Allgemeine Berichte | 26.07.2022

Diskussionsveranstaltung in Remagen

Armut in den Entwicklungsländern und in Deutschland

Frank Bliss (Mitte) in der Buchhandlung Geber.  Foto: privat

Remagen. „Armut lässt sich durch ausländische ‚Hilfe‘ in den sogenannten Entwicklungsländern allein nicht erfolgreich bekämpfen. Dies kann nur durch Eigenanstrengungen der armen Länder selbst erfolgen. Bis auf wenige Ausnahmen ist dies auch möglich und die meisten Länder könnten sich sogar soziale Sicherungsbeiträge für die Ärmsten (d.h. bedingungslose oder konditionierte Sozialhilfe) leisten, wenn sie denn wollten. Dabei kann die Entwicklungszusammenarbeit allerdings in erheblichem Umfang helfen. Und sie nützt dort besonders, wo die Regierungen selbst in den Ländern aktiv an der Verbesserung der Lebensbedingungen arbeiten“. Dies war die Kernaussage des Remagener Ethnologen und Politikberaters in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, Prof. Dr. Frank Bliss, in der Buchhandlung Geber (ehemals Hauffes Buchsalon) in Remagen. Anlass der Veranstaltung war die Vorstellung seines neuen Buches „Armutsbekämpfung durch Entwicklungszusammenarbeit, Anspruch – Wirklichkeit – Perspektiven“, das Ende 2021 im Verlag Springer Wissenschaft erschienen war.

Der neue Besitzer der Remagener Buchhandlung, Volker Geber, konnte neben dem Referenten auch Dr. Berhard Hoerper als Moderator begrüßen, der innerhalb der „Welthungerhilfe“ für Projektevaluationen dieser wichtigen deutschen Nichtregierungsorganisation zuständig ist. Auf die Frage des Moderators, was denn genau unter Armut in den von Bliss besuchten Ländern und Projekten zu verstehen sei, führte der Autor diverse Beispiele aus seinem Buch an: so das achtjährige Straßenmädchen in Bombay, das sich nach Wühlen in den Mülltonnen von Restaurants nach Essensresten zusammen mit Dutzenden Kindern auf einem Stück Pappe in einem Toreingang zum Schlafen legen muss, aber auch die deutsche Rentnerin, die als „mithelfende Ehefrau“ kaum Rentenbeitrage gezahlt hatte, heute von Sozialhilfe leben muss, und dabei schon vor Corona und der Energiekrise ihre Heizungsrechnung kaum bezahlen konnte. Armut sei extrem vielfältig und nicht jede betroffenen Person, wie zum Beispiel die 80-jährige Rentnerin, könne sich im Rahmen von „Hilfe zur Selbsthilfe“ aus der Armut befreien.

Als Positivbeispiel einer gelungenen Armutsbekämpfung in Kombination mit dem gerade in den Sahelländern Afrikas besonders wichtigen Schutz natürlicher Ressourcen vor den Folgen des Klimawandels konnte Bliss ein landesweites Programm in Äthiopien anführen. Dieses acht Millionen Menschen erreichende Hilfsprogramm, teilweise aus internationalen Hilfsgeldern, aber auch aus Mitteln des Staates finanziert, beschäftigt Hunderttausende Menschen in von Dürre betroffenen Gebieten mit bezahlten Arbeiten. Hierzu gehört die Terrassierung von Hängen, die Anpflanzung von Hunderttausenden Bäumen und sogar die Wiederherstellung von bereits durch Erosion geschädigten Ackerflächen.

Das Besondere an dem Programm sei aber, dass jene alten, kranken oder körperlich behinderten Menschen, die sonst selbst in Hilfsprojekten kaum beachtet würden, ebenfalls Unterstützung erhielten und zwar in Form von monatlichen Geldzuweisungen, quasi ein bedingungsloses Grundeinkommen, und das in einem der ärmsten Länder der Welt. Im Verlauf der Veranstaltung verwies Moderator Bernd Hoeper auf Kollegen und Kolleginnen aus der Entwicklungshilfe, die wegen der zahlreichen Fehlschläge frustriert aufgegeben hätten. „Warum hast Du weitergemacht, was hat Dich dennoch motiviert, obwohl Du in Deinem Buch doch so viele Beispiele etwa von korrupten Regierungen und unfähigen Projektplanern angeführt hast“, so seine Frage an Frank Bliss. „Natürlich habe ich als Evaluator von deutschen und internationalen Projekten sehr viel Unsinn und absolut Wirkungsloses gesehen. Aber beispielsweise im zentralafrikanischen Tschad, wo die Regierung praktisch außerhalb der Hauptstadt kaum zu sehen ist, konnten wir acht Jahre lang ein Trinkwasserprojekt erfolgreich umsetzen. Heute, zehn Jahre nach Beendigung des Vorhabens und mehr als 400 neuen Brunnen und Handpumpen, sind die meisten Anlagen noch in Betrieb. Warum? Wir haben eine lokale Persönlichkeit gefunden, die acht Jahre mit uns gearbeitet hat und sich bis heute um die Reparatur der Handpumpen kümmert“, so der Autor. „Über 200.000 Menschen erhalten so weiterhin sauberes Trinkwasser und sind so vor Cholera geschützt“.

Im Verlaufe der Lesung und Diskussion kam auch der Gesundheitsbereich zur Sprache und erneut wurden wie bei der Armut Parallelen zwischen Entwicklungsländern und Deutschland gezogen. „Sicher“, so ein Teilnehmer, der selbst als Arzt in Afrika tätig ist, „die Verhältnisse sind nicht miteinander zu vergleichen. In Afrika sind für ein Drittel aller Todesfälle ein fehlender Zugang zu Gesundheitseinrichtungen verantwortlich. Arme können die vorhandenen privaten Einrichtungen selbst nicht bezahlen und niemand zahlt für sie. Aber in Deutschland haben wir unser gutes Gesundheitssystem auch systematisch privatisiert mit den Folgen, die wir während der Corona-Pandemie erleben mussten. Profit geht hier vor Menschenwohl. Aus guter Planung und umfassender Vorsorge aber lässt sich kein Profit ziehen“. Buchhändler Volker Geber dankte nach der intensiven Diskussion dem Autor Frank Bliss und Moderator Bernhard Hoeper für ihre engagierten Beiträge.

Frank Bliss (Mitte) in der Buchhandlung Geber. Foto: privat

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