Allgemeine Berichte | 26.08.2015

Städtebauliche Akzente in Bad Neuenahr

Wadenheimer Spitzen in der Innenstadt

Ein Gespräch mit dem Architekten Hans Jürgen Mertens über das neue Gesicht des Wadenheimer Platzes und die städtebaulichen Herausforderungen in Bad Neuenahr-Ahrweiler

Diese Visualisierung zeigt, wie der Wadenheimer Platz nach Beendigung der Bauarbeiten aussehen wird. Architekturbüro Mertens

Bad Neuenahr-Ahrweiler. An vielen Stellen verändert sich das Stadtbild der Kurstadt an der Ahr. Der Neubauboom der vergangenen Jahre hat bleibende Spuren hinterlassen. Die stürmische Entwicklung, deren Ende nicht absehbar ist, wird in der Bürgerschaft intensiv diskutiert. Je nach Interessenlage und Geschmack werden einige Gebäude als eine Bereicherung und Modernisierung andere hingegen als Verarmung des Stadtbildes und als Zerstörung von erhaltenswerter Bausubstanz empfunden. Am Wadenheimer Platz findet zurzeit auch ein solcher Umgestaltungsprozess an einer städtebaulich sensiblen Stelle in der Innenstadt von Bad Neuenahr statt. Es entsteht dort ein weiterer Neubau, der das Gesicht des Platzes in Zukunft prägen wird. Entworfen wurde das Projekt von dem einheimischen Architekten Hans Jürgen Mertens. Er ist sich sicher, dass der von ihm entworfene neue Bau das Stadtbild an dieser Stelle bereichern wird. Auch die kommunikative Funktion des Platzes in der Innenstadt wird sich ändern. „Die Platzsituation wird durch den Neubau neu strukturiert und aufgewertet“, betont der Architekt. Zukünftig werden „Raumkanten“ den Platz umgeben. Wurde bis vor Kurzem eine Seite des Platzes begrenzt durch eine Mauer und ein Toilettenhaus, so soll zukünftig „diese Schwachstelle beseitigt werden“, erklärte Mertens dem BLICK aktuell. Mit den „Wadenheimer Spitzen“ entstehen in Zukunft zwei ausdrucksstarke Fassaden, die das Verweilen auf dem Platz für den Fußgänger zu einer „attraktiven Sache“ werden lassen. Im Neubau ist im Erdgeschoss eine gastronomische Nutzung vorgesehen. Die öffentliche Toilette wird für alle Bürger frei zugänglich bleiben, aber im Erdgeschoss des Neubaus verschwinden. „Auf dem Platz wird sich urbanes Leben entfalten können“, betont Jürgen Mertens, der sich für dieses Projekt einer modernen Formensprache bedient und um Stilelemente bemüht, die auch historische Stadtansichten prägen. Zwei markante Spitzdächer ,„die Wadenheimer Spitzen“, gliedern den recht großen Neubau dergestalt, dass der Eindruck von zwei Häusern entsteht, obgleich es sich um ein Anwesen handelt. Es ist der Ansatz „etwas Großes kleiner darzustellen“, damit es sich ins Stadtgefüge integriert. Der Neubau, mit 16 Eigentumswohnungen darunter zwei Penthaus-Wohnungen, wird die Innenstadt Bad Neuenahrs städtebaulich aufwerten. Der Platz selbst bleibt in seiner bisherigen Größe mit der Brunnenanlage erhalten. An der Stelle, an der jetzt die Toilette steht, wird in Zukunft Außengastronomie zu finden sein, welche dann zum Zielort für Gäste wird und die Attraktivität des Platzes zusätzlich steigert. Da das neue Gebäude über den Platz begangen wird, führt