Stadt Rheinbach gedachte der Opfer des Nationalsozialismus
Bruch mit der Zivilisation zeigt, wie wichtig Menschenwürde und -rechte sind
Ilka von Boeselager, MdL und Vizebürgermeister Claus Wehage hielten nachdenklich stimmende Ansprachen
Rheinbach. In einer nachdenklich stimmenden Feier gedachte die Stadt Rheinbach am 72. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, der Opfer des Nationalsozialismus. Auf Einladung der CDU-Landtagsabgeordneten Ilka von Boeselager fanden sich dafür gut 50 Menschen aller Generationen im Foyer des Rathauses ein, mit Blick auf die Installation zum Gedenken an die aus Rheinbach stammenden ermordeten Juden.
„Es sind nun fast zweieinhalb Generationen, die uns vom Ende der industriell organisierten Tötung trennen, von Rassenwahn und Krieg“, erinnerte von Boeselager in ihrer Ansprache. Doch beim konkreten Blick zurück in dieses Grauen gehe es nicht nur um die Vermittlung historischer Fakten, sondern darum, dass man sich selbst der NS-Geschichte stelle und sich selbst als moralisches Subjekt begreife, zitierte sie den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, der den jährlichen Gedenktag 1996 begründet hatte und kürzlich beigesetzt wurde. Es gehe um die Klarheit in Bezug auf die eigene Herkunft „und um die tiefen Schichten, auf denen wir heute stehen.“ Diese Klarheit über das Zurückliegende sei Voraussetzung für ein befreites Handeln in Gegenwart und Zukunft, ohne Verdrängung und Tabu. Das gelte für die Gemeinschaft ebenso wie für das persönliche Gewissen.
Die Barbarei des Nationalsozialismus nicht verdrängen
Der zweite Punkt sei aber, dass der Bruch mit der Zivilisation, der im nationalsozialistischen Deutschland stattgefunden habe, unser Verständnis vom Menschen auf das Radikalste herausfordere und bewusst mache, wie wichtig die Menschenwürde und die Menschenrechte seien. Um heute den Frieden zu bewahren und die Zukunft gut zu gestalten, dürfe man diese Barbarei des Nationalsozialismus nicht verdrängen. „Sondern wir müssen uns immer neue mit den Faktoren beschäftigen, die diese Gewalt in Deutschland ausgelöst haben: die Brutalität, Demütigung, Schändung, Ermordung. Wir müssen uns mit der Unverstehbarkeit dieser Wirklichkeit auseinandersetzen, die Vorgänge nachvollziehen, die große Schuld“, sagte von Boeselager. Dieses schreckliche Geschehen könne nie zu den Akten gelegt werden.
Vizebürgermeister Claus Wehage, der den erkrankten Bürgermeister Stefan Raetz vertrat, fragte, wie es eigentlich zu dem Verbrechen des 20. Jahrhunderts kommen konnte. Wie aus leider zu wenig beachteten Ansätzen eine „Lawine des Todes“ entstehen konnte – und wie es heute aussieht. Seiner Meinung nach seien die Grundlagen für die Ausweitung des Nationalsozialismus vielfältig. Die Abneigung gegen die Weimarer Republik, die Verarmung weiter Kreise des Bürgertums, der harte Druck der ehemaligen Kriegsgegner, der fehlende Wille breiter Volksschichten zu verantwortlichem Mitmachen in der demokratischen Republik und nicht zuletzt die Wirtschaftskrise mit ihren für das ohnehin angeschlagene Deutschland besonders belastenden Folgen.
Demagogischen Formulierungen zeigten Wirkung
„Die demagogischen Formulierungen des Programms der NSDAP übten trotz ihrer sachlichen Schieflage und Verlogenheit ihre Wirkung auf große, zu kritischer Prüfung wenig geneigte Volksteile aus“, wusste Wehage. Das Führerprinzip habe dem Autoritätsbedürfnis vieler Menschen entsprochen, und äußeres Gepränge habe das Verlangen nach Repräsentation befriedigt.
Die Juden seien schon früher für Seuchen und Katastrophen verantwortlich gemacht wurden, doch Hitler habe in ihnen die eigentlichen Drahtzieher und Verursacher allen Unglücks gesehen, das Deutschland je heimgesucht hatte. Die nationalsozialistische Propagandamaschine habe es geschafft, dass sich entsprechende Gedankengänge auch in den Köpfen nicht weniger Deutsche festgesetzt hätten. Was sich vor 78 Jahren mitten in Deutschland abgespielt habe, habe es seit dem Mittelalter in keinem zivilisierten Land mehr gegeben. „Und der Staat machte sich selbst zum Organisator des Verbrechens. Die Juden waren zum Freiwild erklärt worden“ , so Wehage weiter.
Ohne Prozess und Gerichtsurteil eingesperrt
Es seien Konzentrationslager gebaut worden, in die nicht nur Juden, sondern auch politische Gegner, Geistliche beider Konfessionen und von den Machthabern als „asoziale Elemente“ bezeichnete Personen unter unmenschlichen Verhältnissen, ohne Prozess und Gerichtsurteil, ohne jedes Recht und auf ungewisse Zeit eingespart wurden. Seit 1942 habe es die planmäßige Vernichtung der Juden in Gaskammern und durch Erschießung gegeben. Parallel dazu geschah die Tötung von Geisteskranken als Vernichtung „unwerten Lebens“, zurückzuführen auf das Euthanasiegesetz von 1939.
Die Frage stelle sich, was eigentlich mit den Tätern nach Kriegsende geschehen sei und warum nur ein Bruchteil der Täter verurteilt worden sei. „Die Aufgabe war zu gewaltig, das Ausmaß der Verbrechen zu groß. Es fehlte der Wille, das bis zum Letzten zu ahnden. Die Justiz ist eben immer auch ein Spiegel der Gesellschaft“, zitierte Wehage den früheren Oberstaatsanwalt Wolfgang Weber. „Eine Begründung, die mich sehr nachdenklich stimmt.“
Für Frieden und Freiheit aktiv eintreten
Und heute? Es sei festzustellen, dass weltweit derzeit mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung seien. 31 Kriege und rund 300 gewaltsame Konflikte würden ausgetragen. In Deutschland lebe man hingegen seit 1945 in Frieden und Freiheit. Doch Tage wie dieser gemahnten, hierfür weiterhin aktiv einzutreten, wo und wie immer das möglich sei. Erinnern und Gedenken bildeten eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart und die Zukunft. „Nur wer das Böse nicht vergisst, kämpft für das Gute“, so Wehage.
Anschließend analysierten vier Schüler des Städtischen Gymnasiums Rheinbach in einer wissenschaftlich tief gehenden Ausarbeitung die Gründe, wieso es zu dem Völkermord in Auschwitz gekommen war. In einer szenischen Lesung über die Erlebnisse eines Mädchens in Theresienstadt mit dem Titel „Himmel und Hölle“ rüttelten Schüler der Klasse 7.1 der Gesamtschule Rheinbach die Anwesenden auf. Hörenswert auch der Liedvortrag von Schülern der Klasse 5.3 der Gesamtschule mit dem Titel „Blowing in the Wind“ unter der Leitung von Thomas Michels. Zum Schluss legten von Boeselager und Wehage ein Gesteck an der Installation zum Gedenken an die aus Rheinbach stammenden ermordeten Juden nieder.
JOST
Vizebürgermeister Claus Wehage und die CDU-Landtagsabgeordnete Ilka von Boeselager legten einen Kranz an der Installation zum Gedenken an die aus Rheinbach stammenden ermordeten Juden nieder. Foto: Volker Jost
