Allgemeine Berichte | 27.01.2014

Kunst im Dienste der Gastfreundschaft: Der „TischMensch“ geht um

Boris Nieslony und Karin Meiner werben für die „Tischtransaktion RLP“

Tische-Tauschen kann zu mehr Begegnung, Kommunikation und Lebensintensität führen

„TischMensch“ Boris Nieslony, unterwegs im Zentrum der Stadt. HG

Sinzig. Donnerstagmorgen auf dem Sinziger Marktplatz: Das graue ungemütliche Winterwetter lockt offenbar nur wenige der nicht arbeitenden Bevölkerung hinterm Ofen hervor. Der Platz mit den angrenzenden Geschäftsstraßen, sonst ein belebter Ort der Kernstadt, zeigt sich ruhig. Obwohl Markttag ist, treten kaum Käufer an die überschaubare Anzahl von Ständen, um sich etwa mit Obst und Gemüse einzudecken. Dabei böte gerade dieser Tag den Besuchern etwas Besonderes. Denn ein Gast ist mit höchst ungewöhnlicher Ausstattung unterwegs: Boris Nieslony, Performancekünstler aus Köln, trägt statt eines Rucksacks einen ausgewachsenen Tisch mit sich herum. Mit Gurten, rot wie seine wetterfeste Jacke, hat er ihn festgeschnallt. Davon abgesehen, verhält sich der Mann unauffällig.

Der „TischMensch“ ist da

Zwar transportiert er eine Botschaft. Sie hat mit dem Tisch zu tun, den er in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken will. Aber die posaunt er nicht hinaus, drängt sie niemandem auf. Menschen, die an ihm vorbeihuschen, spricht er nicht an. Wer ihn aber eine Weile anschaut und dazu noch lächelt, den fragt er, ob der- oder diejenige vielleicht mehr wissen will, über das, was sich hinter seiner Erscheinung verbirgt. Dann erzählt er, dass der Tisch zentrales Objekt eines Kunstprojektes ist, das die Gastlichkeit steigern will. Er erklärt, dass Menschen in ganz Rheinland-Pfalz gesucht werden, die bereit sind, vom 1. April bis 15. Mai ihren Ess-, Küchen- oder Couchtisch mit einem anderen für sechs Wochen zu tauschen und während dieser Zeit Gäste zu empfangen. Männer, Frauen und Familien aus verschiedensten privaten Haushalten, die Lust darauf haben, an ihren Tischen für eine Zeitlang mehr als üblich zu erleben. Als Gäste kommen andere Tisch-Tauscher in Frage sowie Personen, die aus den Medien, durch Flyer und soziale Netzwerke vom Projekt erfahren.

Von einigen, die an diesem Morgen unterwegs sind, wird der „TischMensch“ Boris Nieslony freudig begrüßt. „Ach, es gibt Sie wirklich“, staunen sie, dass die Kunstfigur, über die sie gelesen haben, ihnen nun gegenübersteht.

Türen aufstoßen fürs Tische-Tauschen

Weiterführende Infos hat dann Karin Meiner in schriftlicher Form parat. Die in hellblauem Anorak, bauschigem Jeansrock und lila Stulpen wetterfest verpackte Burgbrohler Künstlerkollegin verteilt Flyer und Infoblätter zur „Tischtransaktion RLP“. So heißt das Kunstprojekt des Tische-Tauschs und damit verbundener Projekte. Meiner ist in diesem Zusammenhang nicht um Details verlegen. Denn sie hat die Tischtransaktion nach einer Idee Nieslonys und der österreichischen Künstlergruppe „Die Fabrikanten“ 2012 bereits im nördlichen Rheinland-Pfalz organisiert, „als Pilotprojekt für die landesweite Ausweitung“. Ohne vier Stuhlbeine auf dem Rücken, also deutlich weniger raumgreifend als Nieslony, übernimmt Meiner es denn auch, buchstäblich Türen aufzustoßen, um die Tischtransaktion bekannt zu machen. In Sinzig betritt sie die Stadtverwaltung, um die Flyer auszulegen und die beiden Buchhandlungen, wo sie eine überaus freundliche Resonanz erntet. Die Mitarbeiterin eines Ladens schlägt spontan vor, Bekannte aus Bochum fürs Projekt zu gewinnen. Da muss Meiner bremsen: „Das geht weit über die RLP-Grenze hinaus. Einen ‚Ausrutscher‘, ‚Fremdgänger‘, in grenznahen Regionen können wir zulassen, zum Beispiel in Ludwigshafen mal einen Tisch nach Mannheim, oder von Saarburg nach Luxemburg, oder von Remagen nach Bonn. Aber nicht nach Bochum, das ist ein neues Projekt - ein bundesweites.“ Auf jeden Fall macht die nette Dame ein Foto von Meiner und TischMensch Nieslony vor dem Geschäft, um damit die Kommunikation auf Facebook und Twitter anzukurbeln.

