3. Verzällches-Owend in Dernau wurde zum großen Erfolg
Fröter: Aal Söck in de Tösch und ärm Dier
Dernau. Zu Beginn sei vorausgestellt, dass der Autor dieser Zeilen keine Gewähr auf eine korrekte Wiedergabe des Dearnere Platt gibt, wenn er über den 3. Verzällches-Owend am Freitag im Bürgerhaus von Dernau berichtet. Zwar hat er bereits selber einmal aktiv in einem Mundartstück mitgespielt, kommt jedoch gebürtig aus Ahrweiler und muss gewisse sprachliche Barrieren im Detail zum Luftlinie knapp 5 km entfernten Dernau feststellen, das heute seine Wahlheimat ist.
Nun, dankbarerweise stellten die veranstaltenden Mundartfreunde im Verkehrsverein Weindorf Dernau in Person des Gründungsduos Manfred Wolff und Ingrid Näkel-Surges, die auch durch das vielschichtige Programm führte, selbst zu Beginn kleine orthografische Ungenauigkeiten im Motto des Abends fest. Lautete es doch offiziell: „Wes de noch wie et fröhe woar“. Im „korrekten“ Dernauer Platt müsse es jedoch „fröter“ heißen, gab Ingrid Näkel-Surges unter Lachen und Feixen der vielköpfigen Zuhörerschaft zu.
Apropos Zuhörer: Mit dem 3. Verzällches-Owend der 2011 gegründeten Mundartfreunde haben die Organisatoren wohl endgültig den Durchbruch für diese Veranstaltung geschafft. Denn der Saal platzte am Freitag fast aus allen Nähten. Näkel-Surges und später auch Bürgermeister Alfred Sebastian freuten sich über das bunt gemischte Publikum. „Schön, dat net nur Seniore wie mir do sin, sondern uch welche U60“, betonte die Moderatorin. Und der Bürgermeister machte „Schwazz, Jrau, Pläät un Jefärvte“ im Kopfschmuck der rund 200 Anwesenden aus. Tatsächlich fanden sich einige jüngere Semester und sogar einzelne Kinder darunter, wenn auch die Älteren das Gros stellten. Dennoch zeigte der Abend, dass der Dialekt wieder an Wert und Interesse auch bei den Jüngeren gewinnt. Mit Nadine Meisen und David Bertram traten sogar zwei zehnjährige Nachwuchskräfte auf. In ihrem dargebotenen Sketch hätten sie sich über „en Sackdooch“ oder „en Kotzkamell“ gefreut, denn „et stink he wie daheem“. Nun, der Übeltäter war schließlich gefunden in Form von „aalen Söck in de Tösch“.
Weniger Anrüchiges hatten weitere Vertreter der Jugend in Form des Trios aus der Dernauer Weinkönigin Evelyn Creuzberg mit ihren Weinprinzessinnen Tanja Kreuzberg und Jana Großgarten zu berichten - im Gegenteil: Mit Sätzen wie „Herrlich, dar mer in su nem Däälche levve“ und „De Ahrwing, der schmeck herrlich“ drückten sie ihre Liebe zur Heimat im hiesigen Platt aus.
Es sei besonders wichtig, dass gerade die Jüngeren die lokale „Sprooch“ erhielten, sagte Ingrid Näkel-Surges. Ansonsten würden so schöne Redensarten und Wortbildungen wie „Naach Mattes“, „Blooss de Lamp üs“ und „Willste mich ens jern habe“ unwiderruflich verloren gehen - oder niemand würde im letzteren Fall noch verstehen, dass es weniger um Liebe, als um eine Form von „Du kannst mir den Buckel runterrutschen“ gehe.
Der Funke sprang über
Doch nicht nur die Jugend, sondern auch das reife Alter war auf der Bühne präsent, etwa mit Walter Kreuzberg, der im Sommer 90 Jahre alt wird. Zu gleich vier Liedern mit wechselnden Protagonisten sorgte der Leiter der Dernauer Gitarrengruppe für die instrumentale Unterstützung. Bei den ersten sechs von ihm und den beiden Verzällches-Owend-Novizinnen Irmgard Berzen und Marlies Vilz vorgetragenen Strophen von „Wie wor dat fröer in Dearnue so schön“ (korrekt müsste es wohl „fröter“ heißen, Anm. d. Verf.) sprang der Funke gleich zu Beginn aufs Publikum über, das den Refrain textsicher mitsang.
Für gute Stimmung sorgte auch Dieter Koll mit seinem Vortrag „Et Läwwe in Dearne fröher“ (fröter?, Anm. d. Verf.). Mit seinem Beitrag „Verzällche us Dearnere“ hatte der 74-Jährige jüngst erst den dritten Platz beim Mundartwettbewerb der Sparkassenstiftung „Zukunft Kreis Ahrweiler“ errungen, den diese in Kooperation mit dem Krupp-Verlag und „Blick aktuell“ ausrichtet (siehe Artikel in dieser Ausgabe). Nun widmete er sich einer im Ahrtal manchem noch bekannten Episode aus der „Firma Fix u-sem Aul“, die bekannt dafür gewesen sei, ihre Arbeiter vor Weihnachten zu entlassen, um Weihnachtsgeld zu sparen. Deren Besitzer habe einmal zu einem Angestellten gesagt: „Ich heiße Fix, ich zahle fix, und ich will auch fix gearbeitet haben.“ Worauf der antworte: „Dann können Sie mich auch fix am A.... lecken.“ Auch im Fleisch- und Viehgeschäft sei es in „fröterer Zick“ gelegentlich unkonventionell zugegangen; so berichtete Koll von jenem „Schläächter“, der mitunter „schon jet anjeheitert aan koom“, worauf mancher „Schlooch danneve jing“ - dat ärm Dier, mag man sich da heute denken.
