Eine Unterbrechung für die erschöpfte Mitte
Viel hört man vom politisch lauten Rand. Dabei ermüdet still die Mitte der Gesellschaft. Menschen funktionieren – und merken, dass etwas fehlt. Es fehlen keine Aufgaben, sondern Atempausen.
Von hier aus muss Kirche sprechen. Nicht mit moralischen Appellen, sondern als Gegenentwurf zu einer Welt, in der alles einen Zweck haben muss. Kirche will kein Ballast sein, sondern eine Unterbrechung: ein Raum, in dem einmal nichts erledigt werden muss.
Von einem solchen Moment, in dem das Zweckhafte aussetzt, erzählt das Evangelium vom zweiten Fastensonntag. Jesus führt drei Jünger auf einen Berg. Plötzlich wird er vor ihnen verwandelt; sein Gesicht und seine Kleider leuchten wie das Licht. Petrus will diesen Augenblick festhalten und Hütten bauen. Doch das wird überschattet von einer Wolke, aus der eine Stimme spricht: „Dieser ist mein geliebter Sohn.“
Was nach einem Science-Fiction-Film klingt, hat eine sehr konkrete Bedeutung für uns. Denn im Bibeltext steht weder Funktion noch Leistung im Zentrum, sondern die zweckfreie und unverfügbare Erfahrung Gottes. Uns führt das vor Augen, dass es Schlüsselmomente im Leben gibt, die sich weder herstellen, noch festhalten lassen. In ihnen zählt nichts außer Gegenwart. Danach geht es zurück in den Alltag – verändert, aber nicht von ihm entbunden.
Vielleicht liegt hier die Aufgabe der Kirche heute: Räume offen zu halten, in denen Menschen nichts müssen. Nicht, um der Welt zu entfliehen, sondern damit sich ereignen kann, was sich nicht herstellen lässt. Eine Kirche, die das ernst nimmt, könnte der erschöpften Mitte etwas zurückgeben, das Politik nicht leisten kann: eine Unterbrechung, in der der Mensch sein darf.
