Am Sonntag wurde das weltweite Projekt „Sculpture network start 18“ auch im Unkel eröffnet
Durch Kaninchendraht-Wolken wird die Kulturstadt in der ganzen Welt bekannt
Unkel. Hochbetrieb herrschte schon am frühen Sonntagvormittag im Interior-Art-Design-Atelierhaus von Seibert-Raken in der Kulturstadt Unkel am Rhein. Und auf diese sollte in wenigen Augenblicken die Welt sehen, war die einst für ihren Rotwein berühmte Stadt einer von 95 Orten, in denen sich 5.000 Künstler, Kuratoren und Kritiker, Galeristen, Sammler und Architekte aus der ganzen Welt vom Baltikum über China und Deutschland bis nach Südafrika und Venezuela an dem Projekt „Sculpture network start 18“ Programm beteiligen. Bei ihnen zu Gast konnte man weltweit per Live-Schaltung zeitgleich die Eröffnungsfeiern online miterleben und das wollten sich viele kunstinteressierte Unkeler um den Beigeordneten Siegfried Brenke sowie zahlreiche auswärtige Besucher nicht entgehen lassen.
„Ich bin besonders froh, Ihnen mit Henrietta Weithorn meine Galeristin aus Düsseldorf vorstellen zu können sowie den Bonner Kunsthistoriker und Fotografen Rolf Sachsse, der als Professor für Designgeschichte und -theorie an der Hochschule für bildende Künste in Saarbrücken im Anschluss in meinen Beitrag zu dem Skulpturen-Projekt einführen wird“, so die Concept Art-Künstlerin, die mit einem solchen Andrang nicht gerechnet hatte. Kennengelernt hatte die Fotokünstlerin und Galeristin die gebürtige Lüneburgerin Martine Seibert-Raken, als dieser die Jury um Konrad Beikircher und die Künstler Markus Lüpertz und Walter Smerling 2015 den Kunstpreis „TheRhinePrize“ verliehen hatten. „Seitdem habe ich ihre ungewöhnlichen Arbeiten verfolgt. Zusammen haben wir auch schon Pläne gemacht, wo wir an ihr aktuelles Projekt anknüpfen können“, so Henrietta Weithorn, bevor Rolf Sachsse unter den Aspekten „Handwerk, Dekor, freie Form“ auf die Künstlerin einging.
Design ist mehr als Können
„Eigentlich hat sie Holzbearbeitung gelernt, was man an einigen Objekten auch noch gut erkennen kann. Handwerklich nicht ganz so gekonnt, widmet sich Martine Seibert-Raken aber vermehrt den Materialien Stein und Metall“, so der Kunsthistoriker. Das Handwerk sei notwendig um die künstlerische Idee, nach dem italienischen Manieristen Federico Zuccari das „disegno“ umzusetzen: Damit sei das Design mehr als Können, was gleichermaßen für Kunst gelte, die im Kopf der Betrachter stattfinde, weil sie abhängig von Kommunikation sei. „Wenn man bedenkt, dass auf die aktuelle Arbeit von Martine Seibert-Raken sehr unterschiedlich reagiert und über diese sehr heftig diskutiert worden ist, dann erfüllt sie diese Anforderung voll und ganz“, erinnerte Rolf Sachsse.
„Wat hann mer denn da? Is dat Karneval?“, hatten sich einige Bürger wie auch Besucher der Kulturstadt Unkel angesichts der pinkfarbenen „Wolkenschwaden“ gefragt, die seit Anfang des Monats aus etlichen Fenstern des ehemals renommierten Hotels „Löwenburg“ quellen. 40 ein Meter breite Rollen Kaninchendraht, insgesamt 1000 Meter, hatte die Künstlerin über die Feiertage in kürzere Bahnen geschnitten und dichten Metallgeflechten zusammengeknäult. „Bei der Umsetzung ihrer Ideen spielt Martine Seibert-Raken mit den Formen, die hinsichtlich ihrer Funktion für Irritationen sorgen. Durch solche ‚Brüche“ spielt sie mit der Erwartungshaltung der Betrachter, regt sie zu Überlegungen an oder wie bei der Löwenburg zu der Frage, was das soll“, führte der Design-Fachmann aus, um seine Ausführungen wenig später vor Ort fortzusetzen.
Die in strahlendem Weiß gestrichene Löwenburg nehme sich wie ein Fremdkörper im Ort aus, weil diese Farbe nicht zu der Altstadt passe, so Rolf Sachsse. Und dann sei da auch noch das Verbot, das Gebäude zu betreten, so dass dem Haus seine ureigene Funktion aberkannt werde. „Dieses Nicht-nutzen-können steigert die Künstlerin, indem sie das Dekor draufsetzt in den formlosen Gebilden aus Kaninchendraht, die sie zudem neon-rot angesprüht hat“, erklärte er. Eigentlich habe Draht eine Schutzfunktion, die er aber in dieser Form nicht gewährleisten könne. Vielmehr erscheine er als Wucherung, die von innen als Störfaktoren aus den Öffnungen des Hauses nach außen dringe. „Wenn das Dekor als Beschreibung des Angemessenen im Ornament aber seine Funktion verloren hat, dann sind wir bei der Kunst angekommen“, so der Kunsthistoriker.
„Schandfleck“ wird zur Skulptur
Der „Schandfleck Löwenburg“, der nach dem Willen der meisten Unkeler möglichst schnell abgerissen werden sollte, werde durch die Installation von Martine Seibert-Raken zur Skulptur. Damit erhält der marode Bau als Gesamtkunstwerk zumindest eine temporäre Daseinsberechtigung. „Ich sehe den Raum immer als Gesamtwerk, als Möglichkeit, Material, Farbe, Form und Design in ein spannungsreiches Gesamtkonzept zu fassen“, erklärte die Künstlerin auf dem Weg zurück in ihr Atelier. In dem war auf einem großen Bildschirm im rechten Drittel nicht nur Martine Seibert-Raken bei der Arbeit an der Löwenburg zu sehen, sondern auch markanten Gebäude der Unkeler Altstadt. Auf der verbleibenden Fläche erschienen im ständigen Wechsel 15 der 95 Ausstellungsorte oder deren Exponate. So standen etwa das Bügeleisenhaus oder Sankt Pantaleon neben dem Centro de Arte in Caracas oder dem Kronborg Castle in Elsinore/Dänemark, während sich die Kulturstadt am Rhein als 48. Ort des internationalen Sculpture-networks neben Metropolen wie Nizza oder Rom einreihte.
„Das Motto der neunten Auflage von ‚sculpture network‘, der Plattform für zeitgenössische Skulptur, lautet ‚Skulptur und Architektur‘ und ist damit geradezu perfekt auf die Kunst- und Kulturstadt Unkel zugeschnitten, die sich ja auch städtebaulich mit etlichen Projekten im Aufbruch befindet“, erklärte die Künstlerin. Da sich im Laufe der begrenzten Zeit das Aussehen der Metallgeflechte etwa durch Rost verändern würde, kann man wie in der Altstadt auch bei ihrem Projekt Kunst im Prozess von Erneuerung und Vergänglichkeit erleben, so Martine Seibert-Raken, die bis in die frühen Abendstunden immer neue Gäste in ihrem Atelier begrüßen konnte.
DL
Rolf Sachsse führte zunächst im Atelierhaus in die Arbeit von Martine Seibert-Raken ein
Die Welt blickte auf Unkel und die Gäste der Unkeler Künstlerin auf die übrigen 94 Orten in der weiten Welt
