Allgemeine Berichte | 07.09.2021

Landeshandwerkskonferenz: Expertentreff zu Wiederaufbau-Projekt Ahrtal

Bilanz und nächste Schritte werden besprochen

Veranstaltung in der Handwerkskammer Koblenz stellt Hochwasserkatastrophe in den Mittelpunkt

Die Landeshandwerkskonferenz bei der HwK Koblenz stellte das Hochwasser, den Stand bei den bisherigen Aufräumarbeiten und die nächsten Schritte beim Wiederaufbau des Ahrtals in den Mittelpunkt.Foto: privat

Koblenz/Ahrtal. Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal und in anderen Teilen von Rheinland-Pfalz war das Schwerpunktthema der Landeshandwerkskonferenz, die im Zentrum für Ernährung und Gesundheit der Handwerkskammer (HwK) Koblenz stattfand. Fast 80 Teilnehmer von Handwerksorganisationen, aus Politik und dem Krisenmanagement, von Versorgungsunternehmen sowie helfende wie auch betroffene Handwerker tauschten sich aus zu den bisherigen Arbeiten im Ahrtal wie auch die nächsten Aufgaben im Zuge von Deutschlands größtem Wiederaufbau-Projekt.

Unter anderem informierten Nicole Steingaß, Staatssekretärin im Innenministerium und Leiterin Wiederaufbauorganisation Rheinland-Pfalz (RLP), Thomas Linnertz, Präsident der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) und Leiter des Krisenstabes, Petra Dick-Walther, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz oder auch Rainer Zeimentz, Leiter der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e.V. über den Sachstand und die nächsten Schritte der Krisenbewältigung. Einig waren sich alle Experten dieses Forums: Es ist eine Mammutaufgabe, die Schritt für Schritt gelöst werden muss. „Das Ausmaß der Schäden ist gigantisch. Es wird dauern, viel Geld kosten und nur in einer funktionierenden Solidargemeinschaft zu lösen sein“, machten HwK-Präsident Kurt Krautscheid, Johannes Lauer als Vorsitzender des Unternehmerverbandes Handwerk RLP e.V. und Gerd Benzmüller als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Kreishandwerkerschaften in RLP zu Beginn der Konferenz deutlich. Alle drei arbeiten im handwerklichen Krisenmanagement unter Führung der HwK Koblenz mit, das sich jeden Dienstag in Bad Neuenahr-Ahrweiler trifft. 600 Handwerksbetriebe entlang der Ahr sind durch die Hochwasserkatastrophe stark beschädigt oder ganz zerstört worden. „Wir sind nach der ersten Phase der Aufräumarbeiten nun zusammen mit diesen Betrieben im Wiederaufbauprozess. Gemeinsam werden wir das schaffen“, sendeten die Handwerksvertreter gleich zu Beginn ein optimistisches Signal.

Thomas Linnertz übernahm drei Tage nach der Hochwasserkatastrophennacht vom 14. zum 15. Juli den Krisenstab. Er berichtete darüber, was seitdem alles geleistet wurde. „Viele Hilfsdienste haben alles aufgeboten, was sie haben. Die Solidarität der Menschen und ihr Einsatzwille sind gigantisch.“ So waren insgesamt 5.000 „offizielle“ Helfer im Einsatz, weitere 300 übernahmen Koordinationsaufgaben. 20.000 Menschen werden tagtäglich versorgt. Die Koordination vor Ort klappe inzwischen gut und Linnartz bedankte sich bei den Akteuren der Kreis-, Verbandsgemeinde- und Stadtverwaltungen. Insbesondere die Ortsbürgermeister und Ortsvorsteher entlang der Ahr hätten unglaubliches geleistet wie auch das handwerkliche Ehrenamt, „das sich ohne Rücksicht auf den eigenen Betrieb oder auf das eigene Schicksal im Sinne aller Betroffenen reingekniet hat.“

Josef Rönz, Vorstandsvorsitzender der Energieversorgung Mittelrhein (EVM) gab einen Überblick zu den Gas-Versorgungssystemen, die gerade für das Heizen im Winter von großer Wichtigkeit sind. Viele Kilometer Gasleitungen wurden zerstört und „der Wiederaufbau habe in der Realisierung einfach seine Grenzen!“ Um Zeit zu sparen, verzichtet die EVM auf klassische Vergabeverfahren und hat ein Budget von 30 Millionen Euro bereitgestellt, „ohne selbst zu wissen, inwieweit sich Bund und Land finanziell daran beteiligen werden. Täglich sind rund 100 Spezialisten im Einsatz, dazu kommen viele ehrenamtliche Helfer, von denen 20 selbst alles verloren haben. Trotz aller Anstrengungen wird es Provisorien geben müssen.“ Rönz erläuterte hierbei die Kooperation mit einem Flüssiggas-Unternehmen. Die Variante, elektrisch zu heizen, habe Grenzen, denn auch die Stromnetze können entsprechende Kapazitäten nicht bereitstellen und würden bei Überlastung zusammenbrechen – eine Krise in der Krise, die unbedingt verhindert werden muss. Lob gab es vom EVM-Chef für das Handwerk wie auch die Handwerkerplattform „handwerk-baut-auf.de“. „Das sind praktische und konstruktive Hilfestellungen, die uns vorwärts bringen.“

