Allgemeine Berichte | 03.08.2021, 12:11 Uhr

Erfahrungsbericht einer Heimerzheimer Bürgerin während der Flutkatastrophe

„Heimerzheim - unser Zuhause, unsere Heimat“

Ein kleiner Rundgang durch einen großartigen Ort

Symbolbild. Foto: ROB
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Heimerzheim. Wer Heimerzheim nicht persönlich kennt, kennt den Ort seit drei Wochen aus den Medien. Heimerzheim ist einer der Orte in Swisttal, durch den die Swist wie ein Tsunami gebrettert ist. Dabei hat sie Autos wie Spielzeug auf dem Dorfplatz übereinandergestapelt, alle Läden und Wohnhäuser im Ortskern verwüstet, Mauern eingerissen und dafür gesorgt, dass sich wenige Tage später große Sperrmüllberge vor den Häusern türmen, die eigentlich gar kein Sperrmüll sein sollten…

Aber Heimerzheim ist nicht nur der Ort, der durch das Hochwasser verwüstet wurde.

Es ist ein Ort voller großartiger Menschen, die hier leben und arbeiten.

Auch ich lebe hier und das ist meine Heimat:

Morgens fahre ich runter zur „Bäckerei und Konditorei Voigt“ und hole dort Brötchen, und obwohl ich wirklich schon immer sehr früh da bin, treffe ich bereits auf gutgelaunte und nette Verkäuferinnen, die mir zum Abschluss meines Einkaufs einen schönen Tag wünschen. Hier tausche ich also die ersten netten Worte des Tages aus und starte dann mit leckeren Brötchen in meinen Arbeitstag.

Je nachdem was ich benötige, mache ich dann nach der Arbeit meine Tour durch den Ort und dabei schätze ich besonders die Freundlichkeit und liebenswerte Art, die mir überall entgegentritt.

Im „Grillimbiss Athen“ verkauft Georgios seine Köstlichkeiten stets mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Er ist mit den meisten seiner Kunden per Du und die Begrüßung ist immer sehr herzlich. Georgios kennt die vielen Leben, die täglich in seinem Imbiss Essen holen und von allen wird er für seine offene und liebenswerte Art geschätzt. Er ist ein hilfsbereiter Mensch. Als wir uns am ersten Tag nach der Katastrophe zufällig begegneten, hat er mich gefragt, ob bei uns Zuhause alles okay sei oder ob wir Hilfe bräuchten. Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass sein Imbiss wohl untergegangen ist…

Herrn Apandi von der „Flieder-Apotheke“ kenne ich, solange ich denken kann. Meine Eltern sind langjährige Kunden und auch ich kann mich immer auf ihn verlassen. Es gibt kein Medikament, das er nicht so schnell wie möglich besorgt, und er bringt es nach Geschäftsschluss auch gerne mal vorbei, wenn man gar keine Möglichkeit mehr hat, es noch in der Apotheke bei ihm abzuholen. Was er für diesen Lieferdienst nimmt? Er nimmt gar nichts, im Gegenteil: Er liefert noch ein freundliches Lächeln dazu. Seit vielen Jahren schon bin ich Kundin von „Herrmann Optik und Akustik“. Herr Herrmann ist ein ganz besonderer Optiker. In seinem Geschäft zählt Kundennähe und Freundlichkeit. Herr Herrmann und sein Team nehmen sich Zeit für die Beratung und bereits auf engstem Raum traf man auf größte Klasse. 2018 konnte das Geschäft endlich eine größere Verkaufsfläche erhalten. Herr Herrmann, sein Sohn und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind immer freundlich, hilfsbereit und herzlich und obwohl ich dort nicht täglich ein- und ausgehe, werde ich auch von Weitem immer gegrüßt und freue mich wirklich sehr darüber.

Samstags gebe ich meinen Lottoschein bei „Schreibwaren Kurscheidt“ ab. Schon bevor ich den Laden betrete, bin ich guter Dinge, denn Frank John und seine Frau zaubern ein Lächeln in so viele Gesichter, auch in meines. Herr John hat immer einen flotten Spruch auf Lager und verbreitet bei allen gute Stimmung. Er kennt seine Kundinnen und Kunden und ist bei Jung und Alt immer für einen Plausch zu haben. Man könnte sagen, dass sein Geschäft auch ein ganz klein wenig den Charme eines Büdchens erfüllt, was ich großartig finde. Die Kinder des Ortes freuen sich zur Einschulungszeit über Schultüten, Ranzen und jede Menge Schulmaterialien. Leider habe ich mit meinem Lottoschein bisher noch nicht den großen Gewinn gemacht, aber ich möchte es die nächsten Jahre gerne weiterhin „beim Kurscheidt“ versuchen.

