Tom Gerhardt: Sein Herz schlägt für das Drachenfelser Ländchen
„Die Welt dreht sich auch ohne mich“
Kreis Siegburg. Wer den Namen Tom Gerhardt hört, der muss unweigerlich an Tommie Krause, den unterbelichteten, pudelmützentragenden jungen Mann aus dem Kultfilm „Voll normaaal“ oder an das deutsche Spießbürgertum, in persona Hausmeister Krause, denken. Dass Tom Gerhardt auch auf der Bühne als Schauspieler brilliert, zurzeit in seiner eigenen Komödie „Ketten der Liebe“, ist vielen Leuten nicht bekannt. Wer weiß, dass er Bühnenstücke schreibt? Oder dass Tom Gerhardt, der inzwischen mit Ehefrau Nadja und dem gemeinsamen Sohn in Köln wohnt, eine besondere Verbindung zum Drachenfelser Ländchen hat? Warum das so ist, wissen nur die wenigsten Menschen. Die Antworten verriet Tom Gerhardt im Interview.
Sie haben eine ganz besondere Beziehung zu Wachtberg, was unter anderem mit Ihrer sportlichen Ader zu tun hat. Sind Sie denn noch im Reitverein aktiv?
Aktiv wäre schmeichelhaft. Ab und zu tauche ich auf dem herrlichen Rodderberg auf und schwinge mich auf ein braves Schulpferd. Ein toller Reiter bin ich leider nicht, aber mit Unterstützung der allseits bekannten Reit-Familie Schneider habe ich es geschafft, nur selten vom Pferd zu fallen. Na ja, ich habe ja auch ganz spät mit dem Reiten angefangen, erst mit Mitte 40.
Kommen Sie noch oft nach Niederbachem und reiten aus?
Immer wenn die Sonne scheint und ich ein paar Stunden frei habe, kommt die Sehnsucht auf, zum Rodderberg zu pilgern. Ob ich es dann schaffe, ist immer noch eine andere Frage.
Wie steht Ihre Familie zu Ihrem Hobby? Reitet Nadja auch? Oder ist es eher Ihr Sohn, der Freude an Pferden hat?
Der junge Mann hat mit seinen sieben Jahren schon mehrmals auf dem Pferd gesessen, es macht ihm auch Spaß. Jetzt ist es eigentlich an der Zeit, die Sache zu intensivieren. Ich mache schon eifrig Pläne.
Vermissen Sie das Drachenfelser Ländchen als Lebensmittelpunkt?
Vermissen kann ich es nicht, weil ich ja nie wirklich dort gelebt habe. Aber ich würde das sehr gern tun. Da ist die Welt noch in Ordnung.
Würden Sie sich als Familienmensch bezeichnen?
Ja. Glanz, Ruhm und Beifall sind schön, aber auch sehr vergänglich. Die Familie harrt - so Gott will - länger an deiner Seite aus.
Ist Tom Gerhardt politisch?
Na ja. Einen jeden, der nicht ignorant ist, sollte interessieren, was sich in der Weltgeschichte tut. Und vor allem natürlich im eigenen Land.
Wenn Sie in der Politik wären, was würden Sie anders machen?
Ich würde versuchen, die Migration besser zu steuern. Das ist in der vergangenen Zeit zwar wohlmeinend, aber völlig planlos verlaufen.
Sie haben mit Ihrer Komödie „Ketten der Liebe“ im Januar und Februar im Bonner Contra-Kreis-Theater gespielt. Sie schlüpfen auf der Bühne in die Rolle des Hardcore-Fans Mathias Bommes, der es als eingefleischtes Groupie dem Sänger Andy Roth (brillant gespielt von Dustin Semmelrogge in seiner ersten Hauptrolle) das Leben zur Hölle macht. Gibt es zufällig Parallelen zu Tom Gerhardt?
