LiteraTOUR 2017 in Großmaischeid
Ein „literarischer Spaziergang der besonderen Art“
Großmaischeid. „Beinahe hätte ich die Zusage der Queen bekommen“, scherzte Barbara Seelk. Aber wer die engagierte Großmaischeiderin kennt, hätte ihr das schon zugetraut. Was natürlich einer Sensation gleich gekommen wäre. Nicht nur, dass die Queen im Wasserturm aus einem Buch vorgelesen hätte. Nein, es wäre auch ein Buch über die Queen gewesen, aus dem die britische Königin vorgelesen hätte. So war es ein Mann, der im Wasserturm das Büchlein „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett (Verlag Klaus Wagenbach, 120 Seiten) aufschlug und Passagen daraus zu Gehör brachte. Aber nicht irgendein Mann las da vor. Vielmehr war es ein waschechter Brite mit deutlichem Inselakzent, nämlich der Frankfurter Literaturlehrer und Schriftsteller Dr. Jo Rippier. Auf Einladung des Großmaischeider „Teams Wasserturm“ war er in den Westerwald gekommen, als Stargast der „LiteraTOUR 2017“. Als „literarischer Spaziergang der besonderen Art“ war das Ereignis des vergangenen Wochenendes angekündigt worden. Zurecht! Mit sieben Lesungen an vier verschiedenen Orten zeigte sich Großmaischeid am Samstag von seiner kultiviertesten Seite. Mitveranstalterin Barbara Seelk freute sich im Gespräch mit „BLICK aktuell“: „Es kamen in diesem Jahr noch mehr interessierte Zuhörer als im vorigen Jahr. Besonders bei den Gartenlesungen haben wir das bemerkt. Das hat selbst uns als Veranstalter überrascht. Wir haben in jedem der Gärten ungefähr 20 Stühle aufgestellt. Die waren alle besetzt und es standen auch noch viele Leute. Die 70 Plätze oben im Wasserturm für die Abschlusslesung mit Jo Rippier waren ziemlich schnell ausverkauft.“
Mehr interessierte Zuhörer als im vorigen Jahr
Voriges Jahr hatte hier noch Annegret Held gesessen und aus ihrem Buch „Armut ist ein brennend Hemd“ vorgelesen. Diesmal also ein Engländer und ein Buch über die Queen. „Die souveräne Leserin“ (englischer Originaltitel: The Uncommon Reader) ist eine Novelle des englischen Schriftstellers, Dramatikers, Regisseurs und Schauspielers Alan Bennett. Sie erzählt die fiktive Wandlung der britischen Königin von der Frau der Tat zur Liebhaberin schöngeistiger Literatur. Zu „BLICK aktuell“ sagt Jo Rippier: „Ich war Oberstudienrat an der Goethe-Universität in Frankfurt für englische Literatur. Zu dem Buch kann ich sagen: Man könnte meinen, dass der Autor sich über die Königin lustig macht, weil, es ist schon ein lustiges Buch. Es geht darum, dass sie plötzlich das Lesen entdeckt. Bis zu dem Zeitpunkt – sie war schon im Rentenalter – hatte sie kaum etwas gelesen. Dann hat sie unter ihren Bediensteten einen jungen Mann entdeckt, der auch las. Dieser junge Mann ist am Ende des Buches sogar selbst Autor. Barbara Seelk hat das Buch für mich zum Lesen ausgesucht. Man hat in der Geschichte viel Mitgefühl für die Königin, denn sie steht alleine da. Wenn sie mit der Bevölkerung spricht, spricht nicht die Bevölkerung mit ihr, sondern sie führt das Gespräch. Und dann entdeckt sie plötzlich das Lesen und versucht mit ihren Menschen darüber zu reden und die sind völlig verblüfft und können nicht mir ihr reden. Auch die Gespräche mit den Autoren gelingen nicht so gut. Autoren sind ja sowieso schwierige Menschen. Also das Buch ist schon faszinierend und ziemlich lustig.“ Jo Rippier lebt mit seiner Lebensgefährtin Alice Man in der Nähe von Frankfurt. Seit 1960 ist er in Deutschland. Großmaischeid kannte er vorher nicht. Er sagt: „Barbara Seelk wurde über die Deutsch-Britische Gesellschaft auf mich aufmerksam gemacht, weil ich dort gelegentlich Lesungen mache, allerdings nur in Englisch. Ich schreibe ja auch selbst, überwiegend Kurzgeschichten.“ Die Nacht nach der Lesung im Wasserturm verbrachten Jo Rippier und Alice Man im nahen Hotel Tannenhof. Am nächsten Morgen wollten sie aufbrechen zum Fliegenfischen an der Ahr.
