Politik | 04.05.2026

Indien als Schlüsselmacht

Zwischen Delhi und Peking: Indiens Kampf um Macht, Sicherheit und Einfluss

von links: Josef Schmidhofer, Roger Näbig

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Das war das Thema einer etwas anderen Veranstaltung der Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) am 24.04.2026, 19.30 Uhr im Hotel zum Weinberg in Bad Neuenahr. Referent war Herr Roger Näbig. Er ist Völkerrrechtler, selbständiger Rechtsanwalt, Fachjournalist für Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie Social-Media-Beauftragter für die GSP.

Näbig machte dann auch gleich zu Beginn seiner Ausführungen deutlich, dass das Thema Indien völlig zu Unrecht in der Tagespolitik vernachlässigt wird. In den Medien hört und liest man viel von Washington, Moskau und Peking, Neu-Delhi findet dort höchstens am Rande Erwähnung. Dabei ist Indien eine Macht im Übergang und mit seinen 1,47 Milliarden Bewohnern sowohl politisch aber auch ökonomisch eine immer bedeutender werdende Größe in der Welt. Indien ist weder bereits eine Supermacht noch bloß ein Entwicklungsland. Es bemüht sich, seine Unabhängigkeit zu bewahren, drängt aber andererseits durch wirtschaftliche Dynamik, militärische Aufrüstung und klare Kommunikation seiner geopolitischen Interessen im asiatischen Raum in Richtung einer künftig größeren Rolle in der Welt von morgen. Dieses Verhalten stößt natürlich bei den Nachbarländern China und Pakistan auf wenig Gegenliebe, noch dazu wo alle drei Staaten Atommächte sind. Die Konflikte werden dabei niederschwellig ausgetragen und finden deshalb auch in Europa nur wenig Beachtung. Dass das mehr als leichtfertig ist, machte der Referent an einigen Beispielen deutlich. So fanden im Mai 2025 viertägige heftige Kämpfe zwischen Indien und Pakistan statt, deren Höhepunkt intensive Luftgefechte waren, Bodentruppen kamen nicht zum Einsatz. Die Amerikaner mussten dabei die bittere Erkenntnis gewinnen, dass die chinesischen Kampfflugzeuge inzwischen den amerikanischen nahezu ebenbürtig sind.

Eine weitere wichtige Aussage Roger Näbigs war, dass die Grenzkonflikte Indiens mit China und Pakistan keineswegs nur Randprobleme für Europa sind, sondern Teil der Rivalität im Kampf um Einfluss auch auf See- und Handelswege in der Region. So kauft Indien beispielsweise billiges Gas und Öl in Russland ein und verkauft es mit Gewinn an Europa. Das ist auch ein Beweis dafür, wie die Sanktionen der EU gegenüber Russland umgangen werden.

Wo liegen nun die inneren Grenzen für den Aufstieg Indiens? Der demografischen Größe und dem anhaltend hohen Wachstum stehen ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen, soziale und regionale Ungleichheiten, Infrastruktur- und Staatskapazitätsdefizite und Rüstungs- und Technologieabhängigkeiten gegenüber. Indien ist die strategische Autonomie wichtig, es sucht dabei auch wechselnde Partnerschaften, vermeidet aber eine feste Blockbindung. Dieses Verhalten ist in der europäischen Denkweise unüblich und bereitet somit in der Zusammenarbeit, insbesondere bei der strategischen Ausrichtung, Probleme.

Welche Schlussfolgerungen für die europäische Sicherheitspolitik ergeben sich aus den Ausführungen des Referenten. Indien muss strategisch eingebunden und als eigenständiger Pol behandelt werden. Wir müssen es ernst nehmen und nicht als bloßen Absatzmarkt sehen. Und wörtlich: „Die eigentliche Musik spielt heute im Indischen Ozean, nicht im Atlantik oder Pazifik. Vergessen Sie unseren Konflikt mit Russland, unser Verhältnis zu China und Indien ist viel wichtiger.“ Die Frage für Europa ist, ob Indien zur entscheidenden Ordnungsmacht Asiens werden kann. Wir können diesen Weg zumindest aufmerksam begleiten.

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von links: Josef Schmidhofer, Roger Näbig Foto: Fotograf: Brigitte Schmidhofer

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