Allgemeine Berichte | 15.05.2014, 10:18 Uhr

Erster Weltkrieg in Sinzig

Ein Lazarett auf dem Helenaberg

Nur mit Improvisation gelang die Verwandlung des Hauses der Familien Rhodius und Andreae

Gruppenbild vor dem Paradiesgarten des Hauses. In der Mitte die Familienmitglieder Marie Rhodius, Marie-Louise Andreae und Hanna Rhodius in Schwesterntracht, Andreas Andreae und Dr. Leyendecker. Repro HG
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Sinzig. Der Hof ging eigentlich über die Kräfte von Marie Rhodius und ihren Kindern Hanna und Engelbert. Trotzdem verkaufte die Witwe des Gustav Rhodius, der im Gleestal/Burgbrohl Natriumbicarbonat produziert hatte, ihr Bonner Haus, um nach Sinzig zu ziehen. Denn nach dem Tod ihrer Eltern, des Malers Carl Christian Andreae und seiner Frau Maria Elvira, übernahm sie dort deren Gut Helenaberg – damit es in der Familie blieb.

Historischer Baugrund

Vielleicht trug dazu das Wissen bei, dass es sich beim Helenaberg um einen Baugrund mit jahrhundertelanger Geschichte handelte. Auf ihm befand sich ein fränkischer Friedhof. Im Mittelalter stand dort eine dem Heiligen Mauritius geweihte Kapelle. 1649 bis 1651 errichteten Minoriten ein Kloster, genannt St. Helenakloster, eine Schule und eine Kirche. Nach der Aufhebung und Versteigerung des Klosters durch die Säkularisation 1804 diente es kurz als Gastwirtschaft und war dann Wohnhaus der verwandtschaftlich verbundenen Familien Rhodius, Andreae, Meurer und Schade. Aber das ist schon zeitlich vorausgegriffen.

Als Marie Elvira Andreae 1907 starb, bestimmten deren Kinder aus ihrer Mitte Marie Rhodius zur Nachfolge-Bewohnerin des Helenabergs. Nun hieß es für Marie und ihre Kinder stundenlang Pflänzchen pikieren, selbst gezogenen Salat und Geranien verkaufen.

Indes fiel noch Extraenergie für Soziales ab: 1908 trat die protestantische Familie dem Sinziger Frauenverein bei, der für kinderreiche Familien, Wöchnerinnen und Kranke nähte und kochte. Zur gleichen Zeit sollte Hanna gesellschaftlichen Schliff bekommen. Da ihr jedoch Tanzstunden nicht lagen, fuhr Mutter Marie, der Opern-, Konzerte- und Theaterkultur wegen, mit der Tochter nach Dresden.

Genehmigung fürs Lazarett: ein Kinderspiel

So friedlich die Gegebenheiten auch schienen – „schon 1910 sprach man vom Krieg“, hat Hanna, später verheiratete Meurer, in ihren Erinnerungen festgehalten.

Und bereits ein Jahr bevor im Sommer 1914 der Mord an Österreichs Thronfolger-Ehepaar die kriegsbringende Kettenreaktion auslöste, hatte Marie Rhodius das herrschaftliche Sinziger Haus als Lazarett in Koblenz angemeldet. Offenbar war’s ein Kinderspiel: „Der Generalarzt kam, sah sich die Sache an und fand alles sehr schön.“ 40 Betten seien im Mobilmachungsfall bereitzustellen. Es hieß, das Militär sorge für rechtzeitigen Transport von Bad Neuenahrer Hotelbetten.

Was hatte die Witwe zu diesem Entschluss bewogen? Es war die Sorge, nach Kriegsausbruch sowohl von Sohn Engelbert als auch der Tochter, die sich dem Roten Kreuz verpflichtet hatte, getrennt zu sein.