Sehr gerne gehe ich auch zur „BookCompany“ um Bücher oder CDs zu kaufen oder zu bestellen. Dabei sind alle auch bei komplizierteren Bestellungen immer freundlich und bei ungeduldigen Kundinnen und Kunden (ja, die gibt es tatsächlich auch in Heimerzheim) sehr geduldig. Für Geburtstagskinder kann man hier zusammengestellte Wünsche in geflochtenen Körben finden, ähnlich wie die Wunschliste bei einem Onlinebestelldienst, nur eben viel persönlicher und viel schöner arrangiert.

Die Post befindet sich im gleichen Raum und beide Geschäftszweige arbeiten gut zusammen und man unterstützt sich gegenseitig.

So verhält es sich auch mit dem im Nebenraum anschließenden „Café Amorini“.

Ein Sommer ohne das „Café Amorini“ unvorstellbar

Sich einen Sommer ohne das „Amorini“ vorzustellen, ist für mich kein Gedanke, der Platz in meinem Kopf finden wird. Die Atmosphäre im Café gibt immer ein wenig Urlaubsgefühl im manchmal grauen Alltag. Die Besitzer und Kellnerinnen und Kellner sind unheimlich nett. Unter Freundinnen und Freunden ist ein Gutschein für das „Amorini“ immer eines der besten Geschenke.

Ich könnte und würde meine Beschreibungen über die Läden und Menschen in Heimerzheim am liebsten weiter fortsetzen: die „Polsterkollektion Burger“, das „Friseurteam Feuser“, die „Fahrschule Rang“, „Ballon Brillant“ mit dem „Swisttaler Teeladen“, die „Bäckerei und Konditorei Lennartz“, der Blumenladen „Floristik am Frohnhof“, die „Pizzeria Grand Italia“, das „Genos2 Döner Kebap Haus“, das Restaurant „Aicha“, das Gasthaus „Zur Linde“, das „Landidyll-Hotel Weidenbrück“ das Hotel „Klosterstuben“, das „Mano-Handelshaus“, der Obst- und Gemüseladen „Rothkopf-Eifelgemüse“, die „Apotheke am Fronhof“, die „Klosterapotheke“, die Änderungsschneiderei „Feine Stiche“, die Sparkasse, die ortsansässigen Arztpraxen, um hier nur einige Weitere zu nennen.

Die Liste ist längst noch nicht vollständig.

Das alles ist meine Heimat.

Und plötzlich ist alles anders

Plötzlich und über Nacht wurde der Ortskern mit all den Geschäften, Restaurants und Apotheken einfach weggespült.

In mir entstand bei meinem ersten Rundgang durch den zerstörten Ortskern auch eine Flut, türmte sich auf und brach los. Eine Flut von Ohnmachtsgefühl und unendlicher Traurigkeit. Ich wagte mir, gar nicht vorzustellen, wie es denen erging, die in dieser einen Nacht alles, wirklich alles verloren hatten. Ich sah eine Katze, die ich durch frühere Spaziergänge kannte und fütterte sie, weil noch niemand da war. Zum Glück konnte ich in den ersten zwei Tagen auch gleich in der „BookCompany“ mit anpacken, um die Gedanken zu zerstreuen und einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Wir haben gerettet, was noch zu retten war (und das war nicht viel) und haben den Rest zu einem riesigen Müllhaufen aufgetürmt. So sah es dann bald in ganz Heimerzheim aus.

In den ersten Wochen nach der Katastrophe war mein Alltag hier also plötzlich anders. Ich hatte frei und ging jeden Morgen zu Fuß runter, um zu sehen, wo ich noch helfen konnte und wie weit man am Vortag vorangekommen war. An vielen Vormittagen machte ich mich bis zum Nachmittag mit zehn Litern Kaffee und gebackenen Muffins sowie Wasserflaschen im Bollerwagen auf den Weg bergab, um den Menschen für fünf Minuten etwas „Alltägliches“ zu geben. Auch viele andere machten sich mit ihrem Bollerwagen mit Getränken und Essen auf den Weg. In diesen Tagen konnte ich mit sehr vielen sprechen, Menschen, die im Ortskern wohnen, bzw. die nun nicht mehr dort wohnen, mit Geschäftsleuten, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.

