Allgemeine Berichte | 10.11.2015

Gelebte Willkommenskultur an der Medardus-Grundschule Bendorf

Kinder helfen Kindern

Integration vom ersten Schuljahr an

Praktische Willkommenskultur findet täglich an der Medarus-Grundschule statt. privat

Bendorf. Von der deutschen „Willkommenskultur“ ist in den letzten Monaten landauf und landab die Rede. Man assoziiert dieses Wort meist mit den im Fernsehen gezeigten freundlich winkenden Menschen auf Bahnsteigen und vor Erstaufnahmelager, die ankommende Flüchtlinge begrüßen. Praktische Willkommenskultur kann man täglich an der Medardus-Schule, einer vierzügigen Grundschule im Stadtkern von Bendorf erleben. An der Schule werden in vier Klassen insgesamt 325 Schülerinnen und Schüler unterrichtet, davon sind mittlerweile 60 Prozent mit nichtdeutscher Muttersprache. Dort wird Integration vom ersten Schuljahr an praktiziert und alle sind dabei, das Lehrerkollegium, viele Helfer und auch die Schulkinder begleiten die Flüchtlingskinder in ihrem täglichen Schulalltag. In diese umfassenden Integrationsbemühungen der Schule werden nach Angaben von Rektor Rolf Polcher auch die Eltern der Kinder eingebunden.

Weiter teilt Rektor Polcher mit, dass sich viele Kinder der Flüchtlingsfamilien bei ihrem Eintreffen in der Grundschule in Anwesenheit aller Mitschüler der Klasse sehr verängstigt und verschreckt zeigen. Nach den Aussagen der betroffenen Eltern haben diese Kinder einschneidende traumatische Kriegsereignisse erlebt. Außerdem waren die Familien monatelang verzweifelt auf der Flucht und mussten sich teilweise in die Hände von Schleppern begeben. Sie berichten von Albträumen, Einnässen und weiteren Auffälligkeiten bei den Kindern.

Ambulante Erziehungshilfe geschaffen

Es wurde daher an der Medardus-Grundschule die Institution einer ambulanten Erziehungshilfe geschaffen. Die dortigen Mitarbeiter werden von Schulsozialarbeitern und einer Psychologin beraten und intensiv unterstützt.

Da die Flüchtlingskinder nicht gleich am Regelunterricht in den einzelnen Klassen teilnehmen können, werden sie zunächst als Eingliederungshilfe in einem vom Land geförderten Deutschintensivkurs von 32 Stunden auf den Klassenunterricht vorbereitet. Zusätzlich werden sie von Frau Karin Kuhnen und Frau Hiltgund Normann ehrenamtlich betreut. Diese Einzelbezugspersonen stellen einen wichtigen Baustein zur emotionalen Entwicklung der traumatisierten Kinder dar und bieten diesen einen stabilen Rahmen mit dem Ziel, sie möglichst schnell am Unterricht der einzelnen Klassen teilnehmen zu lassen.

Frau Kuhnen erzählt, dass an der Medardus-Grundschule während ihrer langen Dienstzeit von über 40 Jahren bis zu ihrem Ruhestand im Jahre 2012 immer wieder geflüchtete Kinder aus kriegsführenden Ländern - zum Beispiel dem Kosovo - und Kinder vorwiegend aus türkischen Gastarbeiterfamilien betreut wurden und die Schule daher über eine lange Erfahrung mit der Integration verfügt. In Zusammenarbeit mit Frau Kuhnen hat Rektor Polcher an der Schule ein Konzept aus verschiedenen Integrationsbausteinen geschaffen, das in tatkräftiger Weise von den Lehrern vorbereitet und unterstützt wird. So verbleiben die Kinder in den ersten Tagen ihrer Ankunft in einer festen Gruppe und erfahren eine Grundlage emotionaler Geborgenheit, die es ihnen erleichtert, zunächst in der Schule anzukommen und Vertrauen zu entwickeln. Gleichzeitig beginnen sogenannte Entwicklungsgespräche mit den Klassenleitern.

In einer weiteren Stufe werden mit Unterstützung von Übersetzern Gespräche mit den Eltern der Kinder geführt. Diese erhalten auch einen mit Hilfe von anderen Eltern in der jeweiligen Herkunftssprache erstellten Elternbrief mit wichtigen Informationen über den Tagesablauf ihrer Kinder an der Schule. Zusätzlich lädt Karin Kuhnen die Eltern jeden Donnerstagvormittag zu Informationsgesprächen in die Aula der Schule ein, dort teilt sie auch von Sponsoren gespendete Sachen des täglichen Bedarfs aus. Eine besondere Unterstützung erfährt sie dabei nach ihren Angaben von den Bewohnern der Seniorenresidenz Humboldthöhe in Vallendar, dort sei extra ein Lagerraum für die Schule eingerichtet worden, aus dem sie immer wieder die von Heimbewohnern gespendeten Gegenstände abholen können, um sie an Flüchtlingsfamilien zu verteilen.

Frau Kuhnen leistet darüber hinaus den Flüchtlingsfamilien tätige Hilfe bei Behördengängen oder Arztbesuchen. Sie betont, dass sie dabei von allen Institutionen wie Stadtverwaltung, Jobcenter oder Kreisverwaltung sehr positiv unterstützt wird. Nach dem Deutschintensivkurs erhalten die Kinder täglich zwei Stunden Unterricht von einer Lehrkraft, je nach Vertretungssituation helfen hierbei auch die ehrenamtlich tätigen Ruheständler, ebenso Mitarbeiter im freiwilligen sozialen Jahr und ehrenamtliche Lesepaten. Jetzt nehmen die Kinder allmählich an den sportlichen und musischen Angeboten der Ganztagsschule teil. Sie lernen durch verschiedene Aktionen und Unterrichtsbesuche die Mitschüler der Schulgemeinschaft kennen. Wichtig ist Rektor Polcher, dass sie dabei auch ihre Herkunftssprache vorstellen, zum Beispiel durch das Vorlesen eines Märchens in ihrer Muttersprache. So erfahren die Kinder eine wichtige Wertschätzung.

Patenschaft für Neuankömmlinge

Ein weiterer Baustein ist die Übernahme einer Patenschaft für die Neuankömmlinge durch die Ganztagsklasse. Die Schüler begleiten ihre „Patenkinder“ liebevoll wo immer möglich durch den schulischen Alltag, zum Beispiel im Schulbus, beim Frühstück oder in den Pausen auf dem Schulhof.

Eine weitere Patenschaft wurde der Schule kürzlich durch Studenten der Universität Koblenz angeboten, alle Flüchtlingskinder werden demnächst von je einem Lehramtsstudenten einmal die Woche im schulischen Alltag begleitet. Die Studenten können dadurch Erfahrungen im Umgang mit der Integration sammeln und die Kinder haben einen weiteren persönlichen Ansprechpartner. Bei all dem steht die Integration dieser Kinder sowohl im Klassenverband als auch in der Schulgemeinschaft im Vordergrund. Die Förderung einer möglichst guten Integration in die Schulgemeinschaft stellt einen wichtigen Baustein des schulischen Förderkonzeptes zur Weiterentwicklung der Willkommenskultur für Kinder und Eltern ohne deutsche Sprachkenntnisse dar, das in Bendorf vorbildlich umgesetzt wird.

Lesepaten helfen den Kindern, besser lesen zu lernen.

Lesepaten helfen den Kindern, besser lesen zu lernen.

Praktische Willkommenskultur findet täglich an der Medarus-Grundschule statt. Fotos: privat

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