Allgemeine Berichte | 01.04.2022

Turmgespräch beleuchtet Katastrophen in der Antike

Gelassen bleiben in schlimmen Zeiten

Meik Stiegler (v.l.), Achim Habbel und Hardy Rehmann beim Turmgespräch im Schloss. Foto: HG

Sinzig. Selten war ein Turmgespräch des Denkmalvereins näher am Puls der Zeit. Bei anhaltender Pandemie und nach der Ahr-Flut fesselten Achim Habbel und Meik Stiegler mit Katastrophen in der Antike, zumal sie sich auf Hochwasser und Seuchen konzentrierten. Gut 30 Gäste begrüßte der Vereinsvorsitzende Hardy Rehmann im Schloss.

Etliche historische Desaster wurden erörtert. In schöner Verschränkung schilderte Habbel Ablauf und Bedeutung, während Stiegler jeweils die antiken Autoren zitierte, wie Plinius der Jüngere, Plinius der Ältere, Cassius Deo und Tacitus. Laut Letzterem stürzten nach der Überschwemmung des Tibers Hochhäuser ein, Hunger und Erwerbslosigkeit folgten. Schlimmer getroffen sah der jüngere Plinius (61 bis um 113) die Bewohner am Nebenfluss Anio, wo Wälder weggespült, Menschen verschüttet und zermalmt wurden.

Schon Kaiser Augustus (63 vor bis 14 nach Christus) ließ als Schutz das Bett des Tibers verbreitern. Doch im Jahr 15 flutete der Fluss weite Teile Roms. Danach berief Augustus‘ Nachfolger Tiberius eine Kommission ein, um das Flussufer zu kontrollieren. Die Regulierung des Tibers durch Aufstauung oder Umleitung zweier Flüsse setzte sich jedoch nicht durch. Stattdessen nahm im alten Rom die auch hierzulande beklagte flussnahe Besiedlung zu: Im Bereich des Marsfeldes, einer Tiefebene am Tiber, „war die Stadt völlig zugebaut“.

Zeigt sich demnach ein antikes Umweltbewusstsein, wenn Seneca in einem Brief über die Moral warnt, „wo immer warme Quellen sind, werdet ihr bauen“? Achim Habbel verneint. Die mahnende Stimme sei die Ausnahme. „Allgemein geht es bei den Römern darum, die Natur zu bezwingen“.

Fern des römischen Kernlandes lassen an der Ahr etwa die römischen Landhäuser auf dem Sinzigberg, dem Silberberg in Ahrweiler und in Schuld erkennen, dass ihre Erbauer die Gefahren des Wassers kannten. Zumindest entsprechen sie der Empfehlung des Agrarschriftstellers Columella, die beste Lage sei „am Hang“.

Im zweiten Teil ging es um „pestis“, lateinisch für Seuche, Epidemie. Von 165 bis 180 wütete im ganzen römischen Reich die Antoninische Pest (Pocken oder Masern). Von 540 bis 770 war die Justinianische Pest verbreitet und 430 bis 426 vor Christus die berühmte Attische Pest in Athen während des Peloponnesischen Krieges, verbunden mit den Fake-News, die Spartaner hätten die Brunnen vergiftet. Der Historiker Thukydides berichtet über diese Epidemie. Besuchten sich die Menschen, steckten sie einander an, taten sie es nicht, starben sie einsam. Ärzte konnten nicht helfen, da sie selbst erkrankten, Tiere starben, so sie von den Leichen fraßen. Mutlosigkeit griff um sich. Die Beerdigungskultur verfiel. Man kippte Leichen in Massengräber. Aber wer die Krankheit überlebte, wurde immun.

Wie nach solchen Einblicken ein positiver Ausblick gelang? Die Vortragenden führten Marcus Aurelius an, von 161 bis 180 römischer Kaiser und Philosoph, der trotz herrschender Pandemie und Kriegen rät, gelassen zu bleiben und selbst angesichts des Todes heiter. HG

Meik Stiegler (v.l.), Achim Habbel und Hardy Rehmann beim Turmgespräch im Schloss. Foto: HG

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Wir helfen im Trauerfall
Stellenanzeige Bereichsleiterin Vertrieb & Sachberarbeiterin Personal
Sale
20 Jahre Ehrung Mitarbeiter
Vorabrechnung, Nr. AF2025.000354.0, Juli 2026
Stellenausschreibung - Weiterbildungskoordinator*in im MBA-Fernstudienprogramm - FB WiSo
Kirschbaumfest Oberlützingen
Kirschbaumfest Oberlützingen
Empfohlene Artikel
Foto: I-Motion
288

Kastellaun. Mit mehreren zehntausend Besucherinnen und Besuchern ist das Nature One-Festival am Donnerstag, 30. Juli, erfolgreich gestartet. Bereits am Mittwoch und Donnerstag reisten große Teile der Camping-Gäste an und eröffneten das Festival mit zahlreichen Parties auf über 70 CampFloors im CampingVillage.

Weiterlesen

Symbolbild.
494

Von wegen AW heißt „Armer Winzer“. „Alles Wilde“ wäre vor 70 Jahren die bessere Übersetzung des Ahrweiler Autokennzeichens gewesen. Denn ein Jahrzehnt nach Ende des Krieges griff an der Ahr das Wirtschaftswunder mit Folgen, die aus heutigem Blickwinkel durchaus als katastrophal bewertet werden dürfen: Der Ahrschreck machte sich breit. Jetzt die ganze Geschichte lesen im RegioMAGAZIN.

Weiterlesen

Ulrich Stieber
35

Auch in unserer Region gibt es sie: die stillen Stars des Alltags. Menschen, die Verantwortung übernehmen, helfen, anpacken und für andere da sind und dies oft ganz selbstverständlich und ohne großes Aufsehen. Für die BLICK aktuell-Serie „HeimatHelden“ stellen wir Menschen vor, die mit ihrem Engagement das Leben in ihrer Heimat bereichern. Einer von ihnen ist Ulrich Stieber. Jetzt die ganze Geschichte lesen im RegioMAGAZIN.

Weiterlesen

Weitere Artikel
In diesem Jahr wied es an zwei Abenden unterschiedliche Drohnen-Inszenierungen geben.
5995

Die Kult-Veranstaltung Rhein in Flammen® in Koblenz wird 2026 um zwei Drohnenshows ergänzt. Erstmals präsentiert die Koblenz-Touristik im Rahmen des dreitägigen Sommer-Musik-Festivals an zwei Abenden unterschiedliche Inszenierungen am Nachthimmel. Alle Informationen jetzt im RegioMAGAZIN.

Weiterlesen