Die Ära Walter Ullrich als Intendant des Kleinen Theaters Bad Godesberg und des Schlosstheaters Neuwied endet
Auf Wiedersehen mit Szenen aus Goethes „Faust I“
Wachtberg/Bad Godesberg/Neuwied. Walter Ullrich, wer kennt ihn nicht, den Gründer des Kleinen Theaters Bad Godesberg, welches am 21. Oktober 1958 seine Pforten ursprünglich in der Ubierstraße öffnete und in diesem Jahr nun irgendwie seine Pforten schließt. Oder besser gesagt, eine Ära, nämlich die des Walter Ullrich, geht nach unglaublichen 60 Jahren zu Ende.
Ursprünglich als Kellertheater gegründet, überließ ihm die Stadt Bonn im Jahr 1969 in Anerkennung seiner Leistungen für die damalige Badestadt das Bürgermeisterhaus im Kurpark, dass durch die Eingemeindung Bad Godesbergs frei geworden war. Nach erfolgtem Umbau eröffnete er dieses Haus am 17. September 1970 und bis heute ist dort das „Kleine Theater“ untergebracht.
Der im Jahr 1931 geborene Ullrich wurde im Februar 1945 zum Volkssturm eingezogen und begann im Anschluss daran im Herbst 1945 seine Bühnenlaufbahn als Volontär an den Städtischen Bühnen Halberstadt unter dem damaligen Intendanten Waldemar Teuscher.
Im Sommer 1946 siedelte er in den Westen über und wurde direkt von Max Wendeler an das Stadttheater Bad Godesberg engagiert. Ein Jahr später verließ er Bad Godesberg und ging an das neu gründete Bergstadttheater Lüdenscheid, wo er erstmals große und bedeutende Rollen wie den Jacob in Max Halbes „Strom“, den Ferdinand in „Kabale und Liebe“, den Niclas in John Knittels „Via Mala“ aber auch die ersten komischen Rollen wie den Heinrich in „Die spanische Fliege“ spielte.
Als 1948 durch die Währungsreform die meisten der neu gegründeten Theater schließen mussten, begab er sich mit einem Theaterstück im Rahmen der gesundheitlichen Volksaufklärung auf Deutschlandtournee und synchronisierte nebenbei über 100 Filme bei der Internationalen Filmunion in Remagen. So kennen und lieben wir Walter Ullrich, den bis heute nichts unterkriegen konnte.
Unzählige Aufführungen sind im Kleinen Theater Bad Godesberg über die Bühne gegangen, Kurt Hübner, Karl-Heinz Stroux, Ulrich Erfurth und Ephraim Kishon inszenierten hier. Durch Ullrichs gute Kontakte konnte er fast alle Stars der UFA und auch der Nachkriegszeit von Marika Rökk bis Gunther Philipp für sein Theater verpflichten.
Im Jahre 1979 bot ihm zudem noch die Stadt Neuwied die Intendanz der Landesbühne Rheinland-Pfalz und des Schlosstheaters Neuwied an. Eine große Herausforderung, die er zusätzlich zu seiner Bad Godesberger Theaterleitung übernahm.
Wenn man meint, er hätte keine Zeit mehr gehabt auf der Bühne zu stehen, dann täuscht man sich, was ein Vollblut Schauspieler wie Walter Ullrich ist, der musste mindestens einmal im Jahr selbst auf der Bühne stehen.
Die Bandbreite des Schauspiels reicht von der Klassik bis zur bewährten Moderne, von der Tragödie bis zur Boulevard-Komödie. Daneben standen auch „kleine Formen“ von Oper, Operette und Musical auf dem Spielplan, wobei auch das traditionelle Weihnachtsmärchen im Spielplan seinen festen Platz hatte. In jeder Spielzeit wurden bis zu 300 Vorstellungen gegeben. Bei einer Kapazität von 161 Plätzen erreicht die Bühne eine durchschnittliche Platzauslastung von etwa 95 Prozent, wozu auch die über 1.700 Abonnenten regelmäßig beitrugen.
Nun heißt es in diesem Jahr im Sommer nach 50-jähriger Vertragslaufzeit für Walter Ullrich „der letzte Vorhang fällt“ und Frank Oppermann wird neuer Intendant des Kleinen Theaters.
Grund genug für uns, Walter Ullrich zum Abschied noch einmal einige Fragen zu stellen.
„BLICK aktuell“: Wie geht es Ihnen nach dem ganzen Hick Hack um Ihr Lebenswerk?
