Allgemeine Berichte | 02.03.2020

„Sorgenbüros“des Deutschen Kinderschutzbund im Westerwaldkreis feiern 25. Geburtstag

Ersatzfamilie und geschützter Raum

Wandel in Gesellschaft und Familien belastet die Schulen und macht Sozialarbeit „unverzichtbar“ – Gespräche mit Lehrern

Vertrauen ist die Basis für alle Gespräche in einem der „Mobilen Sorgenbüros“ – wie hier mit Eva Merz-Seibert. Die Kinder können entscheiden, wer über den Inhalt der Treffen informiert wird. Manchmal sind mehrere Termine nötig, bis die Mädchen und Jungen ihre Sorgen offenbaren. Foto: DKSB e.V.

Höhr-Grenzhausen. Seit 25 Jahren gibt es im Westerwald die „Mobilen Sorgenbüros“ des Kinderschutzbundes. Nie waren sie wichtiger als heute, sagen Schulträger, Lehrer, Eltern und Partner. Mehr denn je brauchen Kinder auch in Grundschulen besonders qualifizierte vertraute Menschen, die Zeit für sie und ihre Probleme haben, die helfen und im Bedarfsfall mit Lehrern, Eltern oder dem Jugendamt sprechen. Allein in den vergangenen zehn Jahren haben fast 6000 Kinder die „Mobilen Sorgenbüros“ besucht.

Feste Öffnungszeiten mindestens einmal pro Woche, sozialpädagogische Fachkräfte, die in ein Team eingebunden sind, und ein gutes Miteinander mit Lehrkräften – das ist die Grundlage des erfolgreichen Arbeitens. Die kommunalen Schulträger stehen zu den „Mobilen Sorgenbüros“ und haben das Angebot fast überall aufgestockt und damit dem wachsenden Bedarf angepasst.

Alfred Haas, Leiter der Goethe-Schule Höhr-Grenzhausen, erklärt die Entwicklung so: „Die Lebensbedingungen unserer Kinder haben sich radikal verändert. Neben Kindern aus teilweise überbehüteten, emotional und materiell bestens versorgen Elternhäusern wächst die Zahl der Kinder aus vernachlässigten bis verwahrlosten Lebensgefügen in prekären sozialen Umfeldern. Für diese Kinder stellt die Schule oft den einzigen behüteten, verlässlichen Raum dar, in dem erzieherische Arbeit und emotionale Zuwendung erfolgt.“ Die zusätzliche Rolle als Sozialpädagoge und Ersatzfamilie sei durch die Lehrer nicht zu leisten, weil die Ressourcen fehlten. Der Einsatz von Sozialpädagogen in Grundschulen sei deshalb unverzichtbar, sagt Haas.

Und Gunda Engel, die Leiterin der Grundschule „Am Hähnchen“ in Niederelbert, fügt hinzu: „Der steigende Medienkonsum verängstigt die Kinder, aber in den Familien fehlt es oft an Zeit für Gespräche. Manche Eltern sind mit der Erziehung überfordert, einige stoßen an Belastungsgrenzen. Die Kinder reagieren darauf auch mit verändertem Sozialverhalten und fehlender Empathie.“ Die Fachkräfte der „Sorgenbüros“ können sich mehr Zeit nehmen, Lehrer und Eltern und andere einbinden. Im vergangenen Jahrzehnt wurden fast 18.000 solcher Gespräche geführt.

Julia Löser aus der Schulleitung der Goethe-Schule beschreibt die verschiedenen Rollen so: „Wenn ein Kind die Addition nicht versteht, wissen wir, was zu tun ist.  Wenn Defizite und Probleme oder Notlagen in der Familie bestehen, sind uns oft die Hände gebunden, denn hier fehlt uns der direkte Einfluss oder Zugriff auf die Ursachen. Und schon sind wir wieder bei erzieherischer Arbeit (auch an Eltern) und bei der so dringend notwendigen Schulsozialarbeit.“

Dass sich die Lehrer besser auf den Unterricht konzentrieren können, wenn sie von Schulsozialarbeitern unterstützt werden, hebt auch Gunda Engel hervor. Sie findet es zudem gut, dass in den „Sorgenbüros“ größere Neutralität herrscht, losgelöst vom Unterrichtsalltag.

Gut möglich, dass Sozialarbeit sogar noch früher beginnen müsste. Alfred Haas: „Wir sehen, wie sich Defizite aus der Kita durch die gesamte Schullaufbahn fortsetzen.“ Das beginnt schon bei fehlender Teilnahme am Kita-Besuch. Auch hier könnte eine Kooperation aller Beteiligten, wie sie von den „Mobilen Sorgenbüros“ gelebt wird, ein wesentlicher Faktor sein, um die Kinder schulfähig zu machen.

Nach 25 Jahren sind die Herausforderungen also nicht kleiner geworden, im Gegenteil: Die rasante Entwicklung der Gesellschaft und ihrer Ansprüche wirkt stark in die Familien hinein, die den Kindern seltener die geschützten Räume bieten kann, die sie brauchen. So landen die Probleme immer häufiger in der Schule, die froh ist, einen geschützten Raum bieten zu können: das „Mobile Sorgenbüro“.

Geschichte

Es begann mit den ersten Anfragen nach Hilfen für Hauptschüler, einem überzeugenden Konzept und der Erkenntnis, dass Sozialarbeit für Kinder da stattfinden muss, wo sie sich aufhalten: in den Schulen. Inzwischen haben alle Grundschulen der Verbandsgemeinden Montabaur, Höhr-Grenzhausen und Selters – insgesamt 15 Schulen – ein „Sorgenbüro“ mit festen Öffnungszeiten und qualifizierten Fachkräften. Sie bilden ein Team von acht Sozialpädagoginnen, die sich Supervisionen unterziehen, regelmäßig fortbilden und gegenseitig unterstützen und beraten.

Die „Mobilen Sorgenbüros“ des Kinderschutzbundes Kreisverband Westerwald/Ortsverband Höhr-Grenzhausen werden weit überwiegend durch die kommunalen Träger finanziert, aber auch das Land Rheinland-Pfalz leistet über den Kinderschutzbund einen erheblichen Beitrag, und der Westerwaldkreis steuert freiwillig etwas bei. Sein Eigenanteil, erwirtschaftet aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden, ist dem Kinderschutzbund wichtig – als Zeichen der Unabhängigkeit in der Arbeit.

Die Erfahrungen der Arbeit in den „Mobilen Sorgenbüros“ fließen ein in verschiedene sozialpädagogische Projekte, etwa zur Gewaltprävention und für Sozialkompetenz. Diese Projekte finden in vielen Verbandsgemeinden an Grundschulen und zum Teil an Kindertagesstätten statt. Mit dem Fokus auf Eltern wurde inzwischen an einer Kita in Selters ein „Mobiles Elternbüro“ gegründet, in dem Eltern Rat finden, etwa bei Krankheit, akuten Belastungen, Trennung und anderen veränderten Lebenssituationen.

Pressemitteilung

des DKSB Kreisverbands

Westerwald

Vertrauen ist die Basis für alle Gespräche in einem der „Mobilen Sorgenbüros“ – wie hier mit Eva Merz-Seibert. Die Kinder können entscheiden, wer über den Inhalt der Treffen informiert wird. Manchmal sind mehrere Termine nötig, bis die Mädchen und Jungen ihre Sorgen offenbaren. Foto: DKSB e.V.

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