Allgemeine Berichte | 13.07.2026, 16:52 Uhr

Markus Becker, Diplom-Ingenieur und Vorstand der inframeta eG, zieht Bilanz

Fünf Jahre nach der Flut: „Das Ahrtal lernt gerade“

Markus Becker.  Foto:Dominik Ketz
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Fünf Jahre sind seit der Flut vergangen. BLICK aktuell sprach mit Markus Becker, Diplom-Ingenieur und Vorstand der inframeta eG, und fragte: Was ist in den vergangenen fünf Jahren gut gelaufen? Wo gibt es noch Nachholbedarf?

BLICK aktuell: Was waren für Sie die größten Meilensteine im Wiederaufbau?

Markus Becker: Die größten Meilensteine waren für mich zunächst die enorme Geschwindigkeit und Improvisationskraft direkt nach der Flut. Innerhalb weniger Wochen wurden zerstörte Verkehrswege, Versorgungsleitungen und Provisorien geschaffen, damit das Leben überhaupt wieder funktionieren konnte. Beeindruckend war auch, wie viele lokale Akteure Verantwortung übernommen haben – Kommunen, Werke, Ingenieurbüros, Baufirmen und engagierte Bürger.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein ist für mich, dass heute viele Projekte nicht nur wiederhergestellt, sondern robuster und zukunftsfähiger gedacht werden. Dazu gehört das kreisweite Hochwasserrisikomanagement, der technische Hochwasserschutz und die Gründung der Aufbaugesellschaften. Auch das stärkere Bewusstsein dafür, dass Infrastruktur dauerhaft gepflegt, dokumentiert und gemeinsam organisiert werden muss.

Besonders wichtig war aus meiner Sicht außerdem die neue Form der Zusammenarbeit im Ahrtal. Viele Beteiligte haben gelernt, Informationen schneller zu teilen, pragmatischer zu handeln und stärker über Organisationsgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Daraus sind Netzwerke und Initiativen entstanden, die es vor der Flut in dieser Form nicht gab. Für mich war die Gründung der inframeta eG ein weiterer Meilenstein.

BLICK aktuell: Wo hätte es besser laufen können und was muss noch dringend erledigt werden?

Markus Becker: Der Wiederaufbau ist in vielen Bereichen zu komplex, um ihn ausschließlich mit klassischen Verwaltungs- und Projektstrukturen zu bewältigen. Häufig fehlten durchgängige Transparenz, gemeinsame Datenräume und einfache Abstimmungen zwischen allen Beteiligten. Dadurch gingen Zeit, Energie und manchmal auch Vertrauen verloren.

Verbesserungsbedarf sehe ich vor allem darin den Betrieb der neuen Infrastruktur zu denken. Das neu entstehende große Infrastrukturvermögen braucht ein große Betriebsmannschaft. Das wir zu wenig diskutiert.

Viele Baustellen hängen voneinander ab – Kanal, Wasser, Straßen, Energie, Telekommunikation. Dafür braucht es noch stärker gemeinsame Plattformen, klare Prioritäten und kontinuierliche Kommunikation mit Bürgern und Unternehmen. Der Bürger fragt: Wer hat hier einen Überblick?

Dringend erledigt werden müssen aus meiner Sicht außerdem drei Dinge: Erstens eine belastbare und lokal verankerte Überflutungsvorsorge mit Frühwarnung und konkreten Alarm- und Einsatzplänen, Einbindung der Eigenverantwortung der Gewerbebetriebe und Bürger. Zweitens der Aufbau eines echten „Infrastrukturgedächtnisses“, damit Wissen, Erfahrungen und Projektdaten langfristig erhalten bleiben und der Betrieb der Infrastruktur gesamtwirtschaftlich aufgebaut werden kann. Drittens müssen wir Wege finden, die Menschen vor Ort dauerhaft einzubinden, jeder der kann muss sich mit kümmern und die Zusammenhänge der Überflutungen wenigstens für sein Anwesen und Betrieb verstehen. Die regionalen Infrastrukturbranche muss enger zusammenrücken und für Ihre Heimat mehr Verantwortung übernehmen. Das Ahrtal ist ein Muster für Deutschland.

BLICK aktuell: Nach der Flut war der Zusammenhalt groß – spüren Sie diesen Zusammenhalt heute immer noch?

Markus Becker: Ja, ich spüre diesen Zusammenhalt noch immer – aber anders als in den ersten Monaten nach der Flut. Direkt nach der Katastrophe war die Hilfsbereitschaft überwältigend und emotional sehr sichtbar. Heute zeigt sich der Zusammenhalt oft leiser und im Alltag: in Netzwerken, Arbeitsgruppen, Vereinen, Unternehmen und bei den vielen Menschen, die weiterhin Verantwortung übernehmen.

Gleichzeitig merkt man natürlich auch, dass viele Menschen erschöpft sind. Der Wiederaufbau dauert lange, kostet Kraft und führt manchmal zu Frustration. Der Wiederaufbau der Infrastruktur ist eigentlich eine überparteiliche Sache.

Umso wichtiger ist es, neue Formen der Zusammenarbeit zu schaffen, die nicht nur auf kurzfristiger Hilfsbereitschaft beruhen, sondern dauerhaft funktionieren, wie das der technische Hochwasserschutz erfordert.

Die Unterlieger in der Mittelahr, Bad Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig müssen über die Entschädigung der Oberlieger an der Oberahr reden, da dort der dringend notwendige technische Hochwasserschutz umgesetzt werden muss.

Ich glaube, das Ahrtal lernt gerade, dass große Herausforderungen nur gemeinsam lösbar sind. Wir müssen in Einzugsgebieten der Gewässer denken, dort ist der zukünftige Zusammenhalt entscheidend! ROB

Markus Becker. Foto:Dominik Ketz Foto: Dominik Ketz

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