Handwerk entdecken
Grundschulkinder in Heimersheim entdecken Handwerk praxisnah
Heimersheim. 43 Schülerinnen und Schüler der zweiten bis vierten Klasse der Grundschule an der Landskrone in Heimersheim können in diesem Schuljahr Handwerk neu entdecken. Seit rund fünf Wochen läuft dort das #pilotprojekthandwerk – zurück in die Schule, initiiert von der Ahrtaler Schauspielerin und Künstlerin Antje Mies.
Das Besondere: Die Kinder sollen nicht einfach einen weiteren Unterrichtsinhalt lernen. Sie sollen selbst ausprobieren. „Mir geht es nicht darum, dass ein Grundschulkind schon wissen muss, welchen Beruf es später einmal ergreifen möchte“, erklärt Mies. „Es geht darum, Handwerk sichtbar zu machen und Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Stärken zu entdecken.“
Die Idee für das Projekt entstand nicht über Nacht. Mies beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit dem Thema Handwerk. Dabei hat sie selbst eigentlich einen ungewöhnlichen Weg genommen. Aufgewachsen ist sie in einer handwerklich geprägten Familie. Nach ihrem Abitur absolvierte Mies zunächst eine Ausbildung zur Bürokauffrau bei der Firma Klaes in Ahrweiler. Danach zog es sie nach Berlin, wo sie Schauspiel studierte. 2013 schloss sie ihr Studium ab und kehrte anschließend wieder in ihre Heimat zurück. Heute arbeitet sie als freiberufliche Schauspielerin und Künstlerin und ist unter anderem regelmäßig an Schulen im Ahrkreis tätig.
Die Flutkatastrophe 2021 veränderte ihren Blick auf das Handwerk noch einmal. „Durch und nach der Flut ist mir noch viel deutlicher geworden, wie wichtig Handwerk ist“, sagt Mies. Während im Ahrtal unzählige Menschen beim Aufräumen und Wiederaufbau halfen, waren es auch Handwerkerinnen und Handwerker, die anpackten, reparierten, installierten, bauten und dafür sorgten, dass aus zerstörten Gebäuden wieder bewohnbare Häuser werden konnten. Mies wollte dafür Danke sagen. Aus diesem Gedanken entstand zunächst der Podcast „Mein Leben mit SHK und HZBAL“, später entwickelte sie unter dem Hashtag #liebegehtrausanshandwerk weitere Projekte.
Auch mit dem #pilotprojekthandwerk wird eine neue Möglichkeit geschaffen. Mies nahm zuvor Kontakt zu Handwerkskammern und Innungen in ganz Deutschland auf und warb dafür, Kinder schon frühzeitig wieder mit handwerklichem Arbeiten in Berührung zu bringen. Mit wenig Erfolg, obwohl der Fachkräftemangel auch vor dem Handwerk nicht halt macht. Mies ist überzeugt: Wenn Jugendliche erst mit 15 oder 16 Jahren damit beginnen, sich mit ihren beruflichen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, kann es bereits zu spät sein. „Stärken sollten schon vor der Pubertät verankert sein“, sagt sie. „Wenn Kinder früh wissen, worin sie gut sind und was ihnen Freude macht, kann das später bei der Berufswahl helfen.“
Wie das in der Praxis aussehen kann, erlebten die Heimersheimer Kinder erst kürzlich. Zu Gast war die 23-jährige Gesellin Leonie Kaib aus Erftstadt. Sie arbeitet im elterlichen Betrieb Kaib Bad Wasser Wärme GmbH & Co. KG und hat sich selbst für einen handwerklichen Ausbildungsberuf entschieden. Kaib kam nicht mit einem Vortrag und einer PowerPoint-Präsentation. Sie brachte Werkzeuge, Kupferrohre und Fittings mit. Die Kinder durften Fragen stellen und anschließend selbst ausprobieren. Rohre wurden zusammengesteckt, Werkzeuge ausprobiert und die ersten Erfahrungen mit Materialien gesammelt. Plötzlich war Handwerk nicht mehr nur etwas, worüber Erwachsene reden. Es lag direkt vor ihnen auf dem Tisch und somit stellte sich auch eine ganz andere Sichtbarkeit und Wertschätzung ein.
Auch wenn das Pilotprojekt in Heimersheim stattfindet, reicht die Unterstützung inzwischen weit über das Ahrtal hinaus Handwerksbetriebe und Werkzeuglieferanten aus ganz Deutschland unterstützen die Initiative mit Sachspenden. Dazu gehören unter anderem Cutting Express aus Abenberg, WVG Werkzeug-Vertrieb aus Aschaffenburg und Gragert aus Norderstedt. Für Mies zeigt sich darin bereits ein wesentlicher Gedanke ihres Projekts: Handwerk funktioniert nur miteinander. Und genau dieses Miteinander möchte sie auch den Kindern vermitteln.
Das Projekt ist zunächst auf ein komplettes Schuljahr ausgelegt. Während dieser Zeit entwickelt Mies ein Konzept, das ab Sommer 2027 auch an weiteren Schulen eingesetzt werden könnte. „Vielleicht ist es in der Grundschule noch zu früh, sich für einen bestimmten Beruf zu entscheiden“, sagt Mies. „Aber es ist nicht zu früh, sich mit den eigenen Fähigkeiten auseinanderzusetzen.“
Fragen wie z.B: Was kann ich gut? Was macht mir Spaß? Kann ich etwas bauen, reparieren, gestalten oder ausprobieren? Und traue ich mich überhaupt, etwas mit meinen eigenen Händen zu schaffen? Genau solche Anreize möchte das #pilotprojekthandwerk – zurück in die Schule anstoßen.
Handwerk beginnt nicht erst mit der Ausbildung. Handwerk beginnt mit dem ersten Mal, wenn ein Kind etwas selbst macht und dabei denkt: „Das kann ich!“
links Leonie Kaib Gesellin aus Erftstadt, rechts Antje Mies Initiatorin #pilotprojekthandwerk in der Grundschule Heimersheim Foto: Antje Mies