Allgemeine Berichte | 05.11.2020

Corona und die Folgen: Probleme in Familien nehmen zu

Die Nummer gegen Kummer

Kinder, Jugendliche, Eltern und Großeltern finden hier ein offenes Ohr

Gaby Uhr ist Projektleiterin beim Neuwieder Kinderschutzbund. Foto: Privat

Kreis Neuwied. In dieser Zeit der weltweiten Pandemie mit zahlreichen gravierenden Folgen für Branchen, Erwerbstätige, Firmen und Soloselbstständige leidet besonders das Familienleben. Die Probleme werden zahlreicher, die häusliche Enge wirkt sich auf das Zusammenleben aus und hat nicht selten latente oder konkrete Gewalt zur Folge. Zeichnet sich eine solche Entwicklung ab, bietet der Kinderschutzbund und hier besonders die „Nummer gegen Kummer“ eine verlässliche Anlaufstelle.

BLICK aktuell bat Projektleiterin Gaby Uhr um ein Interview zur aktuellen Lage.

BLICK aktuell: Wie beschreiben Sie die „Nummer gegen Kummer“? Was ist das Ansinnen dieses Angebotes?

Gaby Uhr: Die„Nummer gegen Kummer“ ist ein bundesweites, niedrigschwelliges Beratungs- und Gesprächsangebot für Kinder/Jugendliche, Eltern, Großeltern oder andere Erziehungsberechtigte. An 80 Standorten verrichten ca. 3000 ehrenamtliche Berater/innen anonym, vertraulich und auf Augenhöhe ihren Dienst, in den Projekten am Kinder- und Jugendtelefon am Elterntelefon bei „Jugendliche beraten Jugendliche“, der Email-Beratung und im Pilotprojekt der Chat-Beratung.

BLICK aktuell: Thema Corona-Pandemie: Was registrieren Sie an Folgen der Coronapandemie im Bezug auf Kinder, Jugendliche und Familien?

Gaby Uhr: Seit Beginn der Pandemie und dem Lockdown im März ist auch die Nachfrage der Angebote der „Nummer gegen Kummer“ deutlich angestiegen. Besonders am Elterntelefon war spürbar, dass sich viele Eltern Hilfe, Unterstützung und Entlastung gewünscht haben. Die Isolation, die komplette Familie häufig auf engem Raum beieinander, die Eltern im Homeoffice und die Kinder müssen lernen. Das alles hat zu vielen Problemen und Konflikten geführt. Die Eltern berichten und von Zukunftsängsten, Streit mit dem Partner und den Kindern, Überforderung, häufig auch von Wut und Verzweiflung begleitet, weil das Helfersystem nicht greifbar war. Die Anrufe am Elterntelefon haben sich seit Beginn der Pandemie verdoppelt. Deshalb hat die „Nummer gegen Kummer“ reagiert und die Beratungszeiten am Elterntelefon auf über 40 Stunden/Woche erhöht.

BLICK aktuell: Wie ist die Stimmung bei den Anrufern?

Gaby Uhr: Am Kinder- und Jugendtelefon ist die Stimmung durchwachsen. Wir haben nach wie vor viele Kinder die fröhlich, lustig und unbeschwert durch die Pandemie gehen, und das freut uns natürlich sehr. Meiner Aufforderung, mal zu erzählen, wie man trotz Pandemie so lustig unterwegs sein kann, kommen die Kinder gerne nach und dann erzählen sie, was sie alles machen, um sich bei Laune zu halten. Ich sage dann oft, ihr seid klasse und geht mit einem guten Beispiel voran. Das stärkt die Kinder und macht sie stolz. Aber es gibt auch eine andere Seite.

Manche Kinder wirken sehr bedrückt, äußern Unsicherheit im Hinblick auf die Zukunft, spüren auch die Ängste der Eltern, ziehen sich zurück, um die Eltern nicht zusätzlich zu belasten. Ihnen fehlen der Ausgleich, Freunde oder Familie zu treffen, Spaß zu haben, zum Sport zu gehen, alles fällt flach. Es ist langweilig, es fehlt die Abwechslung, die Unbeschwertheit. Es melden sich vermehrt Kinder/Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten, Essstörungen und Suizidgedanken. Eltern rufen an, wenn sie an ihre Kinder nicht mehr herankommen. Immer wieder wird geäußert, dass sie sich alleine gelassen fühlen und nicht mehr weiterwissen.

BLICK aktuell: Wird die „Nummer gegen Kummer“ öfter gewählt als früher und hat die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt zugenommen?

