Allgemeine Berichte | 20.03.2026, 14:40 Uhr

Alt-Bundespräsident Christian Wulff bei der Fastenpredigt in Maria Laach

Alt-Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Fastenpredigt in Maria Laach.  Foto: GS
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Maria Laach. „Die Fastenzeit ist eine Schule der Aufmerksamkeit: Sie lehrt, neu hinzusehen – auf Gott, auf den Menschen, auf das eigene Leben.“ So sehen es die Mönche am größten Maar der Eifel. Und an diese Übung knüpfen die Fastenpredigten in der Abteikirche der Benediktiner in Maria Laach an. Sie greifen Fragen der Gegenwart auf und verstehen sich als Einladung zum Innehalten auf dem Weg nach Ostern. Predigen heißt dabei nicht, sich über andere zu stellen. Die Fastenpredigten von geistlichen und auch prominenten Laien wollen vielmehr Erfahrungen und Einsichten so zur Sprache bringen, dass sie Hören, Nachdenken und Prüfen in Bewegung setzen.

So begrüßte Abt Mauritius Wilde zur abendlichen Vesper der Mönche zwei Tage vor Frühlingsanfang mit Alt-Bundespräsident Christian Wulff einen Gastprediger, der eine Perspektive mitbrachte, die in besonderer Weise mit dem Amt des Bundespräsidenten verbunden ist: Menschen zusammenzuführen, unterschiedliche Stimmen auszuhalten und dem Gemeinsamen Sprache zu geben. Damit stand seine Fastenpredigt in einem Horizont zentraler Themen dieser Wochen: Verantwortung, Maß und die Ausrichtung persönlichen wie gesellschaftlichen Handelns. Wulff war von 2003 bis 2010 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen und von 2010 bis 2012 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

Christian Wulff, erst der zweite Katholik im höchsten deutschen Staatsamt, hatte sich selbst ein Zitat aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper als Predigtthema ausgesucht: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst.“ – Philipper 2,3. Knapp 20 Minuten hätte jeder im vollbesetzten Mittelschiff der Abteikirche das Fallen einer Stecknadel hören können. Hier einige Auszüge aus der Predigt des Alt-Bundespräsidenten, den mit dem Konvent in der Eifel verbindet, das auch vier Niedersachsen den Habit der Benediktiner am See tragen. Und wie ein roter Faden zogen sich die Begriff Demut und Empathie durch Wulffs Worte.

Auszüge aus der Predigt

„Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika Fratelli tutti wunderbar formuliert, in seiner ihm eigenen Art: Radikaler Individualismus ist das am schwersten zu besiegende Virus. Er ist hinterhältig. Er lässt uns glauben, dass alles darauf ankommt, unseren eigenen Ambitionen freien Lauf zu lassen, als ob wir durch Akkumulation individueller Ambitionen und Sicherheiten das Gemeinwohl aufbauen könnten. Und dann formuliert er: Der Mensch neigt dazu, die Macht, das Geld, sich selber zu vergöttern. Das Christentum fordert das Gegenteil, entthront die falschen Götzen.

Ein Appell, der Paulus gefallen hätte, dieser Appell von Papst Franziskus. Denn Demut, Empathie, Nächstenliebe, das Anerkennen des anderen sind überhaupt die stärksten Kräfte der Zivilisation. Ohne diese Kräfte gäbe es kein gutes Zusammenleben, kein wirkungsvolles Zusammenarbeiten, keine echte Kommunikation. Alles baut auf Nächstenliebe auf, was wir gemeinsam erreicht haben. Nichts von dem guten Geschilderten kam von allein, und fast nichts davon ist auf Dauer garantiert, sondern wir müssen die Werte leben und vorleben, von denen wir profitiert haben, als wir diese Gesellschaft und dieses Europa geschaffen haben. Nicht wir die Besseren gegen die anderen, sondern Kooperation statt Konfrontation. …. Möge uns die Haltung der Demut begleiten in diesen Zeiten, wo ich Demut, Gleichmut, Hochmut, Mut in einer wechselhaften Beziehung sehe. Und in dieser Fastenzeit, in kriegerischen Zeiten auf der Welt, wünsche ich mir, dass wir uns die Haltung der Demut ein bisschen stärker wieder in Erinnerung rufen, wie sie nach schrecklichen Erfahrungen verschiedener Kriege in der Bevölkerung Gemeinsinn und Konsens war und inzwischen verloren gegangen zu sein scheint in verschiedenen Kulturen, verschiedenen Ländern der Erde.“ – Die komplette Predigt des Alt-Bundespräsidenten hat Domradio zum Nachhören ins Netz gestellt.

Beifall in der Klostergaststätte

Die klösterliche Vesper wurde begleitet von Orgelmusik passend zur Fastenzeit: „Aus tiefer Not schrei‘ ich zu dir“ von Flor Peters. Viele der zum großen Teil auch weitangereisten Gäste zog es nach dem Auszug der Mönche in die neue Klostergaststätte. Und da brandete spontaner Applaus auf, als Christian Wulff mit Abt Mauritius Wilde und einigen der Mönche eintrat und sichtlich das „kleine Bad in der Menge“ und die Gespräche nebst Fastenessen genoss. Das unterschied Wulff von Angela Merkel. Die Alt-Kanzlerin hatte sich Wochen zuvor nach ihrer Fastenpredigt ins Seehotel zurückgezogen. GS

Alt-Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Fastenpredigt in Maria Laach. Foto: GS

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