Meinetwegen streiten sich die Eltern“ , „ Ich konnte meine Mutter nicht beschützen“), werden Ersatzpartner und erleben Erstarrung, Ohnmacht und Hilflosigkeit wie das Opfer selbst. Und die Kinder stehen als Geheimnisträger unter enormen Druck, denn sie haben Angst, dass die Familie auseinander fällt, wenn sie ihr Schweigen brechen. Gewalterfahrungen können nachweislich zu Hirnschädigungen, Schlaf- und Wahrnehmungsstörungen, Belastungen des Lern- und Leistungsvermögens, Traumatisierungen sowie psychischen Erkrankungen wie Ängsten und Depressionen führen, die sich manchmal erst im Erwachsenenalter zeigen.

Die Auswirkungen auf die Kinder der mit Gewalt belasteten Partnerschaften sind also immens und dennoch nur indirekt zu beobachten. Hinweise können ein stark verängstigtes Verhalten sein, die Unfähigkeit Vertrauen zu anderen Erwachsenen zu haben, aggressives oder selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen und vieles, vieles mehr.

Nur ganz selten schaffen es die Beteiligten alleine, aus der Gewaltspirale herauszufinden. Deshalb können sich Opfer und Täter Hilfe holen, als ersten Schritt vielleicht sogar anonym. Wenn die vorhandenen Aggressionen, Bedürfnisse und Ängste der Erwachsenen und der Kinder ernst genommen und bearbeitet werden, kann es gelingen, das Gewaltsystem zu durchbrechen.

Ellen Maur-Gies,

Kinderschutzfachkraft,

Mitglied „Runder Tischgegen Gewalt“ für DKSB Ahrweiler

Ansprechpartner sind

:

-Deutscher Kinderschutzbund (DKSB), Kreisverband Ahrweiler, Neuenahrerstraße 11, 53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler, Tel. 02641 79798; info@kinderschutzbund-ahrweiler.de

-Kreis Ahrweiler Interventionsstelle, Zehner Straße 23, Postfach 1206, 53491 Bad Breisig, Tel. 02633 470588; interventionsstelle.ahrweiler@web.de

-Frauennotruf Koblenz,Neustadt 19, 56068 Koblenz, 0261 35000; www.frauennotruf-koblenz.de

-Täterarbeitseinrichtung „Contra häusliche Gewalt“;

Hovelstraße 22, 56073 Koblenz; Telefon: 0261 94295-0; koblenz@contra-haeusliche-gewalt.de

Ganz selten schaffen es die Beteiligten alleine aus der Gewaltspiraleherauszufinden

Ganz selten schaffen es die Beteiligten alleine aus der Gewaltspirale herauszufinden

In vielen Familien wird Kindern zugemutet, Gewalt unter Partnern direkt mitzuerlebenFotos: DKSB

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