Rathaussturm in Rheinbach lockte hunderte Teilnehmer und Zuschauer
Jecken stürmten Rathaus ohne Kanonenböller
Mit vereinten Kräften eroberten die Tollitäten den Schlüssel
Rheinbach. Die Politik mit Bürgermeister Stefan Raetz und seinen Vertretern Kalle Kerstholt und Claus Wehage hatte sich wie in jedem Jahr auf dem Balkon des Rheinbacher Rathauses verschanzt. Mit dabei der Brigadegeneral und Standortältester der Kaserne in Rheinbach, Ralf Hoffmann. Bereits dreißig Minuten vorher hatte Raetz die Presse zu einem „Verteidigungsstrategie-Gespräch“ geladen, was aber auch nicht viel brachte.
Zuvor hatte der Bürgermeister angeordnet, dass in diesem Jahr die Rathauserstürmung ohne Böllerschüsse aus der Kanone der Stadtsoldaten von statten gehen sollte. Diese Entscheidung fiel vor dem Hintergrund des rechten Terrors in Hanau, bei dem neun Menschen ermordet wurden.
Angeführt vom Vorsitzenden des Festausschuss Rheinbacher Karneval, Alfred Eich, rückten die Rheinbacher Karnevalsvereine der Kernstadt mit den Spielmannszügen von „Echo“ Niederdrees und den Tollitäten gegen elf Uhr mit ihrem Gefolge zum Rathaussturm an. Das waren aus der Kernstadt das Kinderprinzenpaar Prinz Tim I. und Hannah I., aus der Höhengemeinde Queckenberg das Damendreigestirn Prinz Kathi I., Bäuerin Lena I. und Jungfrau Janina I. Wormersdorf war mit dem Kinderdreigestirn Prinzessin Leni I., Bäuerin Leonie I. und Jungfrau Lucy I. zum Rathaus gekommen. Mit dabei das Erwachsenendreigestirn Prinzessin Sarah I., Bäuerin Soffie I. und Jungfrau Stefanie I., Prinz Walter I. aus Oberdrees war als einziger Mann der Hahn im Korb.
Ansprache des Bürgermeisters
Bevor die eigentliche Erstürmung erfolgte, hielt der Bürgermeister eine Ansprache, in der er auf die schrecklichen rechtsgerichteten Morde in Hanau einging. „Wir müssen uns gegen Terror von rechts wehren. Hier kann es nur eine Null-Toleranz-Grenze geben. Auch in Rheinbach gibt es unter uns Menschen, die eine rechte Gesinnung haben. Hier ist Zivilcourage gefragt und es gilt, ein waches Auge drauf zu haben. Wehret den Anfängen“, so Raetz in seinen Ausführungen. Er bat die Karnevalistenschar um eine Gedenkminute.
Jetzt hieß es den Sturm des Rathauses strategisch vorzubereiten. Angeführt von den Rheinbacher Stadtsoldaten mit ihrem Kommandanten und Vorsitzenden Willi Hohn begannen die verbalen Angriffe auf die Stadtoberen. Mit dabei der NCR Blau Gold, an der Spitze der KG Kommandant Dieter Bückmann mit dem Musikzug des NCR, das Damenkomitee Blau-Weiß, die Gro-Rhei-Ka Prinzengarde mit ihrer Vorsitzenden Astrid Faßbender, der Närrische Schornbusch unter der Leitung von Peter Kochems, die Rheinbacher Fastelovendsjecke und der Festausschuss Rheinbacher Karneval mit dem 1. Vorsitzenden Alfred Eich.
Aus allen Ortschaften waren die Karnevalsvereine mit angerückt, um die Tollitäten tatkräftig zu unterstützen. Die musikalische Unterstützung wurde durch beiden Kapellen sichergestellt, die auch direkt zum Einsatz kamen, als Hohn die Tollitäten zum Tanz aufforderte. Bürgermeister Raetz stand, dicht gedrängt, zwischen seinen Mandatsträgern. Als Gast konnte er den Landtagsabgeordneten Oliver Kraus(CDU) auf dem Balkon begrüßen.
Reichlich Süßigkeitenregen
Zur Strategie der Verteidiger gehörte es, die Kinder mit Süßigkeiten von oben zu versorgen. Und das geschah zur Freude der Kinder reichlich auf dem Rathausvorplatz. „Gebt Gas und lasst es Süßigkeiten regnen. Wir haben gerade die Steuern erhöht. Wir können uns das leisten“, feuerte Raetz seine Mitstreiter auf dem Rathausbalkon an. Anders als im Vorjahr, wo er die Parole ausgab, sparsam mit den Süßigkeiten umzugehen.
„Du weißt, dass dies dein letzter Rathaussturm als Bürgermeister unserer Stadt ist. Das gilt auch für deinen Stellvertreter Claus. Da ich gelesen habe, dass im nächsten Jahr dein Stadtsäckel ohne Kredite auskommt, könnest du ruhig was großzügiger sein“, frotzelte Hohn in Richtung Raetz.
Dann war der Widerstand auch schon gebrochen und die Tollitäten stürmten zur Rathaustür. Doch die war verschlossen, was nicht geplant war. Bürgermeister Raetz eilte persönlich die Treppe herunter, um die Tollitäten reinzulassen. Diese verdrängten die Politiker und erhielten aus den Händen des Bürgermeisters den hölzernen Stadtschlüssel. Manche Mandatsträger mussten mit sanfter Gewalt vom Balkon verbannt werden.
„Vor hier oben hat man einen tollen Blick auf die Karnevalisten. Auch auf die unbeteiligten Zuschauer“, was ein stürmisches Gelächter auslöste. Die restlichen Narren zogen ins „Aquarium“, wie das Foyer des Rathauses genannt wird. Dort war man gerüstet und so lief das kühle Nass frisch aus dem Fass. Bis zum frühen Nachmittag wurde hier der Sieg über das Rathaus und seinen Mandatsträgern gefeiert.
Hunderte Karnevalisten und Schaulustige war zum Rathaussturm gekommen.
Die Kanone war in Stellung gebracht ohne einen Schuss abzugeben.
Hier präsentiert sich das nächstjährige „Wormersdorfer Dreigestirn“ Dieter Weber, Tina Maus und Markus Pütz.
