Elf Künstler schöpften Inspirationen aus der Region und boten auf dem Ahrweiler Marktplatz Performances zum Kultursommer
Verblüffend, unaufdringlich und zum Nachdenken anregend
Ahrweiler. Es ist heiß. Da schalten die Menschen einen Gang herunter. Entsprechend langsam schlendern sie am vergangenen Sonntag über den Ahrweiler Marktplatz, wobei die Entschleunigung einem besonderen Geschehen zugutekommt.
Auf Anhieb ist zwischen dem steten Kommen und Gehen der Besucher nichts Außergewöhnliches zu entdecken. Aber, wer ruhig ausschreitet und dabei um sich blickt, entdeckt sie doch, einige verstreute Personen bei ungewöhnlichen Aktivitäten: Ein Mann bewegt sich mit einer ausgewachsenen Maispflanze, um hier und dort minutenlang reglos zu verharren. Zu ihm gesellt sich eine Frau, Klompen an den Füßen und ein trockenes Büschel Glockenblumen mal vor dem Gesicht, mal auf dem Kopf. Später wird sie mit einem anderen Klompenträger paarweise die Holzschuhe zusammenschlagen. Und wechselnde Positionen einnehmend, wedelt ein weiterer Mann mit einer Zeitung. Thorsten Müller, Carola Willbrand, Mark Met und Malte Beisenherz sind vier von zehn Künstlern, die mit Karin Meiner aus Burgbrohl-Oberlützingen, Initiatorin des Kunstprojekts „explorativ“, zum Kultursommer „Künstlerische Erkundungen im ländlichen Raum“ vollziehen und sie in diesem Raum weiterreichen.
Leise Darbietungen
Das geschieht während fünf Stunden im Zentrum von Ahrweiler öffentlich, aber unaufdringlich. Ohne Ansage, ohne Moderation kommen die Darbietungen aus. Die meisten Akteure bleiben stumm, manche antworten auf Fragen. Sie produzieren mit ihrem Körpereinsatz lebende Bilder, die sie überwiegend aus dem Ort und dem Moment heraus entwickeln. Zeitungswedler Müller ging vor seiner Präsentation mit der Zeitung einmal um die Kirche, wo er weinrote Beeren entdeckte. „Das passt ja zu der Weinregion“. Glockengeläut wirkte als Impuls: „Dann läute ich die Beeren und die Zeitung. Es macht mir Freude zu sehen, was wächst, was klingt da, und dann setze ich das um.“
Vom Winde verweht
Inspirationen holten sich die Aktionskünstler zuvor bei Exkursionen in Feld, Wiesen und Steinbrüche, wo sie Fühlung mit dem Material der Landschaft aufnahmen und in Berührung mit den daraus erwachsenen Tätigkeiten und Berufen kamen. So drängen sich Gedanken an den Steinabbau im Brohltal auf und anderswo auf, wenn man Susanne Helmes und Boris Nieslony mit Hämmerchen auf das Marktpflaster klopfen sieht. Aber auch Nieslony transportiert nicht nur Erfahrungen aus dem Steinbruch auf den Ahrweiler Marktplatz.
Er untersucht parallel die dortige Akustik, findet es interessant, „die leichten Abweichungen im Klang der verschiedenen Steine zu hören“. Schweißtreibende zwei Stunden hält er dies durch.
Doch erfrischt ihn Marita Bullmann, die sich temporär in einen Wasserspeier verwandelt, ansonsten jedoch mit einem Bambusstab operiert. Nieslony nutzt seinerseits nachfolgend ein Wollknäuel, von dem er geduldig jeweils eine Fadenstrecke abmisst, sie los- und vom Wind tragen lässt, um immer aufs neue zu bewundern, „wie schön das fällt und welche Muster sich ergeben“.
Ausdauernd agiert auch Lala Nomada, die zwischen zwei Steinen mit Olivenöl Lavendel vom Platz und Rosmarin zerreibt, „eine uralte, in allen Kulturen verbreitete Technik zum Zerkleinern“, wie die Mexikanerin erklärt. Kinder, offenkundig fasziniert, von dem, was vor sich geht, dürfen gelegentlich mittun. Häufig bleiben Passanten stehen, erfahren verwundert, dass Nomada schon drei Stunden auf diese mühsame Weise beschäftigt ist und zwischendurch Marktbesucher mit der Essenz massiert. Noch erstaunter kommentieren sie „ach, das ist Kunst“, als sie hören, dass es nicht um Folklore geht.
Büßerin im langen Kleid?
Neugier weckt ebenfalls eine barfüßige Frau im langen grünen Satin- und Samtkleid. Steine hat sie sich auf Nacken und Rücken gepackt und derart beschwert kriecht sie über noch mehr Bruchsteine. Eine Gesteinigte? Eine Büßerin? „Es soll ein offenes Bild sein, eine Skulptur, die sich bewegt“, sagt Petra Deus. Zwei Aspekte umfasse ihre Steingang: Die Last, die Menschen zu tragen haben, „aber auch Wege, sich wieder aufzurichten“. In der Pfarrkirche hörte sie in der Lesung vom Anhäufen des Reichtums, „auch eine Last“, und während ihrer Performance dachte sie an „Hans im Glück, der sich zuletzt von allem Erworbenen befreit“. Deus Aktionskunst gehörte zum Eindrücklichsten, was die Künstler auf dem großen Platz boten. Obgleich wenige Betrachter das Gesehene vollständig zu ergründen suchten, hielten doch viele inne, um die Impressionen aufzunehmen und sich ihre eigene Gedanken zu machen.
Wer dazu keine Lust hatte, konnte sich am kleinen Stand von „Stadtschreiber“ Rolf Hinterecker Postkarten mit Fotomotiven aus der Künstlererkundung im Steinbruch Kungskopf (Wassenach) beschreiben lassen. Hinterecker formulierte nach Wunsch Liebestexte und Beschimpfungen. Kurioserweise kosteten die Karten ohne Text am meisten. Und schon rätselt der Betrachter wieder, was das wohl bedeuten soll. Lässt sich da vielleicht die Missachtung seiner Leistungen honorieren? Endgültige Antworten konnte es keine geben, nur mögliche Annäherungen. Die Künstler freuten sich über jeden, der sich darin versuchte, sind sie doch selbst Suchende, die Beziehung zu Zeit und Raum aufnehmen und für andere Impulse erarbeiten, ihr Umfeld stets neu wahrzunehmen und zu interpretieren. Schließlich ist Performance für Karin Meiner so etwas wie natürliche Kunst, „wie Ein- und Ausatmen“, sagt die Organisatorin und aktive Mitgestalterin der Darbietungen am Marktplatz.
In Andernach wird „explorativ °2“ mit anderen Künstlern Performances in den Rheinanlagen und auf dem Boot zum Geysir bieten. Termin ist Samstag, 28. September, von 11 bis 17 Uhr.
Carola Willbrand und Mark Met traten zeitweilig gemeinsam mit ihren Holschuhen auf.
