125 Jahre Postkarten von Ernst
Von 1898 bis 2023
Ernst. Die Geschichte der Ansichtskarte ist eng mit der der Postkarte verbunden. Im Jahr 1865 entwarf der deutsche Postminister Heinrich Stephan die erste Postkarte. Er nannte den Entwurf Postblatt. Dem Postreformer Heinrich von Stephan fehlte eine Alternative, um eine kurze Nachricht einfach und kostengünstig zu übermitteln. So schlägt er 1865 auf der 5. Konferenz des Postvereins die Einführung eines „offenen Postblattes“ vor. Dabei handelt es sich um einen kleinen weißen Karton, auf den eine Briefmarke gestempelt ist. Die Idee: Wer keinen Briefbogen falten, kein Papier in einen Umschlag stecken, diesen nicht verschließen und keine Briefmarke aufkleben muss, spart Zeit. Auf einem offenen Briefbogen wäre es nicht unhöflich, auf die üblichen Höflichkeitsfloskeln eines Briefes zu verzichten, er lebte von den wesentlichen Informationen. Ein sehr moderner Gedanke.
Doch die Idee wird verworfen. Datenschutz war schon im 19. Jahrhundert ein Thema: Wie wäre es mit dem Briefgeheimnis? Wo blieben die guten Sitten ohne ordentliche Anrede und ausführliche Abschiedsformel? Und dann will von Stephan auch noch ein billigeres Porto für sein offenes Postblatt durchsetzen - wo kämen wir da hin? Die Bediensteten könnten die Mitteilungen an ihre Herrschaften ja einfach lesen, oder schlicht „wegen der unanständigen Form der offenen Mitteilung“. Die Postverwaltung fürchtete auch den offenen Inhalt der Karte, der Beleidigungen und Obszönitäten enthalten könnte. Deshalb druckte sie auf die Rückseite der Postkarte: „Die Postanstalt übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Mittheilungen.
Am 25. Juni 1870, dem ersten Verkaufstag der Postkarte, wurden in Berlin mehr als 45.000 Karten verkauft! Ab dem 1. Juli 1872 sind auch in Deutschland private Postkarten erlaubt und der Weg zur Ansichtskarte ist geebnet. Auch in der Schweiz tauchen die ersten Ansichtskarten auf. Im Bild: Rheinfall 1893. In den nächsten 20 Jahren verbreitet sich die Ansichtskarte im deutschsprachigen Raum. Mit der Zeit wird die Ansichtskarte als Sammelobjekt entdeckt. Am 1. April 1886 erscheint in Leipzig die Zeitschrift Der Postkartensammler. 1897 beginnt die Blütezeit der Ansichtskarte. Es dauerte bis ca. 1918. Aus der Zeit von 1897 bis 1905 stammen die schönen farbigen Lithographiekarten. Wie beliebt die Ansichtskarten waren, zeigt die Tatsache, dass 1903 in Deutschland 400 Millionen Ansichtskarten verschickt wurden. Bis 1905 schrieb das Postregal vor, dass auf der Adressseite keine Mitteilungen angebracht werden durften. Deshalb sind leider viele alte Lithographien verunstaltet.
In allen Industrieländern wurde die Post in den Städten bis 1914 mindestens dreimal täglich zugestellt, so auch in Ernst. In Großstädten sogar noch öfter. So war es möglich, per Postkarte einen Termin für den gleichen Tag zu vereinbaren.
Die ältesten Ernster Postkarten
Die älteste erhaltene Ansichtskarte von Ernst wurde 1898 vom Gasthaus Steuer und dem neu erbauten Gasthaus Göbel herausgegeben. Nach den damaligen Vorschriften war die Vorderseite nur für die Adresse reserviert. Die Rückseite zeigte eine Teilansicht von Ernst und das Haus der Gastwirtschaft Steuer. Nachrichten mussten auf der Rückseite auf den noch freien Flächen neben den Bildern eingetragen werden. Die Karte wurde von Cochem nach Erfurt gestempelt.
Von 1903 ist eine sehr schöne Karte des Gasthauses Göbel erhalten. Das Gasthaus war 1901 neu erbaut worden. Sehr dekorativ ist hier der Ort mit Kirche, Dampfer und Gebäuden dargestellt. Hersteller war der Cochemer Fotograf Kömmet, ein Verlag, der über viele Jahre Fotos von Cochem und Umgebung herstellte. Die Karte ist von Cochem nach Kreuznach gestempelt.
Von 1906 stammt eine Karte ohne Firmenbezeichnung. Sie zeigt erstmals die Ortslage mit der Kirche im Zentrum. Seit 1905 ist die Vorderseite in einen Adress- und einen Nachrichtenteil unterteilt. Die illustrierten Rückseiten müssen nun nicht mehr für Mitteilungen verunstaltet werden.
Aus der Zeit um 1910 stammt die ungebrauchte Karte mit der Darstellung von Oberernst und der Aufschrift Gruß aus Ernst a. d. Mosel. Der Dampfer im Vordergrund ist retuschiert. Ebenfalls aus dem Jahr 1910 stammt eine Karte mit dem Ort Niederernst. Beide Karten wurden von Nikolaus Lenz in Trier hergestellt. Es scheint, dass der Verleger eine Karte vom Unterdorf und eine vom Oberdorf angefertigt hat, da die langgezogene Ortslage nicht auf einem Bild dargestellt werden konnte.
Vom Gasthof Jacob Steuer stammt eine Karte von 1910, die das Unterdorf mit der Fährrampe und dem Gasthof zeigt. Der Gasthof wurde ursprünglich von Otto Seul erbaut, ging aber bereits 1882 an Jacob Steuer über.
Doch was hatten die Postkartenschreiber zu berichten? In der ältesten Karte will der Schreiber die Sammlung des Empfängers ein wenig erweitern. Man hat also schon Karten gesammelt. In den meisten Fällen handelt es sich um Urlaubsgrüße an die Daheimgebliebenen. Seltener sind Urlaubsbeschreibungen und einmal teilt ein Schreiber seinem Onkel mit, dass er über die zugefrorene Mosel gefahren ist. Es gibt auch Reisende, die von Ort zu Ort ziehen. Das können Radwanderer sein. „Bin in Sommerfrische bei Caracciola“, eine Nachricht aus den Anfängen des Gasthauses, heute Filla Andre. Caracciola waren die Eltern des berühmten Rennfahrers Rudolf, die in Ernst einen Weinkeller besaßen.
Die Karten wurden aber auch als Briefersatz verwendet. So schrieb die Frau eines im Ersten Weltkrieg verwundeten Mannes ins Lazarett, wie es ihrem Mann gehe. Die erste große Konkurrenz zur Karte war das Telefon. Heute haben E-Mail und WhatsApp die Karte fast vollständig verdrängt. Geblieben sind schöne Ansichten von Dörfern und Gebäuden, die ohne die Ansichtskarte verloren wären.
Die Ausstellung ist bis 31. Dezember im Vinoforum in Ernst zu sehen. Sie enthält neben ca. 200 Karten aus der Sammlung Barden auch den kompletten Satz der Glasnegative der Fa. Cramers Kunstanstalt aus Dortmund, die für Ernst hergestellt wurden. Und ein Lithostein für eine Karte der Gaststätte Georg Andre.
Heimat- und Verkehrsverein Ernst. Öffnungszeiten täglich von 11 bis 17 Uhr. BA