Tiere waren auch das Thema von Franz Kreuzberg, der in seinem Vortrag an „de Wanderschöfere von Merjendall“ (Marienthal) erinnerte, der mit seiner Schafherde beim Besuch der Weidegründe in Dernau immer eine große Attraktion für die Kinder des Dorfs war - wie eben für Klein-Franz. Besonders interessant und magisch anziehend waren auch die „Zijeunere“, die ab und an am Sportplatz, damals zwischen Dernau und Rech gelegen, lagerten und die man auf guten Rat der Eltern hin natürlich gerade nicht besuchen sollte.
Franz Kreuzberg beschloss seinen Auftritt mit einem Ratespiel: Eine Flasche Wein war ausgelobt für denjenigen, der die Übersetzung des Wortes „Honers“ ins Hochdeutsche kannte. Nun, der Gewinner war schnell gefunden, der korrekt mit „Hühnerstall“ antwortete. Gefragt waren die Besucher auch in der Pause, galt es doch bis zu zehn Wörter im Dearnere Platt zu finden, die französischen Ursprung waren und aus der Zeit der französischen Besetzung des Rheinlands unter Napoleon stammten. Die Suche möchten die Mundartfreunde übrigens fortsetzen und die Wörter sammeln und schriftlich festhalten.
Baden anno dazumal
Wie es Dernau vor rund hundert Jahren zuging, schilderten nach der Wiederaufnahme Dieter Koll und später Irmgard Berzen. Man möchte heute eigentlich gar nicht mehr wissen, was damals alles auf dem Schuttplatz von Dernau abgeladen wurde - Koll ließ trotzdem zur allgemeinen Erheiterung nichts aus. Berzen erzählte, wie fröter die wöchentliche, samstagnachmittägliche Wösch - die Körperpflege - ablief: „De Bap schliff de Bütt zum Wösche uss de Waschküch ran“, worauf „eene no de andere in de Bütt jing“. Den Anfang machten „de Konde, dann koome die Äldere, de Mam un de Bap“. Nach so viel Waschtätigkeit und dreckentkrusteter Körper hat die Oma danach „de janze Schmand“ zunächst mit der Kelle abgeschöpft, bevor sie in die kleine Behelfswanne stieg - so viel Hygiene musste eben sein. Denn „och de Opa“ war ja schließlich noch dran.
Tosender Beifall war diesem herzerfrischenden Beitrag gewiss, ebenso wie dem anschließenden von Marlies Vilz mit ihren „Anekdötche üs em Konderjade“. „Olles watt Ihr moot iss kitsch“ soll ihre Mutter gegenüber Klein-Marlies bezüglich der Tagesabläufe im Dernauer Kindergartens gesagt haben, worauf die Fünfjährige nichts Besseres zu tun hatte, als es der gescholtenen Kindergärtnerin weiterzuerzählen. Die war so gekränkt, dass sie 20 Jahre nicht mehr mit der Mutter geredet hat.
Der langanhaltende Beifall und die herzhaften Lacher im Auditorium lassen darauf schließen, dass die beiden Neulinge Berzen und Vilz ihrer vollauf gelungenen Premiere beim Verzällches-Owend zu den nächsten Ausgaben in den kommenden Jahren gerne weitere Auftritte folgen lassen können. Mit solch spritzigen Beiträgen und den vielen, meist vom Publikum mitgesungenen Liedern wie „Maach dir Freud“ und „Wenn ob Jödelste die rote Sonne“ (jeweils Walter Kreuzberg und Walter Trarbach) war es am Freitagabend kein Wunder, dass der Saal zum Ende hin fast wie zur besten Fasteloovend-Zitt am Kochen war. Alle, ob schunkelnd auf der Bühne oder im Saal, sangen gemeinsam und aus voller Brust lokale Hits wie „De Dearner Wing“, bevor man noch lange zusammensaß.
Dabei war man nicht einmal ganz unter sich. Denn wie sich am Ende herausstellte, waren Mundartfreunde aus Esch, Gelsdorf, Rech, Remagen und gar aus Niederbachem ins größte Dorf an der Ahr gekommen waren - natürlich einige „Emigranten“ darunter wie die Schwester von Redner Dieter Koll, die als Weitangereiste ebenfalls eine „Fläsch Ruude“ mit „nach Hause“ nahe Bonn nehmen konnte.
Wer den grandiosen Abend verpasst hat, der muss sich dennoch nicht gänzlich grämen: Denn eine DVD mit allen Beiträgen ist im Edeka-Markt von Dernau, in der Vinothek der Dagernova und beim Martinsmarkt zum Preis von 15 Euro erhältlich. Ansonsten kann man sich trösten, dass „dat Wasser der Ahr imme noch de Bersch herafflööft“, wie es Franz Kreuzberg in seinem Gedicht „Dat Wasser von Daerne“ festhielt, und es eine nächste Auflage des Verzällches-Owend im kommenden Frühjahr bestimmt wieder geben wird.
Sie sind der Meinung, das war Spitze: Über „Jödelste“ (Weinberglage in Dernau) sangen der fast neunzigjährige Walter Kreuzberg (r. an der Gitarre) und Walter Trarbach, die Pohlschepp (Jauchekelle) schwingend.