Den Tisch in Szene zu setzen

„Sicher, den Tisch auf dem Rücken zu tragen hat etwas Absurdes, aber diese beinah rituelle Nutzung macht den Tisch sichtbar“, gibt Nieslony zu bedenken. Seines häuslichen Zusammenhangs enthoben, zumal nicht auf seinen Beinen stehend, wirkt der Tisch ungewohnt, unbehaust, irritierend. Und zugleich kommt ins Bewusstsein: Wenn alles seine Richtigkeit hat mit einem Tisch, dann ist er der Ort für Mahlzeiten, Rede-, Arbeits-, Ruhe- und Feierzeiten. Er ist der Ort für Gemeinschaft. An einem Tisch begegnet man sich auf Augenhöhe, sitzend, also in bequemer Haltung. Man kann Brot, Eier, Speck auftischen, Suppe und Braten, Kuchen, Salzstangen, brenzlige und anregende Themen, spannende und heitere Geschichten, wenn erst mal die, um die es geht, an einen Tisch gebracht worden sind. Wie sich das gestalten lässt, was alles noch auf den Tisch kommen und an einem Tisch passieren kann, können sich Tisch-Tauscher und ihre Gäste gemeinsam überlegen. Sie verfügen dabei über genau den Freiraum, den sie sich individuell einräumen mögen.

Gefördert durch Bund und Land

In Sinzig stößt Nieslony auf etwa 15 Leute, die nach ihm schauen und lachen. Sie finden die Tisch-Tausch-Idee alle prima. Auch der nette Museumsmitarbeiter, der ihm das Schloss öffnet und die Flyer auslegen will. Im Rathaus reagiert man, wie überall bei den Stadt- und Kreisverwaltungen. „Sobald wir aufzeigen, dass die Tischtransaktion RLP 2014 gefördert wird aus Bundesmitteln, „dem Fonds für Soziokultur e.V.“ und Landesmitteln, „der Stiftung RLP für Kultur“, haben wir dort immer freundliches Entgegenkommen erlebt, erklärt Nieslony. „Das ist der Schlüssel, ganz eindeutig“, unterstreicht er. Entgegen ihrer grundsätzlich positiven Haltung, geben sich die Passanten unschlüssig, was das Mitmachen anbelangt. Sie glauben, schon genug Menschen zu kennen, genug Gäste zu haben, auch ohne Tausch-Aktion. Vielleicht sind sie auch zu beschäftigt mit anderen Dingen, um die Tausch-Vorstellung an sich heranzulassen. So beginnen eine Frau am Marktstand und ältere Marktbesucherinnen, sich über die Sinziger Kommunalpolitik zu beschweren, sie schimpfen, das geschäftliche Treiben in Sinzig werde von der Politik zum Erliegen gebracht.

Organisation

Tisch-Tauscher sollten Spaß an dem Gedanken haben, ihre eigenen Tisch-Geschichten anzustoßen. 2012 gab es viele lebhafte Begegnungen an den Tischen, sogar Konzerte. Weil sich die Menschen von ihrer eigenen Kreativität bewegen ließen, Geselligkeit genossen, die ganz neue ungeahnte Kreise zog. Karin Meiner und Boris Nieslony reden niemandem ins Konzept. Sie organisieren vielmehr und schaffen die Rahmenbedingungen, damit sich das Potenzial der Begegnung entfalten kann. Das heißt, sie nehmen die Fragen und Anmeldungen entgegen, sie organisieren den Tisch-Tausch, den Transport und die Versicherung.

Anmelden kann man sich bis zum 1. März. Zwischen dem 10. und 30. März werden die Tische getauscht. Im Anschluss werden die von den Tisch-Tauschern zur Verfügung gestellten Kontaktdaten auf Flyer und in der Presse veröffentlicht. Ab dem 1. April bis 15. Mai besteht dann die Möglichkeit, die Tisch-Tauscher zu besuchen, sie kennenzulernen, ihnen zu begegnen. Interessierte wenden sich an das Projektbüro TISCHTRANSAKTION RLP, c/o Karin Meiner & Boris Nieslony, Herchenbergweg 6, 56659 Burgbrohl, Tel. (0 26 36) 26 40, mobil: (01 77) 7 47 97 16, info@hammes-meiner.de, blog.tischtransaktion.de, www.facebook.com/tischtransaktion.

Übrigens besuchten Meiner und Nieslony nach ihrem einstündigen Werbe-Intermezzo in Sinzig auch Kultureinrichtungen, Rathaus und RheinAhrCampus in Remagen. Danach war Ahrweiler an der Reihe, wo sie Station im WeißenTurm machten, bei der Kreisverwaltung und in vielen Geschäften/Restaurants und Hotels der Innenstadt Flyer verteilten. In Bad Neuenahr wurde die TischMenschWanderung durch die Stadt von einem heftigen Regenschauer abgebremst. Den ganzen Februar über wird der TischMensch weitere Städte des Landes besuchen, etwa Ludwigshafen, Bad Kreuznach, Ingelheim, Kaiserslautern und Cochem.

Karin Meiner legt ihre Flyer vor einem Buchgeschäft aus.

Karin Meiner legt ihre Flyer vor einem Buchgeschäft aus.

„TischMensch“ Boris Nieslony, unterwegs im Zentrum der Stadt. Fotos: HG

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