Seelsorger verabschiedet sich in den Ruhestand
Pfarreiengemeinschaft: „Das System kann so nicht funktioneren“
Pastor Herbert Ritterath findet im BLICK aktuell-Interview klare Worte
Heimersheim.Als Pfarrer und Seelsorger ist man hautnah an den Menschen, konfrontiert mit ihren Sorgen und Nöten, begleitet sie auf den letzten Metern, wenn es heißt Abschied zu nehmen. Man erlebt aber auch die schönen Seiten des Lebens hautnah mit: Taufe, Kommunion, Firmung, Heirat - das alles wird Pastor Herbert Ritterrath aus Heimersheim vermissen. Am 30. April sagt er Adieu und verabschiedet sich in den Ruhestand. Gesundheitliche Beschwerden, der ständige Appell seines Arztes, sind der Grund, warum der langjährige Pfarrer der Gemeinden in Heimersheim, Lohrsdorf, Ehlingen, Heppingen, Kirchdaun und Gimmigen sein zeitintensives Amt schon im Alter von 63 Jahren aufgeben muss. Seit die Pfarrgemeinden im Jahr 2011 grundlegend umstrukturiert wurden, gehört Ritterrath neben Dechant Jörg Meyrer und Moderator Pastor Peter Dörrenbächer, zu den drei übrig gebliebenen Pastoren der Pfarreiengemeinschaft Bad Neuenahr-Ahrweiler. Ob nach seinem Abschied die Stelle neu besetzt wird, ist wegen des akuten Priestermangels wohl eher unwahrscheinlich. Das Pfarrhaus direkt an der Kirche wird wohl leerstehen. Was damit geschehen soll, muss noch entschieden werden. Im Interview mit Blick Aktuell wirft der Heimersheimer Pfarrer den Blick zurück auf sein Wirken, schöne wie bewegende Ereignisse und spricht über die Herausforderungen der katholischen Kirche in diesen Tagen.
BLICK aktuell: Herr Ritterrath, vom Industriekaufmann über den „zweiten Bildungsweg“ zum Seelsorger. Das war wahrlich ein ungewöhnlicher Schritt. Wie kam es zu dieser beruflichen Veränderung?
Herbert Ritterath: Ich glaube, das hat etwas mit meiner Lebensgeschichte zu tun. Das erste, was man da erwähnen muss, ist: Ich bin in einem grundchristlichen katholischen Elternhaus aufgewachsen. Was ich gelernt habe vom Glauben, das kam von meiner Mutter. Von ihr habe ich das meiste gelernt, vielleicht mehr als man heute im Priesterseminar vermittelt bekommt. Ein Besuch im Wallfahrtsort Banneux ließ bei mir dann schon sehr früh den Wunsch aufkommen, Priester zu werden. Das war sehr prägend. Da sind Funken übergesprungen. (Anmerkung der Redaktion: Der Wallfahrtsort Banneux liegt in den belgischen Ardennen, südöstlich von Lüttich. 1933 will ein junges Mädchen mehrfach die Mutter Gottes gesehen haben). Ich war immer mit dem Glauben verbunden - doch im Jugendalter rückte die Idee, Priester zu werden, zwischenzeitlich in den Hintergrund. Mit 16 Jahren ist mir der Gedanke dann wieder bewusst geworden. Und ich wollte es einfach probieren. Damals hatte ich meinen Heimatpfarrer angesprochen. Über ihn bekam ich einen Platz am Abendgymnasium - mit 17 Jahren, einem Jahr früher als eigentlich erlaubt. Dann folgte das Studium.
BLICK aktuell: Nach Studium, Wirken als Diakon und nach der Priesterweihe haben Sie in Löf an der Mosel gearbeitet - aber kamen 1998 zurück ins Ahrtal, nach Heimersheim. Haben die Menschen hier andere Sorgen als an der Mosel?
Herbert Ritterath: Die Menschen an der Mosel sind ein anderer Menschenschlag. Man muss sich das so vorstellen: In Löf ist die Landschaft ständig in Bewegung. Fremdenverkehr ist dort ein riesiges Thema - über viele Monate im Jahr. Das prägt die Menschen dort sehr. Über die Sommermonate ist dort unwahrscheinlich viel Betrieb - und dann bleibt weniger Zeit für Kirche und Glaube. Im Winter ist die Kirche dann wieder gut gefüllt. In Heimersheim war mir hingegen direkt aufgefallen, dass mehr Kinder in der Kirche waren. Hier ist das Vereinsleben sehr wichtig, der Zusammenhalt erscheint mir größer. Und man muss ganz klar sagen: Hier sind meine Wurzeln, hier fühle ich mich wohl.
BLICK aktuell: Glauben Sie, dass es angesichts der vielen Kirchenaustritte und schlechten Nachrichten um Missbrauchsfälle und Geldverschwendung für junge Menschen noch erstrebenswert sein kann, Priester zu werden?
