Allgemeine Berichte | 06.02.2015

Pater Julio Palmieri besucht die Pakistan-AG auf dem Calvarienberg

Wie aus Learning-Center ein Love-Center wurde

Die Mitglieder der Pakistan-AG beim interaktiven Spiel: Schülerinnen beantworten für sich die Frage: „Was würde Dich in Deinem Leben wirklich glücklich machen?“ Privat

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Kürzlich erhielt die Pakistan-AG Besuch von dem argentinischen Salesianer-Pater Julio Palmieri (44), der seit 15 Jahren in Pakistan lebt und Leiter der Primar- und Sekundarstufe für Mädchen und Jungen in Quetta ist. Vermittelt wurde der Besuch von der Don Bosco Mission Bonn, deren Mitarbeiter Pater Julio begleiteten.

Und wie immer, wenn Mitarbeiter der Don Bosco Mission die Schule besuchen, kann man nicht einfach nur passiv dem Vortrag lauschen, sondern wird durch ein Spiel aktiv in das Thema eingeführt. Ein Fragespiel zu Pakistan machte den 23 Mädchen der 8. bis 13. Klasse deutlich, was sie schon alles wussten oder was sie noch lernen wollten. Pater Julio kommt aus Quetta in Belutschistan, einem Ort in der Nähe der afghanischen Grenze. Das Gebiet dort ist trocken, wüst und steinig, aber mit Wasser fruchtbar. Viele Früchte wie Äpfel und Kirschen wachsen dort. Die Menschen leben noch sehr traditionell. Hochzeiten werden von den Familien oder Clans arrangiert. Die zukünftigen Eheleute sehen sich bei der Hochzeit oft zum ersten Mal. Auch wer studieren darf, wird vom Clan bestimmt.

Die Salesianer Don Boscos sind, wie ihr Gründer es vorgab, in der Bildungsarbeit tätig. Sie kümmern sich um Jugendliche, ihre Ausbildung und ihren Lebensweg. Sie sind Lehrer, Berater und oft auch für Waisenkinder Familienersatz. Die Bildungsarbeit in Quetta schildert Pater Julio als sehr schwierig, weil in jeder Klasse Kinder mit bis zu sechs unterschiedlichen Muttersprachen sitzen, die weder den Lehrer noch ihre Mitschüler verstehen können. Wenn der Lehrer z.B. in der ersten Klasse anordnet, dass die Kinder aufstehen sollen, bleiben viele sitzen, weil sie ihn nicht verstanden haben. Aber auch die Lehrerausbildung ist sehr schlecht. Oft müssen die Salesianer erst den Lehrern beibringen, was und wie sie unterrichten sollen. Dazu kommen noch die unterschiedlichen Religionen und Konfessionen, auf die man Rücksicht nehmen muss. Würde auch nur der Verdacht aufkommen, die Salesianer wollten missionieren, wären ihre Schulen sofort geschlossen.

Mit viel Mühe haben sie ein Learning-Center ins Leben gerufen, wo Kinder aller Religionen, aller Sprachen und beiderlei Geschlechts zusammen lernen. Sie sollen sich als Brüder und Schwestern begreifen. Und ein Gebet sprechen sie alle gemeinsam: das Friedensgebet von Franz von Assisi. Einen unerwarteten Nebeneffekt hat diese Einrichtung: Jungen und Mädchen lernen sich schon vor der Heirat kennen und manchmal auch lieben. So taufte der Volksmund das Learning-Center in Love-Center um. Allerdings ist eine Liebesheirat in Quetta komplizierter als in Deutschland. Bevor die jungen Leute sich das Jawort geben können, müssen auch sie erst die Familie und den Clan um Erlaubnis bitten. Normalerweise verlassen die Mädchen mit 12 bis 13 Jahren die Schule, weil sie verheiratet werden sollen und deshalb im Haus bleiben müssen. Pater Julio liegt sehr viel daran, mit den Kindern zusammen herauszufinden, was sie wirklich gerne machen würden, was sie wirklich glücklich machen würde.

Auf eine Frage hin erzählte er, warum er in Pakistan bleibt, obwohl es dort so viele Probleme und täglich Bedrohungen gibt. Er habe als junger Mensch viele Berufswünsche gehabt, z.B. Computerdesigner. Schließlich habe er Jura studiert, weil er Rechtsanwalt werden wollte. Mit 23 kamen ihm Zweifel, ob Geld verdienen und ein paar Wochen Urlaub im Jahr wirklich alles sein sollten. Er bekam Kontakt zu den Salesianern. Nach langem Überlegen und vielen Gebeten entschloss er sich, sich von seiner Freundin und von seiner Familie zu verabschieden und Salesianer zu werden. Der Orden schickte ihn dann vor 15 Jahren nach Pakistan. Auch er habe Angst und Bedenken gehabt. Aber sein Glaube und seine Aufgaben dort tragen ihn. Er zeigte Bilder von den Jungen, um die er sich kümmert. „Die verlassen sich auf mich. Die warten auf mich. Was sollten sie tun, wenn ich nicht mehr käme?“, so Pater Julio. Von ursprünglich 15 Salesianern vor Ort sind nur noch drei übrig geblieben. Da ist jeder einzelne unverzichtbar für die Jugendlichen. Diese Arbeit mit den Jugendlichen macht Pater Julio wirklich glücklich. Das merkt man ihm auch mit den Schülerinnen an. Jede, die sich meldet, fragt er nach ihrem Namen.

Und dann die Frage an die Schülerinnen: „Was würde euch wirklich glücklich machen? Was wollt ihr wirklich tun?“ Die Antwort zu finden, war für die meisten nicht so einfach. Aber zwei hatten sich schon entschieden. Eine Abiturientin möchte gerne in fremde Länder reisen und dort den Menschen helfen. Die Don-Bosco-Mitarbeiter wiesen sie sofort auf ein von ihnen angebotenes Reverse-Freiwilligenjahr hin, das man in vielen Ländern der Welt absolvieren könne. Eine Schülerin aus der 8. Klasse traute sich kaum, ihren Wunsch zu äußern: „Wenn ich wirklich etwas tun möchte, dann will ich die Welt verbessern. Ich möchte Krieg und Gewalt abschaffen. Aber das geht natürlich nicht!“ meinte sie enttäuscht.

„Die ganze Welt kannst du nicht verbessern, dass stimmt“, gab Pater Julio zu. „Aber du kannst dir vornehmen, selber keinen Streit anzufangen und nicht gewalttätig zu sein. Und damit hast du schon etwas verändert.“ Mit seiner humorvollen und offenen Art hat Pater Julio alle seine Zuhörerinnen gewonnen und die Zeit mit ihm war viel zu kurz.

Die Mitglieder der Pakistan-AG beim interaktiven Spiel: Schülerinnen beantworten für sich die Frage: „Was würde Dich in Deinem Leben wirklich glücklich machen?“ Foto: Privat

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