dieses auch zu einer zusätzlichen Belebung des Platzes. Am Beispiel des Wadenheimer Platzes könne man, so Mertens, gut zeigen, dass nicht immer die alte Bausubstanz ein Gewinn für das Stadtbild sein müsse. Die jetzt gefundene Lösung war nur möglich, da alte Strukturen und Bauten beseitigt wurden. Die Frage nach der Zukunft des Stadtbildes werde leider zu oft nur beim geplanten Abriss alter Häuser gestellt. Das ist nach Meinung des Architekten verständlich, verkürze die Diskussion jedoch oft das Beklagen vermeintlicher Verluste. Das, was zu bewahren sei, müsse man bewahren. Zu einem natürlichen Prozess der Stadtentwicklung gehörten aber eben auch zu allen Zeiten die Neubauten. Die spannende Frage ist aus seiner Sicht, wie man diese notwendige Veränderung des Stadtbildes in qualitativ akzeptable Bahnen lenken könne. Er ist nicht der Meinung, dass sich ein solcher Prozess von selbst einstellt. „Wir sollten uns auf die Frage konzentrieren, wie wir das Stadtbild mit qualitativ ansprechender Architektur bereichern können“, betont Mertens, der auch die Aktivitäten der Bürgerinitiative „lebenswerte Stadt“ positiv kommentierte. „Es ist immer ein Gewinn, wenn in Bad Neuenahr und Ahrweiler leidenschaftlich über die Frage des Stadtbildes und der baulichen Weiterentwicklung diskutiert wird“, betont der Architekt, der dem Vorstand des Bundes Deutscher Architekten in Rheinland-Pfalz angehört. In der baulichen Gestalt einer Stadt zeige jede Gesellschaft, wer sie ist und wer sie sein will. Die Bauten einer Stadt waren und sind immer ein Spiegelbild des sozialen, ökonomischen und kulturellen Bewusstseins einer Gesellschaft. Dass die Diskussion um Neubauten und ihre ästhetische Bewertung sehr oft kontrovers verlaufe, bedeute nicht, dass sich ein solcher Meinungsbildungsprozess in einer Stadt in endlosen unfruchtbaren Erörterungen über subjektive Geschmacksfragen erschöpfen sollte. „Wir brauchen in der Stadt eine ernsthafte Diskussion über Fragen der Architektur und darüber in welche Richtung sich das Stadtbild entwickeln soll“, erklärt Mertens. Für den Standtort Bad Neuenahr-Ahrweiler sei es von zentraler Bedeutung, dass ein architektonischer Qualitätsanspruch in den Neubauten deutlich werde. Die Kurstadt lebe nicht nur von der natürlichen Attraktivität der Landschaft und von seinem Ruf als Heilbad. Für Gäste und Bürger sei es von zentraler Bedeutung, in welchem baulichen Umfeld sie ihre Zeit verbringen. Eine Gefahr des stürmischen Neubau-Booms der letzten Jahre liegt seiner Meinung nach darin, dass sehr viele austauschbare Baukörper entstünden, die man auch aus allen anderen Städten kennt. Wenn diese Tendenz anhalte, verliere das Stadtbild wichtige architektonische Alleinstellungsmerkmale. Diese brauche man aber, um die Bürger an die Stadt zu binden und Gästen und Besuchern ein markantes Aufenthaltserlebnis in der Stadt zu vermitteln. „Dies können wir nur erreichen, wenn wir eine breit angelegte öffentliche Diskussion über die Qualität der Architektur und des Städtebaus in der Stadt führen“, betont Hans Jürgen Mertens.