Herbert Ritterath: Ob man heute noch Priester werden soll? Das kann ich so gar nicht sagen. Die Zeit und die Situation ist eine andere. Priester sein kann man nur in der Liebe zu Gott und zu den Menschen - und ich würde erst einmal nach den wahren Motiven fragen.
BLICK aktuell: Trotzdem gehen immer noch junge Männer diesen Schritt…
Herbert Ritterath: Es werden aber immer weniger. Zu meiner Zeit - 1980 - nahmen noch 120 Menschen am Priesterseminar teil, heute sind es neun. Man muss sich doch die Frage stellen, warum heute so wenige Menschen noch Priester werden. Das hat für mich mit fünf Gründen zu tun - und dazu gehört nicht der Zölibat. Ich bin überzeugt, selbst wenn alle Priester heiraten dürften, würde das trotzdem nichts an der Situation ändern. Ein Grund ist: Es sind keine Wurzeln mehr da. Es gibt kaum noch Eltern, die ihren Kindern den Glauben vermitteln. Der zweite Grund ist für mich, dass es mit einer 40-Stunden-Woche nicht getan ist. Man ist rundum im Dienst, muss ständig erreichbar sein. Drittens, Dienstort und Privatleben sind identisch. Das hat mich in den letzten Jahren schon gelegentlich belastet. Was viele auch abschreckt ist die Art und Weise, wie sich die katholische Kirche in den letzten Jahren wiedergibt. Die größte Katastrophe war der Missbrauchsskandal, dann hat Limburg mit den Ereignissen um Bischof Tebartz-van Elst noch einen draufgesetzt, das Karrieredenken bis hin zu unbedachten Äußerungen des Papstes - dadurch hat die Kirche ihren Schleier verloren. Und der letzte Grund: Man muss sich als Priester heute unwahrscheinlich oft verbiegen.
BLICK aktuell: Inwiefern verbiegen?
Herbert Ritterath: Menschen äußern immer öfter Sonderwünsche, die kaum erfüllbar sind.
BLICK aktuell: Zum Beispiel?
Herbert Ritterath: Es sollte mal eine Taufe an einem Bildstock stattfinden, an einem Dienstagabend, weil sich die Urgroßeltern auch an einem Dienstagabend an diesem Bildstock einmal die Ehe versprochen haben. Wenn wir so etwas anfangen - Taufen in Filialkirchen oder Hochzeiten an Hütten - dann haben wir zwar Events, aber keine Glaubensfundamente mehr.
BLICK aktuell: Welche Momente als Priester hier in Heimersheim haben Sie bewegt?
Herbert Ritterath: Was mir besonders gut gefallen hat - jedes Jahr aufs Neue - war das Historische Weinfest. Grund genug für mich, einen Beitrag zu leisten - mit der lateinischen Messe immer am Weinfestsonntag. Ein persönlicher Höhepunkt war natürlich meine Zeit als Schützenkönig. Dadurch bin ich den Schützen sehr viel nähergekommen und habe auch gute Freunde gefunden. Immer wieder schön waren die Gottesdienste mit den Kommunionkindern. Dafür hatte ich extra ein Figurenspiel entwickelt. Und nicht zu vergessen auch die gemeinsame Christmette und das anschließende Weihnachtsfest mit Karl Kardinal Lehmann in Heppingen 2007. Das wird unvergesslich bleiben - wir schreiben uns heute noch.
BLICK aktuell: Herr Ritterrath, in vielen Fragen kann sich die katholische Kirche nicht wirklich positionieren. Von der Bischofssynode vergangenes Jahr haben sich Gläubige auf der ganzen Welt deutlich mehr erwartet. Was glauben Sie, wo und mit welchen Veränderungen steht die katholische Kirche in 20 Jahren? Oder existiert sie dann schon gar nicht mehr?
Herbert Ritterath: In 20 Jahren wird es im Dekanat noch zwei oder drei Priester geben, und vielleicht drei bis vier intakte Kirchen. Alles andere wird zugemacht, abgerissen oder verkauft. Das Christentum muss in der herkömmlichen Form auslaufen, um sich neu zu begründen und zu orientieren.
BLICK aktuell: Wie kann das aussehen, Neubegründung und Neuorientierung?
Herbert Ritterath: Es wird einzelne Menschen geben, die sich wieder im kleinen Kreis zum Gebet treffen. Vielleicht haben sie dann einen Kontakt zu einem Priester. Aber die Masse, die von uns genannte Volkskirche, die immer noch ein Stück aufrechterhalten wird, die wird es nicht mehr geben. Die Besucherzahlen der Messen sind stark rückläufig, immer mehr werden sich abwenden. Ich denke auch, dass in Zukunft Laien Beerdigungen durchführen werden.
BLICK aktuell: Düstere Aussichten…
Herbert Ritterath: Aber ich bin realistisch. Es hat keinen Zweck, alles schönzumalen.
BLICK aktuell: Ist das auch ein Vorwurf an die Kirche? Hat die Kirche zu viel versäumt?
