Gedenkkonzert und Lesung in der Ahrweiler Synagoge zur Mahnung an die Pogromnacht 1938
75 Jahre nach dem Schreckenstag
Ahrweiler.. Auf den Tag 75 Jahre war es am Sonntag her, dass die Ahrweiler Synagoge an der Altenbaustraße von SA-Horden geschändet, verwüstet und angezündet wurde. Mit einem Gedenkkonzert erinnerte der Bürgerverein Synagoge an diesem Tag an das schreckliche Ereignis am 10. November 1938, dem Morgen nach der sogenannten Reichskristallnacht - allerdings mit kleinen Hindernissen. Denn die Sopranistin Josephine Pilars de Pilar musste wegen einer schweren Erkältung kurzfristig passen, war jedoch anwesend und las Texte. So bestritt Pianistin Dörte Behrens alleine ein allerdings reduziertes Programm. Den Auftakt machte der 1. Vorsitzende des Bürgervereins, Klaus Liewald. In seiner Gedenkrede bezeichnete er die Pogromnacht als Beginn der Vernichtung der europäischen Juden, mit weiteren Stationen wie der Wannseekonferenz im Januar 1942 und den Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau. Er las zudem aus dem Standardwerk „Kreis Ahrweiler unter dem Hakenkreuz“ vor, in dem die Zerstörung der Ahrweiler Synagoge beschrieben wird. „An diesem Donnerstag wurde auch die Ahrweiler Synagoge in Brand gesteckt. Am Morgen des 10. November fuhr in der Altenbaustraße ein Lastwagen mit SA-Männern vor, es war etwa acht Uhr. Sie Synagoge wurde gewaltsam aufgebrochen. Der Trupp stürmte mit einem Geschrei ins Innere. Drinnen wurden die Bänke umgeworfen, die Fensterscheiben eingeworfen, das Lesepult für den Vorbeter umgestürzt. Die Bodenteppiche schleppte man nach draußen, ebenso die Thorarolle und andere Schriftstücke wie die Gebetbücher, die auf den Bänken lagen. Genauso hauste man in der Schulklasse, vor dem Portal wurden die Schriftstücke, Bücher und Teppiche angezündet. Danach legte man Feuer in der Synagoge selber. In der gegenüberliegenden Schule wurde der Unterricht unterbrochen. Alle Schulkinder und ihre Lehrer liefen auf den Schulhof. Inzwischen waren auch viele Ahrweiler Bürger gekommen und sahen in gebührender Entfernung diesem ,Schauspiel‘ zu. Ein Lehrer rief laut: ,Das ist der schönste Tag in meinem Leben!‘ Die übrige Menge schwieg und unterhielt sich nur leise. Nach Auskünften einer Zeitzeugin sollen die Verwüstungen bereits vor Schulbeginn erfolgt sein. Vor 8 Uhr sollen bereits die verkohlten Reste der Inneneinrichtung und die Kultgegenstände vor der Synagoge gelegen haben. Das Feuer sei bereits vor Schulbeginn gelöscht worden.“
Demo gegen Rechts mit Malu Dreyer
Liewald bezeichnete das Erinnern im Judentum als elementar. Das Gedenken sei dort sehr wichtig, auch die Erinnerung an die Toten bilde eine zentrale jüdische Tradition. So habe es bereits ein Jahr später, am 9. November 1939, einen Gedenkgottesdienst zur Pogromnacht in einer nicht zerstörten Synagoge in Berlin-Mitte gegeben. Nach dem Krieg wurden in vielen Fällen Zusatztafeln auf Familiengräbern angebracht zu jüdischen Opfern der NS-Schreckensherrschaft, da niemand über ihr genaues Schicksal Bescheid wusste. Zum Schluss lud Liewald ein zur Demo gegen Rechts am 23. November in Remagen, die gleichzeitig wieder als „Bürger- und Demokratiefest“ gestaltet werden soll. Prominenter Besuch hat sich mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer angekündigt. Das reduzierte Musik- und Gedichtprogramm begann mit dem Kaddisch, einem Gedicht von Mascha Kalèko in Anlehnung an eines der wichtigsten Gebete im Judentum, rezitiert von Josephine Pilars de Pilar. Es folgt das Pianostück „Una mattina“ von Ludovico Einaudi, eindringlich vorgetragen von Behrens am Flügel. Weitere Gedichte von Kalèko - „Wenn einer fortgeht“, „Das erste graue Haar“ und „Sozusagen grundlos vergnügt“ - brachte Pilars de Pilar begleitet von Behrens ebenso zum Vortrag wie Rainer Maria Rilkes „Du musst das Leben nicht versteh’n“. Zudem bekamen die rund 25 Zuhörer ein Ringelnatz-Gedicht und als Zugabe Texte von Morgenstern wie „Semicolon“, „Der Glockenturm“, „Das Problem“ und das Gedicht mit dem lustigen Titel „Ein Knie geht einsam durch die Welt“ zu hören.
„Erinnerung an die Pogromnacht heißt, Antisemitismus von heute unter die Lupe zu nehmen“: Mit diesen Worten beschloss Liewald die Veranstaltung, die optisch begleitet wurde durch eine Fotoausstellung von Siegward Schmitz mit Bildern von jüdischen und christlichen Friedhöfen, die eine Vielfalt der menschlichen Ausdrucksformen der Trauer und Bewältigung offenbaren.
