Arp Museum Rolandseck eröffnet die Ausstellung „Bühnenreif“ in zwei Akten
Illusionsräume, die ihr Publikum faszinierten
Rolandseck. Vielfältig sind Bildende Kunst und Theater verknüpft. Diese Jahrhunderte währende Zusammenarbeit der Künste aufzuzeigen, ist Anliegen zweier aufeinander bezogener Ausstellungen im Arp Museum Rolandseck. Ganz bewusst platziert das Haus sie zum Jubiläum 100 Jahre Dada in 2016, nahm doch die Künstlerbewegung Dada, die bis in die Gegenwartskunst ausstrahlt, ihren Ausgang vom legendären „Cabaret Voltaire“ in Zürich. Der Vernetzungsgedanke von Kunst liegt im Bahnhof Rolandseck, Keimzelle des Arp Museums, eh nahe. Johannes Wasmuth hatte ihn in den 1960ern in einen Ort verwandelt, wo Künstler lebten und arbeiteten. Um ihn in dieser Funktion zu erhalten, verkündete der Pantomime Marcel Marceau in seinem „Manifest“: „Der Bahnhof Rolandseck wird das Theater sein, in dem sich alle Künste vereinen, um das Wunderbare zu schaffen“. Das Wunderbare, Staunenswerte gehört untrennbar zum Theater. Die Ausstellung „Bühnenreif, 1. Akt“ (1900-2016)“, seit September im Meyer-Bau am Hang, umfasst dabei Arbeiten von der klassischen Moderne bis zur zeitgenössischen Kunst. Bühnenmodelle, Kostüme, Installationen, Videoarbeiten, aber auch Malerei und Skulptur legen die Bezüge zwischen darstellender und bildender Kunst offen. Eine von Isa Melsheimer für die Ausstellung gebaute Bühne wird während der gesamten Ausstellung als realer Theaterraum genutzt. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Fernand Léger, Vladimir Tatlin, Piet Mondrian, Andor Weininger, Nadja Schöllhammer, Markus Lüpertz, Alexandra Hopf, Torsten Jurell, Bill Viola, George Grosz, Arnulf Rainer, Claus Richter, Marcel Dzama und Marvin Gaye Chetwynd.
Eintritt durchs Bühnenbild
Akt 2 von „Bühnenreif“ (1500-1900) behandelt die Zeit vom Barock bis zur Moderne anhand von 67 Exponaten, darunter 20 aus der Sammlung Rau, kombiniert mit Stücken der theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität Köln, des Wiener Theatermuseums, des Koblenzer Mittelrhein-Museums und privaten Leihgaben.
Der Auseinandersetzung mit dem Bühnenthema würdig, kommen sie in der „Kunstkammer Rau“ mit genreangemessenen Hervorhebungen, wie Draperien als auch eingebettet in ein Farbkonzept warmer Gelb- und Rottöne groß raus. Die Schau betritt man, auch dies ist Kuratorin Dr. Susanne Blöcker zu danken, durch ein geteiltes Bühnenbild, ein vergrößerter Kupferstich von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto. Schon die Geschichte dieses Werks verweist auf die Beziehungen von Bild und Bühne. 1758 weilte der türkische Botschafter in Wien und wohnte einer Aufführung von Jean-Philippe Rameaus exotiklastiger Oper „Les Indes Galantes“ bei (Vorlage für Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“). Im Jahr darauf wurde Maler Canaletto beauftragt, das Ereignis zu dokumentieren.
Bühnen der Macht
Im ersten, dem mittleren der drei Ausstellungsräume, begegnet man den „Bühnen der Macht“ beziehungsweise der Mächtigen. Sie fanden sich an den europäischen Höfen, wo Opernaufführungen und Tanzveranstaltungen die gehobene Unterhaltungskultur ausmachten. Kuratorin Blöcker zeigt auf François Rousseaus Gemälde vom Maskenball in der alten Bonner Hofoper, um 1754. „Sie war Theater und wenn man den Boden erhöhte auch Ballsaal.“ Vom Logenplatz aus nahm der Kölner Kurfürst Klemens August am Vergnügen teil.
Festivitäten unterschiedlicher Art verbanden sich zur barocken Elitekultur. Anlässlich von Hochzeiten wurden Opern uraufgeführt und Kostümbälle veranstaltet. Als Vorbild diente der extravagante venezianische Karneval, wie ihn etwa „Il Ridotto“, ein Pietro Longhi zugeschriebenes Gemälde, 1750 festhält. „Die Dame kleidet sich als Kolombine, weil es ihr erlaubt, sich Freiheiten herauszunehmen“, erläutert Blöcker. Die kokette Dienerin Kolombine und der Harlekin stehen als lebensgroße Gestalten mitten im Raum. Diese Kunstfiguren des im 16. Jahrhundert Italiens aufgekommenen volkstümlichen Theaters Commedia dell’arte, zu denen ebenso der geizige Kaufmann „Pantalone“ und der pedantische Gelehrte „Il Dottore“ zählen – in Rolandseck auch in Meißener Porzellan zu bewundern – „sind schon Ende des 16. Jahrhunderts beliebt bei Hofe.“
Goutierte der hohe Adel das Theater als Unterhaltung, so setzte er sich bei derlei Lustbarkeiten auch selbst in Szene: Prächtige Roben, Posen und Flirts, das Drumherum der Aufführungen erschien zuweilen wichtiger als das eigentliche Bühnengeschehen.
