Schützengesellschaft Brohl
Wirtschaftskrise und Inflation schrieben eine turbulente Vereinsgeschichte
von Werner Fußhöller
Brohl. Anlässlich des diesjährigen Patronatsfestes der St. Matthias-Schützenbruderschaft Brohl ging Brudermeister Werner Fußhöller in seinem launigen Rückblick nicht nur auf die außerordentlichen Leistungen der Mitglieder in und um das Schützengelände im verflossenen Jahr ein, er streifte auch die Vereinsgeschehnisse vor 90 Jahren. Dem Protokoll-Buch der St. Matthias-Schützengesellschaft, wie sie sich damals noch nannte, ist zu entnehmen, dass ein neuer Jahresbeitrag in Höhe von 750 Mark beschlossen wurde. Eine Summe, auch wenn heute in Euro gerechnet wird, wovon jeder Vereins-Kassenwart nur träumen kann, sei es auch nur ein Teilbetrag. Trotz dieser horrenden Summe erlaubte sich der Verein zum Patronatsfest noch ein Festessen, welches die Gesellschaft für 1400 Mark bei Schützenbruder Schlich im ehemaligen Hotel Mittler orderte. Da jedoch der Wirt bereits die Zeichen der Zeit erkannt hatte, vereinbarte er eine Preisanpassungsklausel, um nicht dem Währungsverfall ausgesetzt zu sein.
Was führte zu der stetig steigenden Geldentwertung?
Zu Beginn des 1. Weltkrieges waren es die mit einer nationalen Begeisterung getragenen Kriegsanleihen. Nach dem verlorenen Krieg zwangen die mit dem Versailler Vertrag eingegangenen Reparationsleistungen an die Siegermächte zu Zahlungen in Goldmark oder Sachgütern. Frankreich nutzte die Zahlungsforderungen aus, um so die nach dem verlorenen Krieg 1870/71 ans Deutsche Reich geleisteten Reparationen zurückzuerlangen. Des Weiteren führte die weltweite Wirtschaftskrise in den Jahren 1922/23 dazu, dass die deutsche Reichsregierung sich nicht mehr in der Lage sah, den Forderungen nachzukommen, selbst der Ausgleich in Ersatzleistungen in Form von Ruhrkohle sollte nicht ausreichen. Die Siegermächte sahen dabei Sabotage und so kam es zur militärischen Besetzung des Ruhrgebietesdurch französisches und belgisches Militär. Im Rheinland bemächtigte sich die Separatisten-Bewegung, mit Duldung der französischen Besatzer, die Macht an sich zu reißen. Es war jedoch nur ein kurzes Aufflackern, was für Brohl mit schlimmen Folgen enden sollte. Am 9. November 1923 mussten so die Mitbürger Gabriel Hommen sen., Gabriel Hommen jun. und Josef Patron bei einem Überfall der Freischärler ihr Leben lassen. Ein Gedenkstein in den Rheinanlagen erinnert heute noch an die frevelhafte Tat. Der passive Widerstand gegen die militärischen Besatzer bewegte die Reichsregierung dazu, finanzielle Hilfe zu gewähren. Die Notenpressen wurden angeworfen und die Tagesproduktion stieg mit Beginn des Jahres 1923 von 35 auf 43 Milliarden Papiergeld. Im Laufe des Monats Februar 1923 wurde die Produktion auf täglich 75 Milliarden Mark gesteigert. Dafür wurden 33 Druckereien und 12 Papierfabriken beschäftigt. Um der Geschwindigkeit der galoppierenden Inflation nachzukommen, wurden die Geldnoten nur noch einseitig bedruckt. Auf dem Höhepunkt der Inflation wurde sich mit Stempeldrucken zur Werterhöhung beholfen. Auch für die Philatelisten ist die ständige Erhöhung des Briefportos und mit der Markenvielfalt heute ein recht interessantes Sammlerfeld. Die täglich, ja stündlich wachsende Wertangabe, stand im krassen Gegensatz zur Kaufkraft. Jeder hatte es eilig, das Papiergeld möglichst schnell in Ware umzusetzen. Hierzu eine Episode: Eines Tages stand der Brohler Unternehmer Anton Bröhl in seinem Vorgarten an der Koblenzer Straße und es kam ihm sein Vetter Georg Büntgen mit einem Koffer entgegen. Auf die Frage: „Schorsch, bo wells dau dann met dem Koffe hin?“ antwortet G.B.: „Ei Antun, isch fahren no Kölle, ich well für dat Jeld em Koffe noch wat kafe.“ A.B. antwortet: „Schorsch, spar dir dat Fahrjeld - wenn dau en Kölle anküss es et nix mi weart.“ Georg ließ sich jedoch von seinem Vorhaben nicht abbringen. Einige Tage später antwortete Georg etwas kleinlaut: „Antun, du häss doch Rech jehatt.“ Dies erklärt nachhaltig die Geschwindigkeit der Geldentwertung. Es war so nicht verwunderlich, dass am Ende des Jahres 1923 rückwirkend der Jahresbeitrag auf 3 Billionen Mark (eine Zahl mit 12 Nullen) oder 3 Goldstücke pro Schütze beschlossen wurde. Unter diesem Gesichtspunkt war 1923 an ein Königsschießen nicht zu denken. Auch war mit den Einahmen aus der Mahd des Grasaufwuchses, dafür zahlte Schützenbruder Peter Dres 75.000 Mark und für die Obsternte auf dem Schützengelände, wofür Nikolaus Dötsch 5 Millionen Mark in die Vereinskasse zahlte: Kein großer Staat zu machen. Um jedoch den Wertverfall zumindest in den Städten und Orten, zumindest regional, entgegenzuwirken, wurde ein so genanntes „Notgeld“ gedruckt. Somit hatte die leidgeplagte Arbeiterschaft, zumindest örtlich, eine feste Verrechnungseinheit. In Niederbreisig wurde Ende Oktober 1923 zur Entlohnung der Arbeiter ein Notgeld eingeführt. In der Gemeinde Brohl gab es seitens der Gemeindekasse einen „Lohnscheck“. Die Schecks trugen neben dem amtlichen Siegel die Unterschrift des langjährigen Gemeindevorstehers Alexander Nonn und die des Beigeordneten der Amtsverwaltung, Dinget. Um auch dabei der fortschreitenden Entwertung nachzukommen, wurde sich auch mit einem Stempelaufdruck geholfen. „Bleibt nur zu hoffen, dass wir nach 90 Jahren von solchen Zuständen verschont bleiben und der Euro-Rettungsschirm uns von so einem Szenario abhält.“Werner Fußhöller
Um der Geschwindigkeit der galoppierenden Inflation nachzukommen, wurden die Geldnoten mit horrenden Summen nur noch einseitig bedruckt.
Die ständige Erhöhung des Briefportos und Markenvielfalt ist heute ein recht interessantes Sammlerfeld.