Alle waren gleichermaßen dankbar für die vielen helfenden Hände, für die „Bewirtungen“ und für Gespräche, die man miteinander führen konnte. Aber viele waren nach den ersten Tagen auch am Ende aller positiven Gedanken angekommen und starrten nur noch wortlos auf die Trümmer oder in das leere Gebäude.

Es herrscht eine große Hilfsbereitschaft

Ich habe Menschen aus Bonn, Köln und sogar aus Bremen kennengelernt. Viele junge Leute kamen in ihren Schulferien her, um zu helfen. Firmen aus der Region gaben ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sogar Sonderurlaub.

Viele halfen bis an alle körperlichen und mentalen Grenzen.

Am Abend hat es mich oft überwältigt, wenn ich über den Tag und die vielen Helfenden und Schicksale nachgedacht habe. Die Berichte über die großartige Hilfe überall konnte man in vielen Zeitungen lesen, im Fernsehen sehen und im Radio hören. Ich kann mich all diesen Schilderungen von Hilfen durch Rettungsdienste, Bundespolizei und unheimlich vielen Mitbürgerinnen und Mitbürgern anschließen und fühle unendliche Dankbarkeit dafür.

Wo viel Herz ist, sucht sich auch das Herzlose einen Weg. So erfuhr ich, dass unter den Helfenden auch einige schwarze Schafe waren, die die Sachen aus den Häusern holten und mitnahmen. Auch Plünderungen ließen nicht lange auf sich warten.

Das schmerzt noch einmal mehr, wenn selbst Gerettetes schließlich doch verloren ist.

Die grobe Arbeit ist im Ort nun scheinbar weitgehend geschafft. Mit vereinten Kräften hat man schier Unmögliches bewerkstelligt und den Ort „leergeräumt“.

Einige wenige sind immer noch dabei ihr Leben an den Straßenrand zu stellen…

Die Katastrophe hat die Menschen gezeichnet

Viele hat all das an die Grenzen ihrer Kraft gebracht. Wenn ich durch den Ort gehe, sehe ich nicht mehr die lachenden Gesichter. Ich sehe viele gebrochene Menschen ohne Hoffnung und Mut und mit viel Zukunftsangst. Freundliche Gesichter sind mit Grübelfalten durchfurcht. Die Katastrophe und das Wegschmeißen des eigenen Lebens hat Gesichter und Körper deutlich gezeichnet. Das Trauma zieht nun seine Runde unter den vielen kraftlosen Menschen und dunkle Gedanken treiben ihr Unwesen. Viele Geschäfts- wie auch Privatleute sind nicht versichert und sind auf finanzielle Hilfe angewiesen. Auch die Angst, vor einer weiteren Hochwasserkatastrophe sitzt tief.

In Heimerzheim arbeiten und leben so viele tolle, hilfsbereite und liebenswerte Menschen und es zerreißt mir das Herz, nun zu erleben, dass viele den Mut verloren haben, weiter zu machen.

Unbürokratische Hilfe ist erforderlich

Ich bitte die, die für die Verteilung der offiziellen Gelder zuständig sind, schnell zu handeln und die Menschen hier vor Ort aktiv dabei zu unterstützen, diese Gelder zu beantragen und zu erhalten. Ich bin mir sicher, dass neuer Mut gefasst, und neue Energie gesammelt wird, wenn man loslegen kann. Vielleicht gibt es auch noch Sponsoren oder Sympathisanten, die einzelne Geschäfte oder Geschäftszweige unterstützen können und möchten. Auch die Privathaushalte brauchen nun unbedingt Hilfe. Strom ist teilweise immer noch nicht vorhanden und es fehlt an Handwerkern und an Geld.

Für alle Heimerzheimerinnen und Heimerzheimer: Zweimal „Heim“. Am Anfang und am Ende unseres Ortsnamens. Heim wie Zuhause, Heim wie Heimat. Die drei Buchstaben „erz“ dazwischen können als Abkürzung für viele Erzählungen über diesen Ort und die Menschen, die hier leben, stehen.

Das hier ist unser aller Heimat. Lasst die Flutkatastrophe zu einer Erzählung werden, nicht zu einem Ende.

Bitte gebt nicht auf, sammelt wieder Kraft, lasst uns nun gemeinsam am Aufbau arbeiten und uns weiter gegenseitig Unterstützung geben, damit wir diese Zeit überwinden und der Ort wieder aufblüht.

Simone S., Heimerzheimerin

Symbolbild. Foto: ROB

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