Allgemeine Berichte | 08.08.2025

EIN-Spruch: Klang der Unterbrechung

Sebastian Walter.  Foto: privat

Manchmal lässt unser Alltag kaum Luft zum Atmen: Beruf, Gartenarbeit, Einkäufe, Termine, Rechnungen – die Tage sind durchgetaktet, oft bis in den Abend hinein. In solchen Zeiten wächst bei mir das Bedürfnis nach Unterbrechung, ein Moment der Pause. Kein zusätzlicher Termin, sondern im besten Sinne zweckfreie Zeit – der Ahrweiler Musiksommer ist genau ein solcher Moment. Eine Gelegenheit, aus dem Takt des Alltags auszusteigen.

Interessanterweise beschreibt der Soziologe Hartmut Rosa einen ähnlichen Prozess: In einer Welt, in der alles verfügbar, planbar, abrufbar gemacht werde, drohe das Lebendige zu ersticken. Es fehlt an Begegnungen, die uns berühren. Zum Beispiel dieses eine Lied, was uns mitten ins Herz trifft. Resonanz nennt Hartmut Rosa so einen Moment, der in uns eine Antwort auslöst, ohne dass wir sie gemacht hätten. Diesen Moment können wir nicht planen oder abrufen, Resonanz ist unverfügbar und zweckfrei.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich der Ahrweiler Musiksommer die letzten Wochen so bewegt hat: Er bietet Offenheit, keine Effizienz. Begegnung, keine Kontrolle. Denn auch die Musik ist unverfügbar: Sie kommt nicht auf Knopfdruck, sondern wird lebt vom Moment, indem sie live gespielt wird. Dadurch entsteht ein Raum, der offen ist für Resonanz – für Begegnung und Berührung.

Je mehr Welt wir verfügbar machen, in unsere Reichweite bringen wollen, desto enger wird das Leben. Ein Gegengewicht dazu bietet der Ahrweiler Musiksommer: Was hier erklingt, kann berühren – oder auch nicht. Es entzieht sich unserer Verfügung und ist damit ein zweckfreier Raum der Auszeit.

Im Übrigen ist der Musiksommer vor diesem Hintergrund eine Art modernes Ritual. Denn er unterbricht unseren Alltag, schafft Verbindung und lädt zum Nachdenken ein. Wahrscheinlich wirkt er deshalb so lange nach.

Über diese Kolumne

„EIN-Spruch“ ist eine Kolumne der Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler. Sebastian Walter studiert Katholische Theologie und arbeitet für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Pfarrei.

Sebastian Walter. Foto: privat

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