Gaby Uhr: Wir haben deutlich mehr Ratsuchende, die sich an das Elterntelefon, Kinder- und Jugendtelefon bei „Jugendliche beraten Jugendliche“ und auch an die Email- und Chatberatung wenden. Im Durchschnitt sind es 40 Prozent mehr Anfragen in allen Projekten im Vergleich zu den Vorjahren, und deshalb suchen wir nach wie vor Menschen und vor allem Jugendliche, die sich ehrenamtlich in unseren Projekten engagieren möchten. Es gibt auch eine Zunahme an ratsuchenden Kindern, die Gewalt erfahren, sei es psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt. Deshalb hat der WDR sich dem Thema in der Kindersendung „neuneinhalb“ gewidmet. „Wir sprechen darüber! - Was ist sexualisierte Gewalt?“ Das Team des WDR ist zum Dreh auch bei uns am Standort, dem Kinderschutzbund in Neuwied, gewesen um unsere jugendlichen Berater der „Nummer gegen Kummer“, Franziska und Alexander, zu interviewen.

Die Sendung wird am Samstag, den 14. November um 8:15 Uhr in der ADR und am Sonntag, den 15. November um 8:50 Uhr im KiKa ausgestrahlt. Unter www.9einhalb.de ist die Sendung nach der Ausstrahlung auch zu finden.

BLICK aktuell: Was können Sie tun, um den Menschen zu helfen?

Gaby Uhr: Wir hören den Ratsuchenden zu, nehmen uns viel Zeit, sind ruhig und vermitteln Zuversicht. Wir suchen lösungs- und ressourcenorientiert gemeinsam nach Möglichkeiten und Wegen, kreativ und individuell. Jetzt in Corona-Zeiten sagen wir oft, wie klasse das ist, dass alle Kinder und Jugendliche wie selbstverständlich stundenlang eine Maske tragen, verantwortungsvoll alle Vorgaben umsetzen und Verbote akzeptieren. Wir sagen auch, dass wir das alle zusammen gut schaffen können, vermitteln Zuversicht und Hoffnung. Den Eltern sagen wir, dass sie sich Auszeiten nehmen sollen, Zeit nur für sich. Gemeinsam raus in die Natur, Koch- und Spieleabende mit der Familie, auf feste Strukturen achten, Rituale leben und dass Krisen stark machen und zusammenschweißen können. Wichtig ist auch, zu vermitteln, dass wir verlässlich da sind und, dass sie jederzeit wieder anrufen können. Das schafft auch bei den Eltern Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht. Bevor wir ein Gespräch beenden, fragen wir immer, ob es den Ratsuchenden ein wenig besser geht und, ob das Gespräch geholfen hat. Das ist zum Glück fast immer der Fall, was für meine Kollegen und mich sehr wichtig ist.

BLICK aktuell: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung nach und mit dem erneuten „Lockdown“?

Gabi Uhr: Ich bin froh, dass Kitas und Schulen weiterhin offen sind und die Familien - und besonders unsere Kinder und Jugendlichen- dadurch entlastet werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Krise meistern werden und möchte mich an dieser Stelle auch im Namen meines Kollegen Gerd Steuer bei unseren tollen und engagierten Beratern bedanken, die uns engagiert und motiviert in all unseren Projekten unterstützen.

Gaby Uhr resümiert

In Neuwied haben wir alle Projekte der „Nummer gegen Kummer“ umgesetzt und werden in 2021 auch die Chat-Beratung umsetzen. 53 ehrenamtliche Berater arbeiten in den einzelnen Projekten. Mein Kollege Gerd Steuer und ich leiten die Projekte seit 2014. Wir schulen gemeinsam mit unserem Schulungsleiter jährlich ca 10-15 ehrenamtliche Berater. Diese werden in 100 Stunden theoretischem Unterricht, plus Hospitationen geschult, eingearbeitet, regelmäßig supervidiert und durch Fortbildungen, Webinare und Fachtagungen weitergebildet. In 2020 hätten wir unser 20- jähriges Jubiläum Kinder- und Jugendtelefon gefeiert, wenn Corona uns nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

Falls Sie Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit im Team der Nummer gegen Kummer am Kinderschutzbund in Neuwied haben, wenden Sie sich an

Gaby Uhr, Gabi-u@t-online.de, mobil: 0178/5193029

Gerd Steuer, jbjprojekt.neuwied@t-online.de, 0173/5385556

-HE-

Das Team des WDR war zum Dreh beim Kinderschutzbund in Neuwied.Foto: Kinderschutzbund

Das Team des WDR war zum Dreh beim Kinderschutzbund in Neuwied. Foto: Kinderschutzbund

Die Nummer gegen Kummer

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Gaby Uhr ist Projektleiterin beim Neuwieder Kinderschutzbund. Foto: Privat

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