Ergebnisse des einzigartigen Pilotprojekts in Bad Neuenahr vorgestellt
Fußball macht Schule
Bad Neuenahr. Es ist ein bundesweit einzigartiges Pilotprojekt - und schon jetzt ein Erfolgsprojekt: „Fußball macht Schule“. Seit Beginn des Schuljahres 2012/2013 hat der Fußballverband Rheinland in über 100 Ganztagsschulen des Rheinlands mehr als 130 Fußball-AGs ins Leben gerufen. Die Rückmeldungen seitens der Schüler, der AG-Leiter und der Schulen zeigen, wie gut die Initiative allerorten angenommen wurde. Die Ergebnisse einer Erhebung, die der Fußballverband Rheinland durchgeführt hat und die die Entwicklung des Projekts ermitteln soll, wurden jetzt in der Aula der Grundschule Bad Neuenahr vorgestellt - jener Schule, die mit nicht weniger als acht AGs zu den Vorreitern zählt. Dazu war neben Walter Desch, Präsident des Fußballverbands Rheinland und seinem Vize Alois Stroh auch Staatssekretär Hans Beckmann vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur nach Bad Neuenahr gekommen, begrüßt von Schulleiter Hubert Rieck. Die nackten Zahlen können sich sehen lassen: Am Projekt nehmen aktuell 108 Schulen teil, 59 Grundschulen und 49 Weiterführende. Die Gesamtzahl der AGs beträgt im Schuljahr 2013/14 circa 150 mit 237 AG-Stunden pro Woche - im Jahr sind das 9495. 138 AG-Leiter konnten gewonnen werden. Sie betreuten bis zum Ende des vergangenen Schuljahrs 2.467 Schüler, ein stolzes Plus von 646 zum Projektstart am Beginn des Schuljahrs. Davon gehörten 942 weiterführenden Schulen an, 1.201 Grundschulen, mit einem praktisch gleichen Zuwachs. Und noch eine interessante Zahl gibt es: Bei Schülern, die in Vereinen sind, gab es eine Steigerung von 247 auf 893. Das ist nämlich erklärtes Ziel des Fußballverbands Rheinland: „Mehr Kinder in die Vereine zu bringen, um so der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken“, wie Verbandsvizepräsident Stroh erläutert. Vor Start des Projekts waren zwei Drittel der Schüler nicht in Vereinen - diese für den Verband unbefriedigende Zahl konnte wenigstens ein wenig korrigiert werden.
Co-Finanzierung
Finanziert wird das Pilotprojekt in Koproduktion von Ministerium, Sportbund und Energieversorger RWE, der jährlich 20.000 Euro über drei Jahre hinzuschießt. „Ohne RWE wäre das Projekt wohl nie gestartet“, sagt so auch Verbandspräsident Desch. Aus den Etats der Schulen gibt es zudem Mittel für die Weiterqualifizierung der AG-Leiter, die Staatssekretär Beckmann auf 1.500 Euro pro Jahr und Schule beziffert. Denn die Leiter benötigen eine aktuelle Trainerlizenz. Wie beispielsweise Klaus Warmth. Der Vorruheständler besitzt seit 1978 eine solche Lizenz und trainiert zurzeit die C1-Junioren der SG Ahrweiler/Bad Neuenahr, früher bereits den VfB Linz, TuS 1903 Niederahr oder den TuS Koblenz. „Wenn man im Ruhestand viel Zeit hat, kommt man auf die dollsten Ideen“, lacht er. Denn er leitet gleich alle acht AGs der Grundschule Bad Neuenahr - jeweils von montags bis donnerstags zwischen 14 und 16 Uhr als einstündige Einheiten. Auf das Angebot war er durch die Annonce auf der Internetseite des Fußballverbands Rheinland aufmerksam geworden. Er selber hatte noch keine Fehlstunden, aber natürlich müssen die seitens des Fußballverbands einkalkuliert werden. Deswegen gibt es Springer, die wie auch die anderen AG-Leiter finanziell für den Zeitaufwand und Fahrtkosten entschädigt werden. „Das ist ein unglaublicher organisatorischer Aufwand, Vertretungsregelungen zu schaffen“, sagt Stroh. „In diesem Jahr ist bislang aber noch keine einzige AG-Stunde ausgefallen“, ergänzt er stolz. 170 Bewerbungen von Rentnern, Vätern oder Studenten auf AG-Stellen habe es gegeben - 30 hatte der Verband vorsichtig kalkuliert. Auch deswegen bezeichnet Verbandspräsident Desch das Projekt als vollen Erfolg: „Wir sind selber überrascht über die Dimension, die es angenommen hat. Fußball ohne Meisterschaft war zunächst die vage Idee. Dann gab es tatkräftige Unterstützung durch die Fußballzuständigen in den Schulen, schließlich erfolgte auch der Segen durchs Bildungsministerium.“ Staatssekretär Beckmann pflichtet ihm bei: „Das ist ein Projekt, das Hand und Fuß hat. Nach einem Jahr kann man sagen, dass es vollauf gelungen ist. Spaß am Fußball, aber auch Fairplay, Teamgeist, Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft stehen dabei im Vordergrund.“ Ihm liegt auch die Nachhaltigkeit des Projekts am Herzen. „Das Ziel im zweiten Jahr muss es sein, noch mehr Schüler in die Vereine zu bringen.“
Mädchen konkreter ansprechen
Für die angesprochene Zukunft von „Fußball macht Schule“ gibt es noch einige Herausforderungen. Wichtig sei beispielsweise die verstärkte Integration ausländischer Schüler. Einen wichtigen Schwerpunkt spricht Schulleiter Rieck an: „Mädchen wollen noch konkreter angesprochen sein. Deshalb gibt es in Bad Neuenahr jetzt „Vor-AGs“, wo die oftmals mehr gehemmteren Mädchen vorsichtig, auch mit weicheren Softbällen, an den Sport herangeführt werden. 85 Prozent der AG-Teilnehmer sind in Bad Neuenahr bislang noch Jungen. Insgesamt finden sich auf allen teilnehmenden Schulen unter 2.467 AG-Schülern nur 403 Mädchen. Verbandsvize Stroh berichtete aber von Mut machenden Beispielen. „In einem Fall ist eine komplette Mädchen-Fußball-AG in einen Fußballverein eingetreten.“ Es gäbe bislang sowohl reine Mädchen- und Jungen- als auch gemischte AGs. Stellschrauben zu Verbesserungen gebe es insgesamt also noch. So soll das Miteinander von Schulen und Vereinen besser verzahnt werden. „Das Projekt hat die AG-Leiter so elektrisiert, dass sie selber Vorschläge zu Verbesserungen machen. Diese Dynamik hat uns selber überrascht“, berichtet Stroh. Insgesamt wäre das Projekt so spannend und positiv verlaufen, dass auch schon andere Sportarten wie Fechten Interesse zeigten, wobei sie vom Fußballverband mit Kontakten und Know-how unterstützt werden. Für den Neuenahrer Schulleiter Hubert Rieck ist allerdings Fußball „die ideale Sportart, um das ,Ich‘ in ein ,Wir‘ umzuformen“. Hiermit sei auch der Kernbereich einer Ganztagsschule wie in Bad Neuenahr angesprochen. Ein schlüssiges Gesamtkonzept sei insgesamt bedeutsam, „nicht nur eine AG an den Unterricht anzuhängen“.