Bommes ist ein Tollpatsch-Terminator sondergleichen. Eine Buffo-Rolle, so wie ich sie liebe und sie mir hier selbst auf den Leib geschrieben habe. Aber so sehr die Zuschauer mich in dieser Figur lieben, hoffe ich doch, dass ich privat etwas anders rüberkomme.
Ist der Hardcore-Fan Mathias Bommes mit dem Weltklasse-Obertrottel Matthias Bommes aus „Dinner für Spinner“ verwandt?
Eng verwandt. Der Erfolg des von uns neu interpretierten Stückes hat uns dazu inspiriert, eine ganz neue Rolle für Bommes zu erfinden.
Ist „Ketten der Liebe“ das erste Stück aus eigener Feder?
Ich habe so gut wie alles, was ich jemals präsentiert habe, ob Film, Fernsehen oder Bühne, stets selber geschrieben, zusammen mit Co-Autoren. Bei „Ketten der Liebe“ war es mein alter Freund Franz Krause. Die Regie hatte Rene Heinersdorff.
Werden die Zuschauer Sie in Zukunft wieder öfter auf der Bühne sehen oder planen Sie neue TV-Formate?
Die Bühne ist für mich immer das Schönste, weil ich das Publikum vor der Nase habe. Das gibt Adrenalin. Welche TV- oder Kinoprojekte kommen oder nicht, kann ich jetzt noch nicht sagen.
Ihr erstes Programm hieß „Dackel mit Sekt“. Später als Hausmeister Krause stand Ihnen auch wieder ein Dackel zur Seite. Verfolgt Sie der Dackelwahn?
Jetzt bei „Ketten der Liebe“ ist er doch außen vor. In Ordnung, er findet zumindest Erwähnung. Denn Hausmeister Krause hat einen Gast-Auftritt.
Bekannt wurden Sie durch die Rolle des pudelmützentragenden Proleten Tommy in dem Kultfilm „Voll normaaal“, der auch ihre Heimat Köln-Kalk berühmt machte. Inzwischen sind sie sogar Kalker Ehrenbürger. Wie stehen Sie heute zu Tommy?
Ich mag ihn einfach. Er ist unterbelichtet, keine Frage, aber er zeigt uns allen: Selbst wenn dir das Wasser bis zur Nase steht, du kannst immer noch reichlich Spaß haben, wenn du nur willst. Köln-Kalk ist meine fiktive Heimat. Aber „Tommy“, der durchgeknallte Industrieproll, musste einfach daher kommen. Ich liebe die Figur immer noch.
Nach der Pudelmütze folgte der Hausmeisterhut, jetzt das Baseballkäppi. Braucht Tom Gerhardt Kopfbedeckung, um Kult zu sein?
Es sieht wohl so aus.
Vor Jahren schlüpften Sie in die Rolle des „dümmsten Terroristen Muhammar“. Wie stehen Sie heute, in Zeiten der terroristischen Bedrohung, zu dieser Figur? Würden Sie derzeit noch einmal Muhammar verkörpern wollen und wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, diese Figur zu kreieren?
Als Adolf groß wurde damals, hat sich Charlie Chaplin auf ihn gestürzt, weil sein grotesker Wahnsinn dazu einlud. Grotesker als der Wahnsinn der Irren, die sich in die Luft sprengen, nur um anderen Leid anzutun, geht es nicht mehr. Das schreit danach, aufs Korn genommen zu werden.
In welcher Rolle sehen Sie sich am liebsten? Als Schauspieler, Comedian oder Autor?
Das Schreiben ist mühsam, das Spielen schön.
Wo kommen Ihnen die besten Ideen für Ihre Arbeit? Bestimmt nicht in der Badewanne, oder?
Man sollte denken, bei einem Glas Wein am Tisch draußen mit weitem Blick über das blaugrüne Meer, wenn einen warme Luft umweht. Aber am Ende kommen die besten Ideen am ehesten, wenn man sich irgendwo eingeschlossen hat und sich quält.
