Allgemeine Berichte | 17.10.2018

Fachtagung „Kinder psychisch erkrankter Eltern“ in Meckenheim lockte 100 Teilnehmer an

Keine Angst vor Hilfe in psychiatrischen Krisen

10 Jahre „Fips“ als niedereschwelliges, unbürokratisches und für die Betroffenen kostenloses Angebot

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion. (V.l.) Max Dohm, Alexandra Wieschollek, Maria Digga, Beate Schöneborn und Elisabeth Wilhelmi-Dietrich.privat

Meckenheim. Rund 100 Teilnehmer aus den verschiedensten Bereichen sozialer und medizinischer Arbeit kamen am vergangenen Mittwoch zur Fachtagung „Kinder psychisch erkrankter Eltern“ in die Räume der Katholischen Familienbildungsstätte Meckenheim. Von der Erzieherin über den Kinderarzt und die Kinderärztin bis hin zur Altenpflegerin reichte die Spannbreite der Teilnehmer an der Veranstaltung des Sozialpsychiatrischen Zentrums Meckenheim (SPZ). Man wollte sich über das Thema informieren und gleichzeitig das zehnjährige Bestehen des Bereichsdienstes „Fips“ feiern – dieser kleine Name steht für eine große Sache, nämlich für niederschwellige, unbürokratische und kostenlose Hilfen für „Familien in psychischen Krisen“, denn dafür steht „Fips“.

Fast vier Millionen Kinder gibt es nach seriösen Schätzungen, die in Deutschland in einer Familie mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil leben, berichtete Referent Dr. Helmut Hollmann, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie Neuropädiatrie und Psychotherapeut, außerdem Chefarzt des Kinderneurologischen Zentrums der LVR Klinik Bonn. Ein großer Teil der psychischen Erkrankungen gehe mit Alkoholabhängigkeit einher, so Hollmann. „Gegen Nikotin gab es in den vergangenen Jahren eine groß angelegte, erfolgreiche Kampagne“, so Hollmann. Alkohol sei aber nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, der Übergang von Genuss zu Missbrauch oft schleichend und von den Betroffenen oft verleugnet. Er zeigte auf, dass es durch den „Ausfall“ des kranken Elternteils oft zu einer Umkehrung der Rollen komme: Das Kind übernimmt die Verantwortung für den Elternteil. Durch die damit einhergehende Überforderung können sich Verhaltensauffälligkeiten ebenso entwickeln wie dauerhafte psychische Krankheiten. Wichtig sei, sich so früh wie möglich Hilfe zu holen. Hollmann appellierte an die Teilnehmer, sich gut zu vernetzen und zusammenzuarbeiten – und vor allem achtsam zu sein und das Gespräch mit potenziell Betroffenen zu suchen. Dies sollte wertschätzend und vorsichtig geschehen. Wenn etwa der Eindruck des Alkoholmissbrauchs entstehe, könne man den Betroffenen in einem Vier-Augen-Gespräch behutsam darauf ansprechen und etwa fragen, wie es denn mit den Leberwerten stehe und vorschlagen, ein Gespräch über den Alkoholkonsum mit dem Hausarzt zu führen.