Petra Dick-Walter ging insbesondere auf die Sicherstellung der Materialversorgung für den Wideraufbau ein. „Die Menschen brauchen wieder ein Dach über dem Kopf und Strom und Wärme in ihren Häusern. Trotz der bereits vor dem 14. Juli bestehenden Fachkräfte- und Materialknappheit die Kräfte hierfür bundesweit in den nächsten Jahren in den betroffenen Regionen bündeln zu können, wird ein Kraftakt. Das wird eine der Kernaufgaben des Aufbaus sein.“ Die Hilfsmittel des Landes fließen. „2.200 Anträge wurden bereits bewilligt, 11 Millionen Euro Soforthilfe ausgezahlt.“

Das Thema Geld griff auch Nicole Steingaß auf: „Ab Oktober können die Hilfen nach dem Aufbauförderungsgesetz beantragt werden, das jetzt die letzten parlamentarischen Hürden mit großer Mehrheit überwinden dürfte.“ Darüber hinaus wies auch sie darauf hin, dass die Hilfsmaßnahmen noch über Monate, sehr wahrscheinlich Jahre, gebraucht werden. „Dabei spielen natürlich auch Abstimmungsrunden wie die wöchentlichen Treffen unter dem Dach der HwK eine wichtige Rolle. Hier werden praktische Lösungen besprochen, die sich zügig umsetzen lassen.“ Auch die Landeshandwerkskonferenz sende ein starkes Signal und das Handwerk übernehme viel Verantwortung, was die Mainzer Landesregierung sehr schätze.

„Das Handwerk hat das Ahrtal nicht allein gelassen“, lobte auch Günter Kern, Leiter des Verbindungsbüros kommunaler Wiederaufbau. „Wenn die Bescheide der Wiederaufbauhilfe erst einmal rausgehen, wird der große Run einsetzen und ab dann ist das Handwerk aus ganz Deutschland gefragt.“

Der Ahrweiler Kreishandwerksmeister Frank Wershofen schilderte in einem emotionalen Vortrag seine Doppelrolle: auf der einen Seite betroffen, denn der Familienbetrieb wurde ein Opfer der Fluten. Auf der anderen Seite der Macher, der für seine Kunden und auch die Innungsbetriebe da ist. „Wir müssen die Hilfe koordinieren und den Kunden verlässlich zur Seite stehen. Und den eigenen Betrieb auch wieder aufbauen.“ Wershofen berichtete auch über jene Nacht, über seine Flucht vor den Wassermassen in ein Restaurant, „von dessen Dachterrasse ich zusah, wie unser Lebenswerk wegschwamm.“ Er ging auch auf ganz alltägliche Probleme ein, mit denen das Handwerk im Ahrtal nun kämpfe und die kaum sichtbar sind. So der Weg der Auszubildenden in die Ausweich-Berufsschule nach Andernach. Hier werde dringend ein Shuttle-Bus gebraucht. Wershofen bedankte sich bei den vielen Helfern, die auch ihm im Betrieb tatkräftig zur Seite standen. „Ich habe wahnsinnig tolle Menschen kennengelernt!“

Bernd Krinninger berichtete als Koordinator der deutschlandweiten Dachdecker-Hilfsaktion über seine Erfahrungen und Erlebnisse. „Wir sind bei diesem Einsatz nicht nur Handwerker, sondern auch Seelsorger“, ging er auf das Miteinander mit den Menschen vor Ort ein. Hämmern und Zuhören, oft trösten und Mut zusprechen – auch das sei eine Seite dieses Einsatzes. 300 Dachdeckerbetriebe aus ganz Deutschland haben mit 600 Fachkräften bisher 22.000 Arbeitsstunden freiwillig geleistet, Materialspenden in Höhe von 1,5 Millionen Euro wurden bereitgestellt. Aber: „Hilfe muss als finanzieller Anreiz auch in den helfenden Handwerksbetrieben ankommen!“ Auch das müsse bei der Verteilung der Hilfsgelder berücksichtigt werden.