1993 hatten Sie sogar einen Gastauftritt bei den „Toten Hosen“, indem Sie in dem Lied „Rambo-Dance“ mitwirkten. Wie kam es dazu und wie war die Zusammenarbeit mit der Band?
Es war ein netter Gag. Die Jungs waren mal bei mir in der Vorstellung, so hat man sich kennengelernt. Sie haben sich revanchiert mit einem Auftritt in meinem Kinofilm „Voll normaaal“.
2004 rief man Sie sogar nach Hollywood, um in dem Film „Resident Evil Apocalypse“ mitzuwirken. Sie übernahmen seinerzeit die Rolle eines Zombies. Wie kam es dazu und hofften Sie auf eine Oscar-Nominierung für die beste Nebenrolle?
Ich habe so gekonnt ins Bein eines der Hauptdarsteller gebissen, dass eine Auszeichnung mehr als angemessen gewesen wäre.
Wie würden Sie sich als ganz normaler Mensch beschreiben? Sind Sie im wahren Leben eher ein lustiger oder ein nachdenklicher Mensch?
Privat bin ich „voll normaaal“ und unspektakulär. Und ich liebe das so.
Sie haben Germanistik und Philosophie studiert. Was hat Sie dazu bewogen, der Menschheit als Komiker eine Bereicherung zu sein?
Das hat sich so ergeben. Ich habe es früher nur aus Spaß nebenher gemacht. Irgendwann wussten es so viele Leute, dass ich es professionell machen konnte.
Sie haben jahrelang bei einer Boulevardzeitung gearbeitet. Wie ist heutzutage ihre Einstellung zu Pressevertretern?
Das waren nur 16 Monate. Ich kam gerade von der Uni und war völlig ungeeignet für knallhartes Recherchieren an der Front. Ein Wunder, dass ich nicht gefeuert wurde. Heute wüsste ich weit besser, wie so was geht.
Am 12. Dezember 2016 sind Sie 60 Jahre alt geworden. Wie kommen Sie mit dem Älterwerden zurecht?
Ach, es geht schon. Jünger werden wäre besser, aber was soll man machen?
Sowohl Ihre Ex-Frau Katharina als auch ihre jetzige Frau Nadja sind deutlich jünger als Sie. Heißt das, Sie haben generell einen Hang zu jüngeren Frauen oder passte es einfach nur?
Eine Voodoo-Priesterin hat mir mal gesagt, ich könnte nur zusammensein mit einer Frau, die etwa 20 Jahre jünger oder 20 Jahre älter ist als ich. Da habe ich mich nach langem Nachdenken für die jüngere Version entschieden.
Gab oder gibt es Vorbilder für Tom Gerhardt? Wenn ja, welche?
Ich habe nie eins gehabt.
Wenn Sie heute zurückblicken, hätten Sie irgendetwas in ihrem Leben anders gemacht? Wenn ja, was?
Oh ja. Es gab einige Leute, mit denen ich mich besser nicht abgegeben hätte.
Wie sehen Sie ihre Zukunft? Wird es eine Zeit ohne Rampenlicht, ohne Pudelmütze und Hausmeisterhut geben?
Ja klar. Ob ich will oder nicht. Spätestens, wenn ich die Treppe zur Bühne nicht mehr hochkomme. Und seien wir mal ehrlich: Die Welt dreht sich auch ohne mich weiter. Das ist ziemlich gemein. Aber es ist so.
Das Stück „Ketten der Liebe“ ist ab 6. November wieder im Contra-Kreis-Theater in Bonn zu sehen. Was kommt dann? Gibt es schon Pläne?
Schön, dass es den Bonnern so gut gefallen hat, dass wir zurückgerufen wurden. Danach wird das Stück bestimmt in neue Städte wandern. Was danach kommen wird, das stellt sich zur Zeit noch heraus.
