Schüler der Theodissa Realschule plus Diez verarbeiten ihren Besuch der Gedenkstätte Hadamar in Kunstobjekten
„Dem Gefühl Ausdruck verleihen“
Rhein-Lahn-Kreis. Schüler der neunten Klassenstufe der Theodissa-Realschule plus in Diez haben im Rahmen eines fächerübergreifenden Unterrichtsprojekts „Nationalsozialimus“ auch die Gedenkstätte Hadamar besucht und ihre Eindrücke und Gefühle nicht nur „faktenmäßig“ verarbeitet, sondern in beeindruckenden Werken künstlerisch zum Ausdruck gebracht. Ziel war es, so Religionslehrerin Sina Schmidt, dass die Schüler sich eben nicht nur mit den Fakten dieser Zeit beschäftigen. In einer sogenannten Assemblage, also ohne Vorgaben zu Material, Größe und Farben, wurde den Schülern die Möglichkeit gegeben, ihre Gefühle wie Wut, Hass, Unverständnis, Mitleid, aber auch ihre eigene Haltung zu dieser Thematik auszudrücken. Ziel ist letztlich „Keine Pädagogik mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein Erkenntnisprozess des Einzelnen“, so Initiatorin und Religionslehrerin Sina Schmidt. Im Rahmen ihrer Examensarbeit sei sie vor rund drei Jahren auf die Form der Assamblage aufmerksam geworden, nachdem sie erstmals mit einer Schülergruppe die Gedenkstätte besucht habe. „Es fiel ihnen damals total schwer darüber zu reden“, berichtet die engagierte Lehrerin für evangelische Religion. Mit dem Mittel der absolut freien künstlerischen Darstellung gelang es die Eindrücke greifbar zu machen - inzwischen ist es der dritte Durchgang von Abschlussklassen (den Q-Klassen an der Theodissa - Realschule plus) der sich so mit dem Thema beschäftigt, das Ergebnis ist die beeindruckende Ausstellung im Sitzungssaal der Kreisverwaltung Bad Ems.
Dabei war das Ganze keineswegs ein Religionsprojekt. Die Arbeit an der Theodissa-Realschule plus kennzeichnet der kooperative Ansatz, das heißt im Prinzip die fächerübergreifende Herangehensweise. Sina Schmidt betont, dass das Projekt als Teamwork mit den Klassenlehrern Dennis Langenbahn (Geschichte) und Philipp Schmitt (Musik) sowie Kunstlehrerin Angela Bange entstanden ist. Alle gemeinsam hinterlassen genau wie die Neuntklässler selbst einen sympathischen, engagierten Eindruck. Die gesamte Ausstellung sowie das Rahmenprogramm entstand im Rahmen des Projektes und wurde gemeinsam mit Leben gefüllt. So gestaltete zum Beispiel auch die Klassenband 9a-Q den musikalischen Rahmen: „Tears in Heaven“ von Eric Clapton, „Imagine“ von John Lennon und „Only time“ von Enya passten. Die Redebeiträge der Neuntklässler (Ruben Etheber und Max Linn) aber auch die Werke selbst zeigten, welche Eindrücke die Anstalt Hadamar, in der Behinderte, aber auch verhaltensauffällige Jugendliche, als „lebensunwert“ getötet wurden, hinterlassen hat. „Teilweise war Hadamar bekannt, den meisten allerdings nicht im Detail. Da kippte die Stimmung sehr schnell, sie wurde sehr still“, beschreibt Sina Schmidt ihre Eindrücke der Schüler vom Besuch der Gedenkstätte. „Die Schüler hatten teilweise gar kein Bild, manchmal auch einfach ein falsches von Hadamar“, beschreibt Geschichtslehrer Dennis Langenbahn. „Der Besuch hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, das war plötzlich greifbar und sie haben sie die „richtigen“ Fragen gestellt“, so Langenbahn weiter. „Geschichte ist oft nur Arbeit mit Texten, hier ist sie greifbar, hier gibt es Berührungspunkte - auch durch die Herkunft der Opfer aus dem Bereich, den die Schüler kennen“.
Konkrete Fallbeispiele wurden im Unterricht besprochen, „das waren Leute aus dem Dorf, das schafft Bezug“, erklärt Langenbahn. Das geht sogar so weit, dass die Neuntklässler in der Lage sind, Bezüge zum aktuellen Geschehen herzustellen: „Von sich aus kommentieren und hinterfragen die Schüler Vorgänge wie in der Silvesternacht von Köln, wie schnell das geht, das man Vorurteile ausbaut und Menschen verurteilt. Da erkennen die Schüler Parallelen“, so Langenbahn. Dass Schule so etwas schafft, ist wohl kaum als üblich einzustufen.
Die 15-Jährige Kiara-Marie Gehrheim erläutert zur Ausstellungseröffnung ihr Objekt „Von Hölle zu Himmel“: „Die Menschen mussten durch die Hölle gehen, um in den Himmel zu gelangen, es waren unschuldige Opfer, rausgerissen aus ihrem Alltag wurden sie gequält. Das waren ganz normale Menschen. Und obwohl das so lange her ist, berührt es mich sehr“, so Kiara-Marie. Auch Torben Nink aus Langenscheid assoziiert den Begriff „Hölle“ mit dem Gesehenen, „Eingang zur Hölle“ heißt sein Werk, ein Vorhang symbolisiert Geheimhaltung, roter Kies steht für das Flackern des Feuers der Verbrennungsöfen, ein Bild von Hitler prangt in dem dargestellten Tunnel. „Wir waren geschockt und sind enttäuscht, dass Menschen so etwas tun konnten. Ich finde das unvorstellbar“, so der 15-Jährige.
Die Kunstwerke sind nun bis Ende Februar im Kreishaus auch für die Öffentlichkeit zu sehen. Ein Besuch der Ausstellung kann nur empfohlen werden - genauso übrigens der Besuch der Gedenkstätte in Hadamar selbst. Willi Willig
Die Künstler aus den beiden neunten Klassen der Theodissa-Realschule plus in Diez mit Religionslehrerin Sina Schmidt.
