Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges berichten in der Ehemaligen Synagoge Ahrweiler
Leben zwischen Westwall und Weinberg
Die beiden Filmemacher Wolfgang Arends und Jürgen Drüeke schufen aus Interviews eine interessante filmische Collage
Ahrweiler. Eine Geschichte aus dem Ahrtal, die sich vor 70 Jahren zugetragen hat: Einige Jungs von der Ahr wurden an den Westwall versetzt, da sie sich des Tatbestandes der Führerbeleidigung schuldig gemacht hatten. Die Hitlerjungen hatten ihren unmittelbaren Vorgesetzten verprügelt. Im Kampfgebiet angekommen, wurde der Marschbefehl schnell revidiert. Der örtliche Offizier hatte einfach keine Verwendung für 13-jährige Kinder. Und so kam es, dass die Gestraften, darunter der Ahrtaler Heinz Kriechel, sich prompt wieder in einem Konvoi Richtung Remagen wiederfanden und die Heimreise antraten. Auf die Frage, warum Kriechel und seine Kameraden gegen ihren Truppführer die Fäuste erhoben, antwortet der Zeitzeuge achselzuckend: „Ach, den hatten wir sowieso auf dem Kicker.“ Diese und viele andere Zeugenberichte sammelten die beiden Filmschaffenden Wolfgang Arends und Jürgen Drüeke von den „Goethe 11“-Studios. Die Interviews, die die Recherchearbeit zu ihrer neuesten Spielfilm-Produktion „1945: Der Krieg kommt ins Ahrtal“ darstellen, präsentierten die beiden nun in der ehemaligen Synagoge in einer 48-minütigen Filmcollage. Viel Material wurde dabei zusammengetragen und Wolfgang Arends tat sich schwer anhand der Auswahl der Berichte. „Das ist so, als würde man unter 100 perfekten Äpfeln die fünf schönsten auswählen müssen,“ erklärt der begeisterte Regisseur Arends angesichts der Qualität der festgehaltenen Zeugenberichte. Gespickt mit originalen Fotografien und Filmausschnitten, welche mit Spielfilmszenen aus der Eigenproduktion versetzt wurden, schufen die Macher des „Goethe 11“-Studio eine beklemmende wie hochinteressante Dokumentation.
„Stadt im Berg“
Einer der Berichte, die es in die Reportage geschafft haben, stammt von Kurt Geller. Er erlebte als Kind das von Tieffliegerangriffen zerstörte Ahrweiler hautnah und war einer der etwa 2.200 Bürger, die sich im Silbergtunnel eine neues zu Hause geschaffen hatten. In der „Stadt im Berg“, die durch den gleichnamigen Roman von Mathilde Husten auch überregional bekannt wurde, lebten die Ahrweiler in behelfmäßigen Hütten, dicht gedrängt auf wenigen Quadratmetern. Anhand der desolaten Lage zeigten sich die Tunnelbewohner kreativ. „Auf umgedrehten Bügeleisen wurden Kannen gestellt und so der Kaffee warm gemacht,“ berichtet Geller. Strom hatten die Familien auch: Dieser wurde im einen benachbarten Stollen gewonnen. Dort befand sich eine Außenstelle des so genannten KZ Rebstock in Dernau; entsprechend wurden auch hier Zwangsarbeiter eingesetzt.
Ein fataler Fehler
Dieser Tunnelabschnitt wurde später übrigens in den Regierungsbunker integriert. Geller beschreibt den Alltag im Tunnelleben: „In der Nacht gingen die Menschen herunter in die Stadt zu ihren Häusern, um dort Proviant zu holen. Und am Morgen wieder zurück in den Tunnel“. Begründet war dies durch tieffliegende Bomber, die nur bei Tageslicht und guter Sicht effizient arbeiten konnten. Doch besonders gut erinnert sich Kurt Geller an einen Tag, den 29. Januar 1945, der als einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Ahrweilers eingehen sollte. Aufgrund diesigem Wetters und schlechter Sicht wiegten sich die Ahrweiler in Sicherheit und befürchteten keine Gefahr aus den Wolken. Doch das war ein fataler Fehler: 38 allierte Bomber attackierten die Altstadt mit dem Ziel, einen Radarwagen in Höhe des Ahrtors zu zerstören. Das anschließende Flächenbombardement zerstörte weite Teile der Stadt, circa 100 Menschen verloren ihr Leben. Der Radarwagen blieb jedoch verschont - dieser wurde einige Tage zuvor abgezogen.
Die Wilden aus der Fremde
Nach den Bomben kam der geordnete Rückzug der Wehrmacht und danach die Amerikaner. Fremd und riesenhaft, wild und mit Messern zwischen den Zähnen - so zeichnete Joseph Goebbels das Bild der Besatzer aus dem fernen Westen in seiner Propaganda. Die berichtenden Ahrweiler, damals Kinder, prägte die Zusammenkunft mit den unbekannten Soldaten. So beschreibt auch Agnes Drüeke, damals fünf Jahre jung, den Erstkontakt: „Dann kamen die Amerikaner. Und da waren auch einige dunkle Typen dabei. So etwas hatte ich noch nie gesehen“, erklärt Drüeke mit einem Schmunzeln. Das Fazit der Zeitzeugen ist trotz aller Befremdnis eindeutig. Die „Amis“ verhielten sich den Zivilisten freundlich gegenüber und für Kinder gab es auch mal ein Geschenk. Arends und sein Regie-Kollege Jürgen Drüeke behielten recht: Es gibt so viele interessante Geschichten aus den Zeiten des Zweiten Weltkrieges zu erzählen. Seien es bedrückende Schicksale oder rührende Begebenheiten. Fast schon zu viel, um es in 48 Minuten festzuhalten.
Doppelpremiere in der Synagoge
Gleich zweimal wurde der Film nun aufgeführt und die Filmemacher konnten sich nicht über mangelnden Zuspruch beklagen. Nahezu alle der 120 Plätze in der ehemaligen Synagoge waren zu der Doppel-Vorstellung besetzt. Der Veranstaltungsort war nicht zufällig gewählt. Die aufwendig restaurierte Synagoge in Ahrweiler spiegelt wie kaum ein anderes Gebäude die Wirren und Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges wieder. Am fortgeschrittenen Abend präsentierten die Filmemacher auch das Spielfilm-Pendant zur Dokumentation. Wolfgang Ahrends und Jürgen Drüeke bedanken sich mit dem filmischen Denkmal „1945: Der Krieg kommt ins Ahrtal“ bei ihren Zeitzeugen. Mit Darstellern, rekrutiert aus dem Freundeskreis und natürlich mit vielen Ahrtaler Urgesteinen, bauten sie die Handlung des Spielfilms auf dem Hintergrund der Berichte der Zeitzeugen auf. Bereits im November vergangenen Jahres feierte der 90-minütige Film Premiere und ist nach wie vor in Ahrweiler Presse- und Tabakshops und in den Tourist-Informationen zu erhalten. Auch den Film der Zeitzeugen hat Arends zu einem eigenständigen Projekt gemacht und ist so auch auf DVD zu erwerben. ROB