Das macht auch E. Zimmermanns Radierung „Das lachende Publikum“ (1736) nach William Hogarth deutlich, wo zwei Orangenverkäuferinnen Früchte und sich selbst anbieten. Biegt man in den linken Ausstellungsraum ab, bilden sich rechterhand einfache Theaterformen von Wanderschaustellern ab, die etwa Benjamin Gerrisz, Cuyp um 1645 festhielt. Da ging es oft gesellschaftskritisch zu. Zum Typus geronnene Figuren der Bühne fanden sich in der Malerei wieder. Da gibt es die in Öl auf Holz gebannte Köchin bei Gerard Dou (1660-1665) oder die Wirtin zwischen Tric-Trac-Spielern im Leinwandbild um 1588 des Hendrik Terbrugghen.
Perfekte Illusion
Umgekehrt zeigt die linke Wand den Einfluss der Bildenden Kunst auf die Bühne. Der Bühnenraum profitierte von der in der Renaissance eingeführten Zentralperspektive, die auf einer Fläche eine Raumillusion erzeugte. „Dies war wiederum verführerisch für die frühen Theater, die oft nur schmale Spielflächen zur Verfügung hatten“, schreibt Blöcker im Katalog. Zudem werden Künstler von Rang und Namen für die Bühne tätig und verdienen gut dabei, wie Malerfürst Hans Makart aus Wien, dessen Vorhangentwurf zu Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ 1872 die Ausstellung neben Beispielen von Oswald Achenbach und anderen präsentiert. Warum waren die Bühnenbilder so wichtig? Weil es um nichts weniger ging als die perfekte Illusion, für die eine immense Kulissen-Maschinerie aufgeboten wurde oder gestaffelte Vorhänge zum Einsatz kamen, wie im reizenden Modell zur Uraufführung des „Parzival“ in Bayreuth.
Der rechte Raum widmet sich den Akteuren. Denn auf der Bühne des Barock entwickelten Schauspieler, Sänger, Tänzer, zunehmend Professionalität in ihrem Metier. Das Publikum – im 18. Jahrhundert eine geschlossene Gesellschaft, die sich im 19. Jahrhundert öffnete – stilisierte sie schließlich zu verehrungswürdigen Gestalten, was sich abermals in Bildnissen spiegelt. Die für ihre hohen Sprünge berühmte Tänzerin Marie Camargo (1710-1770), Erfinderin des Ballettschuhs, ist präsent, desgleichen sind es Janne Avril, Eleonora Duse, Fanny Elssler (Fuß-Skulptur), der Schauspieler Joseph Kainz (1858 bis 1910) und weitere. Wer nicht gerade in der Historie des Theaters bewandert ist, den erstaunt gewiss, dass man bei Hofe nicht nur Bühnenvorstellungen genoss, sondern sich der Hofstaat schulen ließ, um selbst aufzutreten. Berühmtestes Beispiel: der 14-jährige Ludwig XIV., welcher Tanzunterricht erhielt und 1653 in einem höfischen Ballett den Apollo gab, mit der Folge, dass man ihn später als „Sonnengott“ apostrophierte. Eindrucksvoll illustriert dies in der Ausstellung eine große Figur im reproduzierten goldenen Kostüm, begleitet von einem Entwurf und dem Historienfilm „Der König tanzt“.
Als Kontrast zu dieser hochherrschaftlichen Inszenierung schlägt Bühnenreif 2 abschließend den Bogen zum Volksschauspiel. Die originalen und ältesten erhaltenen Stockpuppen des Hänneschen Theaters in Köln, Hänneschen (Vorläufer Harlekin), Bärbelchen (Vorläuferin Kolombine), Teufel und Sultan stehen dem Besucher gegenüber. Der Bezug zu Europa stellt sich her über zwei Puppen des Marionettentheaters des Wiener Praters.
„Bühnenreif 1. Akt“ öffnet bis 23. April 2017; „Bühnenreif 2. Akt“ bis zum 7. Mai 2017: dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Zu den Ausstellungen liegt ein gemeinsamer aufschlussreicher Katalog vor. Unter www.arpmuseum.org informiert das Museum über das Begleitprogramm. HG
Foto: unknown