Gestaltungsbeirat als Chance

Für Hans Jürgen Mertens wäre ein Gestaltungsbeirat ein geeignetes Instrument um die architektonisch, städtebauliche Qualität in der Kreisstadt zu steigern. „Es gibt positive Beispiele aus anderen Städten, die die Wirksamkeit dieses Gremiums belegen“, erklärt Mertens im Gespräch mit BLICK aktuell. So sind die Arbeitsweise und die praktischen Ergebnisse der Arbeit des Gestaltungsbeirates zum Beispiel in Regensburg gut dokumentiert. Bei einem Gestaltungsbeirat handelt es sich um ein Gremium, das mit auswärtigen Architekten besetzt ist, welche im Vorfeld eines Bauvorhabens in der Stadt einen fachlichen Diskurs über das Projekt mit dem planenden Architekten führen. Die Architekten, die in diesem Beirat mitarbeiten, sollten keine eigenen Projekte in der Stadt betreuen. Dies gilt als eine vertrauensbildende Maßnahme gegen Interessenskollisionen, die garantieren soll, dass eine offene Fachdiskussion über die Projekte entstehen kann und der Beirat nicht zur Bühne der üblichen Interessenskonflikte wird. Von einem produktiven Verlauf der Diskussion zwischen den Antrag stellenden Architekten und ihren Fachkollegen im Gestaltungsbeirat erhofft sich Mertens positive Effekte auf die Qualität der Architektur, die das Stadtbild prägt. Ziel sei es nicht ein weiteres bürokratisches Hindernis für Bauherren und für vor Ort tätige Architekten zu errichten, sondern eine Intensivierung der fachlich fundierten Diskussion über das Stadtbild prägende Bauprojekte zu ermöglichen. Falls eine solche Diskussion auf hohem fachlichem Niveau angestoßen werden könne, sei dies schon ein Wert an sich. Ein Gestaltungsbeirat kann im Spannungsfeld der Interessen von Architektenschaft, Bauherren, Politik, Verwaltung und der Öffentlichkeit zu einer eigenständigen Beratungsinstanz werden, die ihre Autorität aus der Fachkompetenz ihrer Beurteilungen bezieht. Da in der Regel die Diskussion über die Projekte in dem Gestaltungsbeirat vor dem Beginn des offiziellen Genehmigungsverfahrens geführt wird, hat dies nur in den seltensten Fällen Verzögerungen des Bauprojektes zur Folge. Mit einer positiven Stellungnahme des Gremiums kann das eigentliche Genehmigungsverfahren oft durch eine schnelle Konsensbildung mit Verwaltung und Politik zügig vorangehen. Ein solches Gremium sollte nur dem Ziel verpflichtet sein, den architektonischen Qualitätsansprüchen bei Neubauprojekten das nötige Gewicht zugeben. Mertens plädiert für die Einrichtung eines solchen Beirates auch für die Kreisstadt, um dem Ziel einer lebenswerten architektonischen Umwelt einen Schritt näher zu kommen. „Ein Gestaltungsbeirat ist jedoch nur so gut, wie die Politik, die hinter ihm steht“, betont Mertens. Die von dem Gestaltungsbeirat erarbeiteten Empfehlungen zu Bauprojekten müssen häufig in der Anfangsphase gegen Kritik und juristische Anfechtungen durchgesetzt werden. Dazu bedürfe es der Überzeugungskraft von Politik und Architektenschaft. Das gemeinsame Ziel beider Akteure und der engagierten Bürgerschaft sollte es sein, die Qualität der Neubauten in einer Stadt und damit das Profil des Stadtbildes anzuheben. Der Gestaltungsbeirat soll dabei keineswegs in die gemeindliche Planungshoheit eingreifen. Er ist kein eigenständig handelnder oder gar entscheidungsbefugter Akteur. Die Rollenverteilung zwischen Gestaltungsbeirat und Verwaltung ist in den Kommunen, in denen es ein solches Gremium gibt, klar definiert. Stadtrat und Verwaltung bleiben unangefochten letztlich verantwortlich. „Die Arbeit des Gestaltungsbeirates sollte transparent sein und von der interessierten Bürgerschaft nachvollziehbar“, erläutert Mertens. Dass der Beirat seine Empfehlungen in öffentlichen Sitzungen formuliert, könne die Befürchtung entkräften, dass hier ein abgehobenes Expertengremium ein Eigenleben führe. „Darum geht es eben nicht. Es geht darum, dass wir einen intensiven fachlich fundierten Gedankenaustausch darüber führen sollten, wie unsere Stadt morgen aussehen könnte. Dies sollte nicht ohne die systematische Beteiligung von Fachleuten geschehen“, erklärt Hans Jürgen Mertens. Helmut Schwarz

Der Wadenheimer Platz verändert zurzeit durch ein weiteres Neubauprojekt sein Aussehen. Die Bebauung, die dort entsteht, wurde von dem Architekten Hans Jürgen Mertens entworfen. Diesen aktuellen Anlass nutzte der BLICK aktuell, um mit ihm über dieses Projekt und über allgemeine Fragen des Städtebaues und der Stadtentwicklung von Bad Neuenahr-Ahrweiler zu sprechen. Die Kurstadt an der Ahr hat durch zahlreiche Neubauten in den vergangenen Jahren ihr Stadtbild rasant verändert. Erörtert wurde auch die Frage, mit welchen institutionellen Instrumenten auf die Gestaltung des Stadtbildes Einfluss genommen werden könnte. Mertens präferiert hier die Einrichtung eines Gestaltungsbeirates, der mit externen Architekten besetzt sein sollte, um die Qualität des Bauens in der Stadt anzuheben.

Die Bauarbeiten am Wadenheimer Platz sind im vollen Gange. Schwarz

Die Bauarbeiten am Wadenheimer Platz sind im vollen Gange. Foto: Schwarz

Diese Visualisierung zeigt, wie der Wadenheimer Platz nach Beendigung der Bauarbeiten aussehen wird. Foto: Architekturbüro Mertens

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