Ein altes Weihnachtsmärchen, erzählt im Kulturbahnhof Bad Breisig
Wohltätigkeit führt zum eigenen Glück
Bad Breisig. Englischer Humor hat seine Eigenart – englischen Märchen geht es ebenso. Jedenfalls ist das „Weihnachtslied in Prosa“ des britischen Romantikers Charles Dickens voll von düsteren Szenarien. Die fantasievolle Geschichte um den alten Geizhals und unangenehmen Zeitgenossen Scrooge, der mittels dreier Geister vom Fiesling zum Wohltäter mutiert, ist geeignet, so manche Gänsehaut zu erzeugen. Um diese Story spannend und unterhaltend herüberzubringen, bedarf es eines so grandiosen Erzählers, wie er sich in dem Schauspieler Achim Brock im quellenstädtischen Jugend- und Kulturbahnhof präsentierte. Ausdrucksvoll und gestenreich trug er Dicken’s skurrile Weihnachtsgeschichte vor. Nein: Er las sie nicht ab, er erzählte und spielte das mit poetisch geschilderten, von überraschenden Momenten strotzende Märchen über zwei Stunden „aus dem Kopf“. Im Outfit wie der böse Mephisto daher kommend, mit schwarzem Frack, wehendem Rockschoß, weißen Handschuhen und Zylinder, dazu Furcht einflößend geschminkt – so wirkte der die Kunst des Erzählens grandios beherrschende Schauspieler als das veritable schlechte Gewissen des alten Griesgrams. Dessen Leben ist von Geiz, Neid und Menschenhass beherrscht. Seinen Mitarbeiter Bob Cratchit knechtet er und seinen Neffen Fred beargwöhnt er und demütigt ihn – bar jeden Gefühls für die weihnachtliche Friedensbotschaft. Bis ihm am Weihnachtsabend vor dem Kamin der Geist des lange vorher verstorbenen, einst ebenso umtriebigen Geschäftsfreundes Marley erscheint und dem Fiesling ein niederschmetterndes Beispiel gibt: Marley geistert wegen seiner einstigen Untaten in Ketten geschmiedet durch die Zeiten. Der so Verdammte gibt jedoch dem alten Scrooge letzte Hoffnung: Er kündigt ihm das Treffen mit drei Geistern an, die ihm seine Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft vor Augen führen. Die Begegnung mit den Geistern ist für den Alten mit viel unterschiedlicher Erinnerung, aber auch Peinlichkeiten verbunden. Der Geist früherer Weihnacht führt zum grundsätzlich glücklichen Wiedersehen mit Familie und einstigen Weggefährten. Schlimm ist die vom zweiten Geist arrangierte Begegnung mit der aktuellen Weihnacht – der Griesgram hat allen Grund, die glücklichen Leute unter dem Weihnachtsbaum zu beneiden. Den Anstoß zum Umdenken bringt der dritte, der Geist der Zukunft. Er macht dem Alten die Erbärmlichkeit seiner Lebensumstände klar und bringt ihn zur Einsicht, wie viel eigenes Glück man durch Wohltaten gegenüber anderen empfinden kann. Also: Ein hehres Ziel, das an Aktualität der gegenwärtigen Umstände in der Welt nichts zu wünschen übrig lässt. Der nahezu enthusiastische Beifall des Auditoriums im quellenstädtischen historischen Bahnhof gilt sowohl der schauspielerischen Leistung von Achim Brock als auch den moralischen Rippenstößen des fast 200 Jahre alten, und doch so aktuellen Weihnachtsmärchens von Charles Dickens.