Abschließend sprach Rainer Zeimentz, Leiter der Entwicklungsagentur RLP, über die Verantwortung, die sich mit dem Wiederaufbau auch verbinde. „Wir bauen das Ahrtal schöner als zuvor wieder auf – das waren auch die Gedanken der Anwohner nach den großen Hochwassern 1804 und 1910. Wir können heute auf wissenschaftliche Fakten und Forschungen zurückgreifen, die es damals noch nicht gab und müssen solche Naturphänomene auch künftig einkalkulieren – für uns, für die nächste und übernächste Generation. Wir müssen heute für unsere Nachfahren denken, planen und bauen.“ Das Ahrtal sei nicht nur der 14. Juli 2021, sondern auch 2025 oder 2050, mahnte Zeimentz. Trotz des Drucks und der großen Erwartungshaltungen, die nun auch eine Rolle beim Wiederaufbau spielen, müsse so gebaut werden, dass man auf künftige Fluten besser vorbereitet ist.

Die Veranstaltung wurde durch Ralf Hellrich, HwK-Hauptgeschäftsführer, moderiert. Hellrich appellierte an alle Beteiligten wie auch an die Krisenmanagement-Partner, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und nicht nachzulassen im Engagement für das Ahrtal und seine Menschen.

Pressemitteilung der

Handwerkskammer Koblenz

Die Landeshandwerkskonferenz bei der HwK Koblenz stellte das Hochwasser, den Stand bei den bisherigen Aufräumarbeiten und die nächsten Schritte beim Wiederaufbau des Ahrtals in den Mittelpunkt.Foto: privat

Die Landeshandwerkskonferenz bei der HwK Koblenz stellte das Hochwasser, den Stand bei den bisherigen Aufräumarbeiten und die nächsten Schritte beim Wiederaufbau des Ahrtals in den Mittelpunkt.Foto: privat

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Wir helfen im Trauerfall
Dusch WC - Unterboden
Image
Dillemarkt 2. Anzeige
Stellenanzeige Aushilfen
Titelanzeige KW 27
Stellenausschreibung 2026/060 Systemadministrator/in
Empfohlene Artikel
In der Ahrhut war einiges los.  Fotos: DU
20

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Nicht nur aber ganz besonders zu den verschiedenen Jahreszeiten werden die Innenstädte von Bad Neuenahr und Ahrweiler bunt. Am vergangenen Wochenende war dies erneut beim verkaufsoffenen Aktionswochenende „Sommerbunt“ der Fall. Wie es für dieses von der Gewerbegemeinschaft Bad Neuenahr-Ahrweiler in enger Kooperation mit Stadt und Ahrtal-Tourismus veranstaltete Event längst...

Weiterlesen

Zum Abschlus bekam jeder ein kleines gehäkeltes „Wir“.
53

Rheinbrohl. Auch in der Kindertagesstätte CASA VIVIDA gibt es schon einmal Streit, Schimpfwörter und körperliche Auseinandersetzungen. Das hat die Mitarbeiterinnen motiviert, sich mit den Kindern intensiv mit den Themen Konfliktlösungen, Freundschaft, Zusammenhalt, gegenseitigem Respekt und der Stärkung des „Wir-Gefühls“ zu beschäftigen.

Weiterlesen

Weitere Artikel
schmusen mit Pflegemama
1477

Mayen. Sultan kam bereits im Februar 2026 in unser Tierheim, nachdem er in Mendig umherstreunte und sich niemand für den stattlichen weißen Kater verantwortlich fühlte. Damals war Sultan unkastriert, nicht gekennzeichnet und hatte eine schlimme Augenentzündung, die auf seine nicht behandelten Rolllider zurückzuführen war.

Von Tierschutzverein Mayen U.U. e.V. Frau Sybill Limba aus Mayen

Weiterlesen

Die Ahr in Bad Neuenahr am Morgen nach der Flut.  Foto: ROB
808

Fünf Jahre sind vergangen, seitdem in der Ahrflut 135 Menschen im Alter von 4 Monaten bis 97 Jahren ums Leben kamen. Über 700 Personen wurden verletzt. Gar nicht zu reden von den Schicksalen und Tragödien, die bis heute auf die Ahrflut zurückzuführen sind (z. B. Suizide, über die keiner berichtet).

Weiterlesen

Beim Besuch der Nah-Kaufbox in Altenahr hatten die FDP-Vertreter schon deutlich gemacht, dass gerade im ländlichen Raum flexible Öffnungszeiten wichtig sind zur Versorgung der Menschen.
8

Kreis Ahrweiler. Die FDP unterstützt die aktuellen Forderungen aus dem Handel nach flexibleren Sonntagsöffnungen. Anlass ist die Debatte über längere Öffnungszeiten für Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken. Aus Sicht der Freien Demokraten darf es dabei nicht bleiben. Auch der übrige Einzelhandel braucht mehr Spielraum.

Von Ulrich van Bebber aus Bad Breisig

Weiterlesen