„Da wollen wir doch lieber hier ein Lazarett einrichten“, fand die zupackende Frau. Man schuf Platz in der Villa, räumte eineinhalb Etagen leer. „Die Kegelbahn sollte als orthopädischer Turnraum dienen, die orthopädischen Apparate zum Wiederbewegen der Glieder sollten gestellt werden. Dann kam die Mobilmachung, aber nichts tat sich.“ Die versprochen Betten – nicht in Sicht. Also wurden sie privat organisiert, bei den Schlossbesitzern Koenigs, bei Heusers und Broichers, die die größten Häuser in Sinzig hatten. Weitere Gestelle holten Hanna und der Gärtnerjunge mit dem Handkarren von Familien, deren Söhne und Väter eingezogen waren.

Geschenke und unentgeltliche Dienste

Hannas Bericht liest sich wie ein einziges Improvisationsabenteuer. Im Bonner Friedrich-Wilhelm-Stift händigte man ihr die erbetenen Verbände, Apparate, Pflaster aus. Bereitwillig gab eine Eschweiler Fabrik chirurgische Instrumente. Aus dunkelgrünen Vorhängen ließ Hannas Burgbrohler Kusine Paula Rhodius 40 „weiche Joppen“ für die Verwundeten nähen. Auch spendierte sie reichlich Weckgläser mit Huhn, Reis, Spargel. Onkel Richard Dilthey brachte 1.000 Mark. Der kriegsuntaugliche Onkel Andreas Andreae sprang als Zahlmeister ein. Die Hilfsbereitschaft war überwältigend.

Da gab es eine Arztwitwe, deren beide Söhne im Krieg waren. Die versorgte die ganze Küche, während eine frühe Kriegswitwe alles Gemüse schnibbelte. Mindestens so wichtig: Der Hausarzt des Helenabergs, Dr. Leyendecker, übernahm unentgeltlich die Lazarettleitung. Ansonsten oblag die Krankenpflege der medizinisch vorgebildeten Hanna, ihrer Tante Marie Louise Andreae, geborene Kropp, die einmal ein Säuglingsheim geleitet hatte und einem jungen Mädchen.

Fett aus den Bonner Außenbezirken

Doch das Versorgungsproblem verschärfte sich. Als die Verpflegungsmarken für Fett, Fleisch und Brot aufkamen, erhielt anfangs jeder Haushalt die gleiche Menge: „So bekamen wir mit unseren 50 Leuten, nämlich 40 Soldaten – denn wir waren fast immer voll belegt – den helfenden Personen und uns, als einziger Haushalt nur eine Ration Brot, eine Ration Fleisch und eine Ration, das heißt ein Viertelpfund Fett.“ Solange in Bonner Außenbezirken kleine Mengen Fett ohne Marken aufzutreiben waren, rückte Hanna zweimal wöchentlich aus, um sie 100-Gramm-weise zu erwerben.

Den Lazarettbetreibern des Helenabergs zahlte die Militärverwaltung „pro Kopf und Tag 40 Pfennig, das langte aber nur knapp für die Arznei“. Dagegen erhielten die Lazarette in Neuenahrer Hotels „pro Kopf 2,80 Mark“, glaubte Hanna. Grimmig notierte sie: „Nun belegte die Militärverwaltung aber immer zuerst die freien Betten bei uns, weil die gratis waren. Das ärgerte aber die Neuenahrer Hotels, die nicht bestehen konnten, wenn sie nicht voll ausgelastet waren.“

So erstaunt es nicht, dass anhaltende Versorgungsengpässe und mangelnde Finanzierung das Sinziger Lazarett im Spätherbst 1915 in die Knie zwangen. Verwunderlich ist vielmehr, wie die Einrichtung als privates Zuschussprojekt sondergleichen gut dreizehn Monate durchhalten konnte.

Ein Operationssaal durfte im Lazarett nicht fehlen.

Ein Operationssaal durfte im Lazarett nicht fehlen.

Eng, aber wohnlich kamen die Verwundeten in der Villa Helenaberg unter.

Eng, aber wohnlich kamen die Verwundeten in der Villa Helenaberg unter.

Gruppenbild vor dem Paradiesgarten des Hauses. In der Mitte die Familienmitglieder Marie Rhodius, Marie-Louise Andreae und Hanna Rhodius in Schwesterntracht, Andreas Andreae und Dr. Leyendecker. Fotos: Repro HG

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