EIN-Spruch: Die Sehnsucht nach dem Unverfügbaren
Früher galt Fortschritt als Verheißung. Heute wirkt er wie Dauerbeschallung. Alles ist sofort verfügbar: Musik, Serien, Nachrichten, Meinungen, Aufmerksamkeit. Vielleicht erklärt genau das die merkwürdige Renaissance des Analogen. Junge Menschen kaufen Vinylplatten, obwohl Spotify existiert. Sie lesen Papierbücher, obwohl jedes MacBook tausend Texte speichern kann. Sie wandern, fotografieren mit alten Kameras oder schreiben mit Füller. Ist meine Generation hoffnungslos nostalgisch? Oder sind wir das Digitale schon wieder satt?
Man muss schon sagen: Das Digitale hat seine eigene Ästhetik hervorgebracht. Texte klingen perfekt, aber konkrete Meinungen sucht man oft vergebens. Bilder sind makellos und gerade deshalb unattraktiv. Wer heute durch soziale Netzwerke scrollt, bewegt sich durch digitale Schaufenster: Menschen erscheinen als optimierte Versionen ihrer selbst. Alles ist glatt, reibungslos und austauschbar.
Vielleicht macht gerade diese Austauschbarkeit des Digitalen das Unperfekte des Analogen attraktiv: Second-Hand-Kleidung, kleine Cafés ohne WLAN oder Backkurse für Sauerteigbrot. Analoge Dinge haben Gebrauchsspuren. Sie verlangen Aufmerksamkeit und Zeit. In diesen Zusammenhang gehört auch der Trend des „Digital Detox“ — also der bewusste Verzicht auf das Digitale, vor allem auf soziale Netzwerke.
Offline-Sein ist längst kein Mangel mehr, sondern ein Statussymbol. Wer sich entziehen kann, signalisiert Kontrolle. Wer nicht permanent reagiert, wirkt souverän.
Meines Erachtens berührt ein Fest wie Christi Himmelfahrt genau diesen Nerv unserer Zeit. Oft wird es nur als Erhöhung Jesu verstanden. Dabei steckt in diesem Tag auch eine Zumutung: der Entzug. Christus verschwindet aus der unmittelbaren Verfügbarkeit. Er bleibt nicht greifbar, nicht festhaltbar, nicht permanent ansprechbar.
Die moderne Welt dagegen kennt kaum noch Abwesenheit. Alles soll sichtbar, erreichbar und jederzeit abrufbar sein. Vielleicht wächst genau deshalb die Sehnsucht nach dem, was sich entzieht: nach einer Wirklichkeit, die sich nicht vollständig kontrollieren, speichern und konsumieren lässt.
Gerade darin könnte die eigentliche Botschaft von Christi Himmelfahrt für unsere Zeit liegen: Nicht alles, was Bedeutung hat, muss jederzeit verfügbar sein. Vielleicht beginnt Tiefe sogar erst dort, wo etwas sich entzieht.
Über EIN-Spruch
EIN-spruch ist eine Kolumne der Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler. Sebastian Walter ist Theologe und ehrenamtlich in der Pfarrei engagiert.
