Das Kölner Theaterensemble „Kölner Jedermann“ hat das weltweit bekannte Schauspiel im Tunnel von Erpel gespielt
Jedermann im Tunnel
Erpel. Der „ad Erpelle Kunst- und Kulturkreis Erpel e.V.“ hatte am vorletzten Juli-Wochenende ein besonderes „Schmankerl“ für die Freunde von Schauspielen und neuen, modernisierten Ansätzen. Vom 22. bis 24. Juli präsentierte das Team „Kölner Jedermann“ unter Regie von Stefan Krause im schon für mutige Neufassungen bekannten Tunnel in Erpel eine modernisierte Fassung des „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal. Neben der innovativen und dennoch vorbild-treuen Darstellung des Schauspiels sowie der einmaligen Atmosphäre und Akustik hatte es offenbar viele Schauspiel-Freunde in den Tunnel gezogen, um die Eindrücke vom ersten Besuch zu wiederholen oder aufzufrischen, denn „Kölner Jedermann“ hat die historische Vorlage nachhaltig und dennoch innovativ umgebaut. Obwohl der Tunnel eine hervorragende Akustik hat, werden bei nur einem Besuch die zahlreichen Feinheiten der neuen Fassung nur zum Teil erfasst.
Ein hunderfünfjähriger „Bestseller“
Das gängige und bisher bekannte Schauspiel wurde im Dezember 1911 im Berliner Zirkus unter der Regie von Max Reinhardt erstmals aufgeführt. Berühmt wurde „Jedermann“ aber vor allem durch die Salzburger Festspiele, die von Autor und Regisseur gegründet wurden. Auch heute noch ist der markante Ruf „Jedermann“ vom Turm der Festung Hohensalzburg ein Markenzeichen der Stadt an der Salzach. Von 1987 bis 2014 wurde „Jedermann“ auch jährlich in Berliner Kirchen (Kreuzberger Südsternkirche, Gethsemanekirche, Berline Dom und Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche) gespielt und weltweit zu einem „Bestseller“ gemacht. Von Hofmannsthal hatte sich bei englischen Mysterienspielen des 16. Jahrhunderts orientiert, in der ersten Version war „Jedermann“ sogar komplett in Versen gehalten. Bis zur Vollendung des bekannten Dramas benötigte er acht Jahren.
Von Hofmannsthals Drama in neuer aktueller Fassung
Das Thema von „Jedermann“ ist nach wie vor aktuell. Bei der Produktion des „Kölner Jedermann“ verlässt Regisseur Stefan Krause aber die im Mysterienspiel gängigen Personifikationen oder Gleichnisse, und setzt auf die aktuelle Realität. In der neuen Version verkörpert der moderne „Jedermann“ (gespielt von einem überzeugenden Hanno Dinger) einen reichen Mann im Umfeld der heutigen Rahmenbedingungen. Das zeigt sich nicht nur an der modernen Kleidung und Sprache, sondern auch an der hohen allgemeinen Bedeutung des Geldes. Jedermann will mit seinem Reichtum bei den wichtigen Zielgruppen punkten und umgibt sich daher gezielt mit Schönheit und Jugend. Davon erhofft er sich, sein Leben mit seinem Geld zu genießen und zu verlängern. Seineneue, aktuelle Freundin (gespielt von Ann-Cathrin Schaible) – in der Aufführung als „Buhlschaft“ bezeichnet - ist blutjung, denn nur so ist er überzeugt, erfolgreich und glücklich zu sein – oft ohne Rücksicht auf die anderen.
Durch den Glauben wird Jedermann gerettet
Dies funktioniert aber auf einmal nicht mehr, denn der Tod (überzeugend gespielt von Ursula Wüsthof) ruft - wie bei den weltweiten Aufführungen – das bekannte „Jedermann“ und will ihn holen. Auch die Todes-Glockentöne kann nur er hören. Der Versuch, Hilfe bei den anderen zu finden, missglückt und er muss den Weg selbst gehen. Der Tod gewährt Jedermann eine kurze Frist, einen Fürsprecher zu gewinnen, der vor Gott für ihn spricht, aber niemand ist dazu bereit. Nur eine alte Frau, die „guten Taten“ ist zunächst willens, ihm zu helfen, aber zu schwach. Sie verspricht aber, ihre Schwester, den „Glauben“ (Jürgen Clemens) zu fragen. Dieser ist bereit und rät Jedermann, Gott (gespielt von Jörg Kernbach) um Gnade zu bitten, was der Schöpfer auch gewährt und Jedermann nach dem Glaubensbekenntnis dem Teufel (Sabine Lindlar) entreißt. Zum Schluß stehen alle Jedermann zu Seite: Die Werke (gespielt von Celina Engelbracht), die Vettern (Frank Baumstark und Patrick Bartsch) und die Mutter (gespielt von Gabriel Schulz, die in den folgenden Tunnel-Auftritten in Molières „Die Geizige“die Titelrolle spielt).
Die gelungene moderne Fassung überzeugt
Nicht nur die Thematik von „Jedermann“ ist faszinierend, denn die Fassung von „Kölner Jedermann“ verfügt über viele Highlights. Dazu gehören unter anderem die Bewegungs-Wege der Schauspieler, die sowohl die seitlichen Gänge im Tunnel als auch die Reihen im Publikum umfassen und damit den Zuschauer sehr intensiv einbeziehen. Auch der Raum zwischen Publikum und Bühne wird mehrfach genutzt. Zuschauer, die bisher nur die klassische Jedermann-Version erlebt haben, könnten anfangs auch mit der modernen Kleidung oder den vielen zeitlich aktuellen Accessoirs wie Radio, CD-Player etc. und der aktuellen Pop-Musik anfangs hadern, aber das macht die neue Version Generations-übergreifend. Dazu gehören auch Szenen, bei denen auf der Bühne ein „Selfie“ mit dem Smartphone gemacht wird oder schnelle Lichtveränderungen für hohe Dynamik sorgen. Die gelungene Umsetzung von „Jedermann“ in die Neuzeit ist gelungen!
Neue Zielgruppen für Dramen und Schauspiele sind notwendig
Anhänger von Hofmannsthal könnten eventuell zunächst enttäuscht sein, aber die Verbindung des klassischen Stücks zur Jetztzeit ist wichtig, um auch andere, junge Zielgruppen in Schauspiele oder Konzerte zu bekommen. Daher ist die neue Fassung von „Kölner Jedermann“ sinnvoll und gut. Die neue Version bringt ein grandioses und weltbekanntes Schauspiel auch neue und junge Besucher in die Theater – und davon hängt letztendlich auch das Weiterbestehen der Komödien, Dramen und Schauspiele ab. Dazu trägt auch das Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter, Unterstützer und Vorstandsmitglieder der „ad Erpelle Kunst- und Kulturkreis Erpel e.V.“ in hohem Maße bei.