Der große Erfolg der jetzigen und der vorangegangenen Litera-Tour durch Großmaischeid macht die Veranstalter nicht größenwahnsinnig. Barbara Seelk: „Nein, wir wollen nicht größer werden! Wir wollen kompakt bleiben im Angebot.“
„Kompaktes“ Literatur-Angebot
Dieses kompakte Angebot fanden die Literatur-Interessierten in diesem Jahr in den Gärten von Anni Thode (Annis Laube, Zu den Auen 1), Sabine und Mike Schmalebach (Weidenweg 6) und Silvia Grass (Im Hühnergärtchen, Beetstraße 2). Hier lasen Kathie Cadel, Regine Engel, Sabine Zurek, Susanne Jochim, Barbara Seelk und Thomas Böhm aus großen Werken der Weltliteratur (Isabel Allende: Der verwunschene Palast), eigenem Geschriebenem (Barbara Seelk: Die Stunde der Löwin), Klassikern (Erich Kästner: Die Konferenz der Tiere) oder amüsanten Zeitgeist-Abhandlungen (Tommy Jaud: Einen Scheiß muss ich). Anni Thode war auch noch abends im Wasserturm dabei: „Mir hat der ganze Tag sehr gut gefallen. Ich hatte ja einige Vorbereitungen zu treffen. Aber mein Garten ist immer tip-top, den habe ich das ganze Jahr in Ordnung. Aber die Stühle mussten ja aufgestellt und alles noch etwas hergerichtet werden. In meinem Garten ist alles natürlich gewachsen. Da ist nichts künstlich angelegt. Ich habe Stauden, Bäume, Pflanzen aus der Schweiz, von überall gesammelte Sachen und Raritäten. Ich habe auch Kiwi im Garten. Letztes Jahr war ich auch bei den Lesungen und anschließend im Wasserturm, von nachmittags halb drei bis nachts um halb zwei Uhr. So schön war das!“
Wer Literatur mag und Interesse an Lesungen aus ausgesuchten Werken hat, darf sich schon auf die kommenden Veranstaltungen des Wasserturm-Teams freuen. Was Babara Seelk sagt, macht neugierig: „Vielleicht machen wir nächstes Jahr noch etwas anderes. Vielleicht gehen wir mit den Lesungen in Betriebe rein. Zum Beispiel in eine Backstube oder in die Kirche. Einen dritten Ort brauchen wir noch, den haben wir noch nicht ausgesucht, aber da wird uns schon was einfallen. Vielleicht auch in einem Industriebetrieb. Wir sind bemüht, Orte in unmittelbarer Nähe zu finden und solche, wo die Menschen leben, also nicht zu weit weg, damit man die Orte zu Fuß erreichen kann. Vielleicht gehen wir auch in die Gärtnerei von Jutta Kuppler. Und dann müssen wir uns überlegen, wie toppen wir den Abschluss mit etwas ganz anderem. Dieses Jahr haben wir diese britische Nuance rein gegeben. Mal sehen, was uns für nächstes Jahr einfällt. Wir wollen die Leute überraschen und nicht nur einen Abklatsch vom Vorjahr servieren.“
Uwe Engel (rechts) bedankte sich mit Blumen und Wein bei Barbara Seelk sowie Dr. Jo Rippier und seiner Lebensgefährtin Alice Man (von links) für den guten Verlauf der Veranstaltung.
