Erzählcafé „Rödder Treff“ in Villiprott
Ein Original wird zum Thema gemacht
Durch einen mehr als unglücklichen Fehler bei der Datenübernahme stand im „BLICK aktuell“ in der Ausgabe vom 14. April 2018 ein falscher Name in der Textbox auf der Titelseite sowie im Artikel zum Erzählcafé Villiprott. Wir entschuldigen uns in aller Form für diesen sehr bedauerlichen Fauxpas und veröffentlichen diese Woche noch einmal den Artikel mit dem richtigen Namen.
Wachtberg-Villiprott. Am zweiten Dienstag im April fanden sich im „Rödder Treff“ in Villiprott wieder einige Wissensträger aus dem kleinen Ort am Rande des Kottenforstes zum Erzählcafé zusammen. Erst seit zweieinhalb Jahren können sich hier Jung und Alt, Einheimische und einheimisch Gewordene sowie zugezogene Bürger treffen und sich austauschen. Der Verein „Dorfgemeinschaft Villiprott“ hatte den „Rödder Treff“ nach einem Beschluss im Jahr 2014 angemietet und ein knappes Jahr lang mit viel Eigenleistung und Initiative vieler helfender Hände saniert und renoviert. Seit etwa einem Jahr treffen sich hier regelmäßig im Zweimonatstakt Menschen, die viele Erfahrungen austauschen möchten und interessante Einblicke in die Geschichte und manche Entwicklung im Dorf bieten. Entstanden sind die Treffen aus dem Seniorencafé in Villip, das sich mit der neuen Organisation unter dem Heimatverein
Villip ein neues Gesicht gegeben hat. Bei allen vom Vorsitzenden des Vereins, Ulf Hausmanns, moderierten Erzählcafés gibt es nicht nur die Gelegenheit, sich zu treffen und gemeinsam Kaffee und Kuchen zu genießen. Jedes Mal gibt es ein Grundthema, zu dem Informationen, Erfahrungen und manches Anekdötchen zusammengetragen werden. Diesmal lag die Aufmerksamkeit auf einem Villiprotter Original, das in einer Zeit ins Drachenfelser Ländchen kam, an das viele mit gemischten Gefühlen zurückdenken. Mit den Bestrebungen Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, möglichst viele ausgewanderte deutschstämmige Familien zurück nach Deutschland zu holen, wurden Tausende Menschen und ganze Familienverbände umgesiedelt, die teilweise schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten in ganz anderen Gebieten Europas lebten. So fand der Musiker Rosenblüh aus dem Alpenland eine neue Heimat in Wachtberg. In der neuen Umgebung wurde ein Eisenbahnwaggon sein neues Zuhause, was damals recht verschiedene Reaktionen hervorrief. Mit schwerem Gerät wurde die ungewöhnliche Behausung an einen Hohlweg zwischen die eigentlichen Ortskerne von Villip und Villiprott transportiert und so umgebaut, dass drei Zimmer entstanden. Dass diese ungewöhnliche Wohnung manche ungewöhnliche Eigenheit hatte, ist nicht von der Hand zu weisen. Für den Winter war ein Ofen eingebaut worden, mit dem der Waggon beheizt werden konnte. Es sei immer sehr warm gewesen, erinnerten sich die Anwesenden, die die Gelegenheit hatten, den Waggon von innen kennenzulernen.Für manches befreundete Kind der Familie Rosenblüh war dieser Platz ein Rückzugsort. Eines hatte sogar dort einen Schulterschluss gefunden, als es verbotenerweise im Winter auf dem Eis des Mühlteichs gerutscht und eingebrochen war. Glücklicherweise war es nicht unter der Eisfläche ertrunken, aber nichtsdestotrotz klatschnass. Um das Unglück vor den Eltern zu verbergen, bekam das Mädchen im Eisenbahnwaggon der Rosenblühs Schützenhilfe. Die nasse Kleidung wurde über dem Ofen getrocknet, wenig später konnte das Kind nach Hause gehen, als sei nichts geschehen. Aber nicht nur diese Geschichten und Anekdötchen wurden im „Rödder Treff“ in der Dorfstraße 24 ausgetauscht.
Auch ungewöhnliche Hobbys waren Thema im Erzählcafé. Aus dem Saarland kam eine 91-jährige Frau. Sie berichtete von ihren Erfahrungen in einer Hallensportart, die hierzulande kaum jemand kennt. Radpolo heißt das Spiel, in dem sie vor vielen Jahren zusammen im Zweierteam im Saarland Landesmeisterin wurde. Der Sport wird ausschließlich in der Halle auf Rädern ausgeübt, die weder über eine Bremse noch über einen Rücktritt verfügten. Gespielt wurde - wie beim Polo mit Pferden - mit einem Schläger, der den Ball ins gegnerische Areal befördern sollte. Vor rund 21 Jahren hatte es die Seniorin mit seinerzeit 70 Lenzen ins Drachenfelser Ländchen verschlagen. Mangels passenden Radpolopartnern suchte sie sich hier eine andere Sportart, in der sie aktiv sein konnte, und wurde Wanderführerin. Verschiedene Wanderungen in der Woche sowie Wochenendwanderungen bis zu 15 Kilometern hatte sie angeboten und so Wanderern aus Bonn und Bad Godesberg die Schönheiten Wachtbergs gezeigt. Brigitte Kühlwetter nutzte die Gelegenheit, im Erzählcafé ein handgeschriebenes Kochbuch ihrer Schwiegermutter beizusteuern. Das lesenswerte Buch wurde gestiftet und wird im Museum des Heimatvereins künftig zu sehen sein. Diese und viele andere Geschichten, Erfahrungen und Anekdoten bereicherten den Nachmittag beim Erzählcafé, dessen nächstes Villiprotter Treffen im Juni stattfinden wird.