Herbert Ritterath: Nun, die Kirche darf sich sicher nicht in allem anpassen. Da geht es auch darum, Identität zu wahren. Sie muss schon das Salz in der Suppe bleiben. Aber es bleiben viele Fragen, viel Unverständliches: Warum soll ein wiederverheirateter Küster oder eine Küsterin nicht die Kerzen am Altar anmachen dürfen? Das ergibt keinen Sinn. Sie dürfen Kommunionkinder unterrichten, aber nicht den Kelch für die Messe bereitstellen? Das gilt im Übrigen auch für Reinigungskräfte. Da haben viele die Zeichen der Zeit nicht richtig gedeutet. Jetzt beginnt man langsam, die Menschen zu fragen. Es ist vielleicht zu spät.
BLICK aktuell: Nun gab es hier im Stadtgebiet einige Veränderungen - Stichwort Pfarreiengemeinschaft. Neben Ihnen verlässt auch Kaplan Andreas Kern die Region, und einen Ersatz für sie beide wird es wohl nicht geben. Weniger Priester, weniger Gottesdienste - schafft sich die Kirche hier vor Ort selbst ab?
Herbert Ritterath: Ich bin der Überzeugung: Das System kann so nicht funktionieren. Es kann kein Pfarrer, der Theologie studiert hat, auch Finanzen bearbeiten. Er ist zurzeit Vorsitzender eines riesigen Finanzblocks und hat sehr viel Geld zu verwalten und sich dabei auch um Personalplanung zu kümmern. Das sind eigene Berufe für Juristen und Personalmanager - und der Pfarrer soll das alles so können? Ich plädiere für einen Verwaltungsdirektor in jeder Einheit geben, der in engem Kontakt mit den Geistlichen steht und alles abwickelt, was mit verwaltungstechnischen Aufgaben zu tun hat. Es wird wichtig sein, dass die Pfarrer in der Pfarreingemeinschaft viele Aufgaben abgeben können. Gerade im Bereich der Beerdigungen, der Gottesdienste und deren neuen verschiedenen Formen. Sonst kann sehr schnell die Gesundheit leiden.
Was die Kirche wirklich braucht ist eine grundlegende Öffnung. Foren, in denen sie mit den Menschen spricht, ihre Nöten ernst nimmt, wo sie die nötige Betroffenheit zeigt - und nicht mit irgendwelchen Regeln und Gesetzen dagegenwirken.
BLICK aktuell: Sie sind eng mit Heimersheim und den Orten rund um die Landskrone verbunden, waren Schützenkönig, sind Präses der Heimersheimer Schützengesellschaft, die lateinischen Messen während des Weinfestes. Trotzdem wollen Sie Heimersheim verlassen…
Herbert Ritterath: Diesbezüglich gibt es eine Regelung des Bistums. Der Pfarrer muss ausdrücklich den Dienstort verlassen. Das ist aber auch gut so: Man schafft Distanz, hat wieder mehr Privatleben. Der Abstand nach Bad Bodendorf ist ideal für mich. So kann ich einerseits abschalten, bin aber auch schnell erreichbar, wenn ich gebraucht werde. Dafür stehe ich gerne zur Verfügung.
BLICK aktuell: Ein Wort zu einem aufwendigen Bauprojekt: Werden wir die Fertigstellung des alten Gebäudeteils der Pfarrkirche St. Mauritius noch erleben?
Herbert Ritterarath:Ich hoffe doch! 2022 feiert Heimersheim ein großes Jubiläum - 800 Jahre Pfarrkirche. Der alte Teil soll innerhalb der nächsten Jahre für Gottesdienste zugänglich gemacht werden - sobald der Fußboden wieder begehbar ist.
BLICK aktuell: Sie ist ja schon seit Jahren eine große Baustelle. Macht es denn überhaupt Sinn, die kostenintensive Renovierung weiter voranzutreiben - angesichts immer weniger Kirchgänger?
Herbert Ritterath: So ein historisches Gebäude kann man nicht verfallen lassen. Das wäre eine Sünde. Allein die alten Kirchenfenster. (Anmerkung der Redaktion: Im Zuge der Stabilisierungs- und Renovierungsarbeiten fand man das Grab von Christian Develig, dem Pfarrer von Heimersheim zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges). Es gibt doch Möglichkeiten: Man könnte dort im alten Teil beispielsweise Stelen errichten. Trauernde könnten mit Chipkarten Zutritt zur Kirche erhalten, es läuft Musik, man verweilt beim Verstorbenen, kommt zur Ruhe und wenn sie die Kirche wieder verlassen, geht das Licht wieder aus. Das ist meine Phantasie, meine Idee - aber doch möglich?
BLICK aktuell: Ruhestand heißt Zeit für das, was die Jahre über keinen Platz fand. Welche drei Dinge wollen Sie jetzt angehen?
Herbert Ritterath: Lesen, vor allem Bücher zur Papstgeschichte und zur aktuellen wirtschaftlichen Lage, Skat spielen und mindestens zwei Mal die Woche schwimmen.
BLICK aktuell: Herr Ritterrath, alles Gute für die Zukunft und vielen Dank für das Gespräch!
