Allgemeine Berichte | 09.03.2020

Lesung in Montabaur

Interessanter Rollentausch

BLICK aktuell sprach mit Autor David Wagner über seinen Roman „Der vergessliche Riese“

Fast ein Heimspiel: David Wagner ist unweit des Westerwalds auf der linken Rheinseite aufgewachsen und faszinierte das Publikum auch mit seiner kenntnisreichen Schilderung des nördlichen Rheinland-Pfalz. Foto: GBA

Montabaur. Auf Einladung des „Forums Soziale Gerechtigkeit“ las der Berliner Autor David Wagner im Vortragssaal der Nassauischen Sparkasse Montabaur Passagen aus seinem Buch „Der vergessliche Riese“. Es ist autobiografisch inspiriert durch die Demenzerkrankung seines Vaters. Gunnar Bach hat ihn anschließend BLICK aktuell interviewt.

BLICK aktuell: Herr Wagner, Sie haben aus Ihrem Buch „Der vergessliche Riese“ vorgelesen. Sind Sie auch autobiografisch von dem Thema betroffen?

David Wagner: Ja, der Roman ist schon inspiriert von eigenen Erlebnissen, von dem Verhältnis zu meinem Vater, den ich durch seine Erkrankung ja eigentlich wiedergefunden habe. Diese Wiederbegegnung war der Auslöser, dieses Buch zu schreiben. Es hat da diesen interessanten Rollentausch ergeben. Der eigene Vater wird plötzlich wie zum Kind. Die Kinder, also meine Schwestern und ich, werden plötzlich die Eltern und müssen sich kümmern. Für mich war diese Krankheit gleichzeitig auch eine Art Geschenk, weil ich gar nicht mehr damit gerechnet hatte, meinen Vater wieder so zurückzubekommen.

BLICK aktuell: Der Kontakt hat sich intensiviert?

David Wagner: Ja. Ich habe ihn viel mehr gesehen, war viel mehr dort. Und ich habe eigentlich auch so ein Stück Heimat wiedergefunden. Ich habe das alles gar nicht vermisst oder so, aber da war ich plötzlich wieder sehr oft am Rhein, in dieser Gegend. Und ich konnte das alles eigentlich ganz neu betrachten.

BLICK aktuell: Wohnorte, Landschaften prägen. Natürlich hat das Auditorium begeistert reagiert, als Sie auch Montabaur und den Westerwald beschrieben haben. Was verbinden Sie mit dem Westerwald?

David Wagner: Naja, der Westerwald – das war eigentlich immer die andere Rheinseite. Ich habe eigentlich in meiner frühen Kindheit immer auf den Westerwald geblickt, weil man die andere Rheinseite sah. Ja, da ging man spazieren und wandern und fuhr durch. Das ist natürlich sehr nah. Und man kannte dieses Lied („Oh du schöner Westerwald“, Anmerkung der Redaktion), und das sind natürlich alles Sachen, die vorkommen müssen in dem Buch.

BLICK aktuell: Eingeladen hat Sie das „Forum Soziale Gerechtigkeit“. Das Thema wird gesellschaftlich auch immer relevanter. Haben Sie sich auch Gedanken gemacht, welche politischen Implikationen dieses Thema hat? Vielleicht haben Sie auch konkrete Veränderungswünsche gesellschaftlicher Art?

David Wagner: Man stößt natürlich darauf. Es ist die große Betreuungsfrage. Was passiert eigentlich mit all diesen Menschen, die Betreuung brauchen? Es ist ja heute eigentlich so, dass das ja größtenteils entweder privat geleistet werden muss, also Arbeit, die nicht honoriert wird, oder das muss bezahlt werden. Oder es gibt Heime, die wahnsinnig teuer sind. Da kommen ja Belastungen auf Familien zu, von denen die oft gar nichts ahnen. Das ist eigentlich ein Missstand.

BLICK aktuell: Ein erster Schritt ist, das zum Thema zu machen. Sie machen das literarisch. Sie waren begeistert auch über das große Echo, die große Reaktion. Wo haben Sie das bisher zum Thema gemacht, oder wo sollte es auch Thema werden Ihrer Meinung nach?

David Wagner: Ich bin erst einmal vor allem Schriftsteller, erzähle eine Geschichte und schreibe einen Roman. Aber natürlich kann ich nur Bücher schreiben und Geschichten, die mich selber sehr interessieren. An so einem Buch arbeite ich vier Jahre. Und es muss mich vier Jahre eigentlich interessieren, dass ich das ausgestalte und fertig schreibe. Wenn ein Elternteil sein Gedächtnis verliert, ist das eine wahnsinnig interessante Geschichte mit allem, was dazukommt: für Betreuung zu sorgen, das zu organisieren etc. Es klang hier in dem Ausschnitt an. Wo Geld da ist, können Leute sich eben diese Betreuung kaufen. Es gibt dann eben Betreuerinnen aus Polen, und alle drei Monate kommt eine Neue. Das ist natürlich ein Sonderfall, weil eben die Figur in diesem Buch „Der vergessliche Riese“ eine sehr, sehr gute Pension hat. Aber das ist ja jetzt auch nicht immer der Fall. Was wäre eigentlich passiert, wenn das nicht so wäre? Ich erzähle hier eigentlich fast eine Idealgeschichte. Das ist mir aber auch erst klar geworden, als das Buch fertig war.

BLICK aktuell: Sie wurden auch nach Gefühlen gefragt. Die Gefühle ihres Vaters, ob er Ängste hat. Wie ist das bei Ihnen im Umgang mit seiner Krankheit? Welche Gefühle prägen dabei?

David Wagner: Das Tolle oder Großartige ist, dass mein Vater eigentlich immer lieber wird. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis, auch wenn wir uns nicht oft gesehen haben. Das ist eben mal eine glückliche Geschichte, die ich da erzähle, dass er eigentlich immer gut gestimmt ist bei allem. Viele Dinge belasten ihn eigentlich nicht mehr, weil er die vergessen hat. Das hat auch sein Schönes, sein Gutes.

BLICK aktuell: Der Augenblick bekommt den Wert, den er eigentlich hat, wenn man ein Kind ist letztlich.

David Wagner: Ja, die Gegenwart ist immer da, ist wichtig. Und er kann sich freuen. Ja, so ist es.

BLICK aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.

Fast ein Heimspiel: David Wagner ist unweit des Westerwalds auf der linken Rheinseite aufgewachsen und faszinierte das Publikum auch mit seiner kenntnisreichen Schilderung des nördlichen Rheinland-Pfalz. Foto: GBA

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