Naturschutzgarten Niederwerth:
„Alles ist miteinander verbunden – und hat einen Sinn“
Niederwerth. „„Wie bescheuert ist das denn?“ ein junges Rotkehlchen war direkt bei seinem ersten Ausflug in einen Eimer geraten und völlig durchnässt an Unterkühlung gestorben. Verschämt und traurig lege ich es ins Bodenstreu. „Für die Kleintiere, die sich davon ernähren“. Ich hatte alle Details ihrer Jungenaufzucht verfolgt und dokumentieren können. Auch wie die Elternvögel Waldmäuse mutig und erfolgreich attackierten, die ihrem Nest auf dem Erdboden, versteckt unter einer trockenen alten Wurzel, zu nahe kamen. „Und jetzt das!“
Einem Freund war vorher sogar noch eine ganz besondere Aufnahme gelungen, die zeigt, wie ein Rotkehlchen mit einer Blutbiene im Schnabel zur Fütterung kam.
Diese Art von Blutbiene ist wiederum selbst wie ein Kuckuck unterwegs und parasitiert die Frühlings-Seidenbiene. Die Blutbiene baut folglich keine eigenen Nester, sondern hat sich darauf spezialisiert, Nester der Seidenbiene für die Aufzucht ihrer eigenen Brut zu nutzen. Sie dringen, teils gewaltsam, in die Nester der Wirtsbienen ein. Dabei werden manchmal auch die Wirte getötet.
Die Seidenbiene wiederum erscheint im zeitigen Frühjahr und ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt, wo sie alle herkommen. Sie lebt eigentlich, wie wir Menschen: Jede für sich alleine und doch in einer Kolonie, eine Art „Dorfgemeinschaft“. Also ganz anders, wie man es zum Beispiel von den Staaten bildenden Honigbienen her kennt.
Frühlings-Seidenbienen wiederum bestäuben die Weidenbäume und werden dafür wiederum mit dem Nektar und Pollen ihrer Kätzchen belohnt. Deshalb sollte man ja auch die Weiden nicht zu früh im Jahr beschneiden.
Und ich beschäftige mich gerade mit Weiden und verfasse eine Schrift dazu. Wie ich uralte Weidenstämme verpflanze, weil mich ihre Regenerationsfähigkeit so ungeheuer fasziniert. Und welche Rolle Weidenbäume im Naturhaushalt spielen.
Merke wieder einmal, wie auch schon in der „kleinen Welt eines Gartens“ alles so wunderbar zusammenhängt … und einen Sinn ergibt.
Wie die Bäume, die Insekten, die Vögel, wir Menschen, alle in ein einziges, riesiges Netzwerk eingebunden sind. Man sich gegenseitig braucht. Das ist Ökologie.
Und so hat für mich auch die traurige Geschichte vom ersten Ausflug eines kleinen Rotkehlchens im Nachhinein noch einen Sinn bekommen.“
Stefan Krumme
Mit Nektar und Pollen belohnen Weidenbäume die Frühlings-Seidenbiene für ihre Bestäubung. Diese Biene ist koloniebildend. Jedes kleine, maulwurfsartige Erdhügelchen auf diesem Weg im Naturschutzgarten ist der jeweilige Auswurf eines kleinen Nestes. Foto: Stefan Krumme
Blutbienen parasitieren wiederum die Frühlings-Seidenbiene. Hier hat ein Rotkehlchen selbst eine solche Blutbiene erbeutet, um damit seine Jungen zu füttern. Foto: Alfred Haas