Fips - Familien in psychischen Krisen

Entstanden ist „Fips“ vor zehn Jahren, weil es einen deutlichen Bedarf gab, aber wenig einfach und unbürokratisch angebotene Hilfen, berichtete Monika Bähr, Vorsitzende des Katholischen Vereins für soziale Dienste (SKM), dem Träger des SPZ. Wie verbreitet psychische Krisen sind, zeigte nicht nur die Statistik, auch die Stellvertretende Bürgermeisterin von Meckenheim, Heidemarie Wiens, wies darauf hin, dass fast jeder in seinem Bekannten- oder Verwandtenkreis einen Betroffenen habe. Ein Problem sei, so Chefarzt Hollmann, dass man körperliche Verletzungen oder Krankheiten oft von außen erkennen könne und man dafür sogar Mitgefühl bekäme, psychische Erkrankungen aber häufig stigmatisiert würden. Dazu käme eine Angst vor einer „Kindeswohlgefährdungsfahndung“, die aber völlig unbegründet sei, so Hollmann: „Heutzutage wird versucht, gemeinsam mit und in der Familie Hilfe zu bieten, Kinder werden nur im äußersten Notfall aus der Familie entfernt, also wenn massive körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch vorliegt, der anders nicht verhindert werden kann.“ Auch die Angst vor dem Jugendamt sei unbegründet, berichtete Elisabeth Wilhelmi-Dietrich, Leiterin des Jugendhilfezentrums für Alfter, Swisttal und Wachtberg, in der Podiumsdiskussion: „Man darf sich nicht durch Extremfälle, die durch die Presse geistern, verängstigen lassen.“ Auf die Frage, wie man die Angst vor dem Jugendamt nehmen könne, antwortete sie: „Einfach Kontakt aufnehmen.“ Denn schließlich ginge es im Jugendamt darum, Familien zu unterstützen. Da dieser Schritt dennoch manchen schwerfällt, berichtete Alexandra Wieschollek, die „Fips“ maßgeblich mit aufgebaut hat und sowohl Examinierte Krankenschwester wie Diplom-Sozialarbeiterin ist, von ihrer Arbeit: „Wir bieten sehr niederschwellig verschiedene Angebote.“ Vom Erstkontaktgespräch über Besuche bei den Betroffenen zuhause über Elternfrühstücke, Begleitung nur in schwierigen Phasen oder durchgängig, Vermittlung anderer Hilfen, bis hin zu Kreativangeboten oder Videounterstütztes Coaching nach „Marte Meo“. Letzteres ist ein Angebot, was die zeitweise durch „Fips“ unterstützte Mutter Maria Digga besonders wertvoll fand: „Am Anfang ist es etwas komisch, dass eine Kamera dabei ist, aber das vergisst man bald.“ Man könne viel aus der Videoanalyse lernen, zumal das „Fips“-Team sich nicht auf die negativen Aspekte fokussiert, sondern auf die Dinge, die schon gut klappen und ausgebaut werden können. Auch haben die von „Fips“ unterstützten Mütter eine eigene WhatsApp-Gruppe gebildet, in der sie sich gegenseitig helfen und austauschen. Dipl.-Sozalpädagogin Beate Schönborn ist seit 1999 im SPZ tätig und war Mitglied in der Ursprungsplanungsgruppe von „Fips“. Auf die Frage des Moderators Tameer Gunnar Eden von der Eifeler Presse Agentur, der die Fachtagung ebenso unterhaltsam wie einfühlsam moderierte, was sie sich für ihre Arbeit wünsche, standen „größere Räume“ an erster Stelle. Die Finanzierung von „Fips“ sei glücklicherweise gesichert, wie Dr. Rainer Meilicke, Leiter des Gesundheitsamtes Rhein-Sieg-Kreis, berichtete: „Denn wir haben die anfängliche Projektfinanzierung in eine dauerhafte Finanzierung führen können.“ Max Dohmen bekam als Kind Unterstützung durch „Fips“ und studiert mittlerweile Jura in Bielefeld. Auch wenn es in seiner Kindheit nicht immer leicht war, betonte er: „Trotz ihrer Erkrankung hat meine Mutter mir viel gegeben und es gut mit mir gemeint – mit Erfolg, denn ich habe meinen Weg gemacht.“ Auch er gab den Tipp, offen mit dem Thema umzugehen, sich Unterstützung und ein förderndes Umfeld zu suchen, beispielsweise im Sportverein oder, wie in einem auf der Tagung gezeigten Film mit dem Titel „Wir sind hier“, in der Jugendfeuerwehr.

Kontakt und weitere Informationen

Menschen, die Unterstützung wegen psychiatrischer Krisen in der Familie benötigen oder das Netzwerk von „Fips“ unterstützen möchten, können sich an folgende Kontaktmöglichkeiten wenden: SPZ Meckenheim, Adolf-Kolping-Straße 5, 53340 Meckenheim, Tel.: (0 22 25) 99 97 61 1, E-Mail: spz@skm-rhein-sieg.de, www.skm-rhein-sieg.de.

Katholischer Verein für soziale

Dienste im Rhein-Sieg-Kreis e. V.

Die Veranstaltung des Sozialpsychiatrischen Zentrums Meckenheim lockte zahlreiche Besucher an.

Die Veranstaltung des Sozialpsychiatrischen Zentrums Meckenheim lockte zahlreiche Besucher an.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion. (V.l.) Max Dohm, Alexandra Wieschollek, Maria Digga, Beate Schöneborn und Elisabeth Wilhelmi-Dietrich.Fotos: privat

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