Walter Ullrich: Sehr gut!
Ist Frank Oppermann der richtige Mann und wie stehen Sie zu seinem Konzept?
Sein Spielplan für die nächste Spielzeit ist sehr gut und anspruchsvoll, ich hoffe, dass die Abonnenten treu bleiben und ihm seine Pläne finanziell ermöglichen.
Wird Ihr Team von der neuen Theaterleitung übernommen?
Ja, bis auf eine Mitarbeiterin, die aus Altersgründen ausscheidet.
Werden Sie Frank Oppermann in Zukunft beratend zur Seite stehen?
Selbstverständlich.
Viele interessante Schauspieler/ - innen sind bei Ihnen ein- und ausgegangen. Wer hat Sie am meisten fasziniert?
Da könnte ich zwei Dutzend Namen nennen.
An welche lustigen Anekdoten oder Pannen denken Sie gerne zurück?
Auf der Bühne gibt es manchmal lustige Versprecher. Viele Kollegen müssen dann lachen, aber ich bleibe immer ernst. Allerdings einmal hat mich doch eine junge Anfängerin aus der Fassung gebracht. In der Komödie „Der Mustergatte“ muss sie mich ans Telefon rufen mit dem Satz „Herr Bartlett, sie werden am Telefon verlangt“ . Dann sagte sie bei einer anderen Vorstellung „Herr Bartlett, sie werden am Telefon gewünscht“. Als sie dann beides verwechselte und sagte „Herr Bartlett, sie werden am Telefon verwünscht“, habe auch ich lachen müssen. Ich könnte natürlich eine ganze Menge erzählen, aber an dem geschilderten Beispiel waren es nicht nur die falschen Texte, sondern auch die maßlos erschrockenen Augen der jungen Kollegin, die mich zum Lachen gebracht haben.
Ach da fällt mir gerade noch etwas ein: Als Wilhelm Tell in der Hohlen Gasse von Küssnacht „Fort musst du Vogt, deine Uhr ist abgelaufen“ sagen musste und statt dessen sagte: „Ab musst du Vogt, deine Uhr ist fortgelaufen“ habe ich als Gessler auch nicht auftreten können, weil ich lachen musste.
Mit „Kennen Sie die Milchstraße“ öffnete das Kleine Theater am 9. Januar 1959 zum zweiten Mal seine Pforten und mit diesem Stück verabschieden Sie sich auch vom Kleinen Theater. Welche Bedeutung hat das Stück für Sie?
Es ist das einzige Stück, das 60 Jahre auf dem Spielplan stand und in dem ich nicht nur Regie geführt habe, sondern auch alle Rollen gespielt habe.
Am 16. Juni gibt es einen Abschiedsabend mit Abschiedsparty. Wird Walter Ullrich dann nochmal so richtig auf den Putz hauen oder wie darf man sich den Abend vorstellen?
Der Abschiedsabend ist mit Szenen aus „Faust I“ ein mehr feierlicher Abend, auf den Putz hauen kann man dann bei der darauffolgenden Party, es gibt Sekt und Prosecco, alkoholfreie Getränke, die Stadthalle stiftet ein Buffet, zum Abschluss gibt es auch ein Feuerwerk.
Was ist es für ein Gefühl, zum Abschied noch einmal mit den alten Weggefährten wie beispielsweise Folker Bohnet oder Claus Wilcke auf der Bühne zu stehen?
Natürlich ist auch ein bisschen Wehmut dabei, aber das merkt man sicher erst hinterher.
Man hat Sie unlängst auf der Bühne im Malente Palast als Kaiser gesehen. Werden Sie auch weiterhin auf der Bühne stehen oder setzen Sie sich komplett zur Ruhe? Kann Walter Ullrich überhaupt ohne die Theaterluft leben?
Im Herbst spiele ich an der Landesbühne Neuwied und auf einer Deutschlandtournee in Schiller’s „Don Carlos“ den Grossinquisitor.
Werden Sie weiterhin mit der Landesbühne Rheinland-Pfalz im Schlosstheater in Neuwied zusammenarbeiten? Immerhin sind Sie dort seit 1979, also über 40 Jahre, der Leiter.
Ja und ich freue mich darauf.
Wie stellen Sie sich Ihren neuen Alltag vor? Werden Sie anfangen zu reisen oder was werden Sie tun?
Das was ich am liebsten mache. Theater spielen.
Mit Anouschka Renzi stand Ullrich oft auf der Bühne des Kleinen Theaters.
