Allgemeine Berichte | 01.03.2017, 07:52 Uhr

Aktuelles Stück des Chateau Pech-Theater

„Chateau: Chapeau!“

Kritik zu „Einer flog über das Kuckucksnest“

Einer flog über das Kuckucksnest: McMurphy, die Oberschwester und fünf Geistesverwirrte.Junker
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Pech. Der erste glückliche Regieeinfall begegnet einem, noch bevor der Vorhang aufgeht: Ein Drahtgitter vor der ganzen Bühne, das besagt, die Handlung spiele in einer geschlossenen Anstalt. Und auf dieser Bühne erscheinen zunächst sechs mehr oder weniger verwirrte Patienten einer Nervenheilanstalt, sowie deren Oberschwester, was schon für eine schauspielerische Situation!

Zu Beginn haben sich die Sechs mit dieser Existenz ganz passabel arrangiert, und die Oberschwester (Ursula Rocke) betreibt konventionelle Gruppentherapie, bis eben der Siebte, McMurphy (Clint Christian Staak) hinzukommt. Die Ironie dabei ist, dass eben dieser gar nicht geistesgestört ist, sondern nur einer Gefängnisstrafe entgehen wollte. Er fängt nun sofort eine Kraftprobe mit der Oberschwester an, indem er ihre Autorität erschüttert, und von dieser Rivalität lebt die ganze Handlung. Einerseits wiegelt er die Gruppe gegen die Oberschwester auf, anfangs harmlos und wenig erfolgreich, andererseits rempelt er sie aber so direkt und körperlich an, dass schon zur Pause klar ist, diese Provokation kann sie sich nicht gefallen lassen. Denn auch sie hat ein Disziplinierungsmittel: Sie entscheidet über seine Entlassung! Aber das wirkt auf ihn nur kurzzeitig, da beginnt er wieder mit seiner Revolte gegen die Hausordnung – Kartenspielen mit Geld, Fernsehprogramme, Basketball, Party mit Freudenmädchen. Die Oberschwester reagiert hart, aber der Stationsarzt bremst sie; immerhin stimmt auch er einer Elektroschock-Behandlung zu, die McMurphy aber wirkungslos und spöttisch übersteht. Vielmehr greift er sie gewalttätig an und würgt sie lebensbedrohend.

Und nun ein Zeitsprung eine Woche später: McMurphy wird apathisch auf die Bühne gefahren, in einem Rollstuhl, der die Aufschrift trägt „Lobotomie“, d.h. gehirnchirurgischer Eingriff. Und hier kommt die dritte Hauptperson ins Spiel, der sogenannte „Häuptling“ (Johnny Younes), im Roman der Ich-Erzähler: Als letzten Freundschaftsdienst erstickt er McMurphy und flieht nach Kanada.

Noch ein bewegender Regieeinfall, der weder im Roman noch im Film vorkommt: Zuvor bespricht sich der „Häuptling“ immer wieder nachts und ratlos mit seinem toten Vater, der wirklich Häuptling eines Indianerstamms war. Und diese Szene stellt er schauspielerisch so suggestiv dar, dass sie den Weg auf die Titelseite des Programmheftes und auch des „Blick aktuell Wachtberg“ vor zwei Wochen gefunden hat.

Die Besonderheit dieser Inszenierung: Sie verteilt keine Urteile. McMurphy weckt auch Sympathie, und seine verbotenen Spiele könnten auch Ausdruck einer ganz anderen, erfolgreichen Therapie sein. Und die Oberschwester ist kein Drachen, sie hat es schon mit ihren Sechs nicht leicht, Disziplin zu halten, und insofern ist ihr Slogan „Disziplin macht frei“ auch etwas verunglückt. Die Geschichte ist nicht empörend, aber verstörend. Es ist keine Tragikkomödie, hat aber auch einige komödiantische Szenen. Sie ist wieder eine große Ensembleleistung, und ein denkwürdiges 30. Jubiläum des Chateau Pech und seiner Hausherren Gundula Schroeder und Traugott Scholz.

Ulrich Junker

Einer flog über das Kuckucksnest: McMurphy, die Oberschwester und fünf Geistesverwirrte.Foto: Junker

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