Die Kulturbühne Bad Breisig präsentiert „Gefährliche Liebschaften“
Lesung bei Kerzenschein schlug in den Bann
Cynthia Thurat und Ronald Schober eröffneten mit ihrer überzeugenden Darbietung die achteTheater-Spielzeit
Bad Breisig. Hat ein Sittengemälde aus dem 18. Jahrhundert heutigen Kulturfreunden noch etwas zu sagen? Das kann mit „Ja“ beantwortet werden, wenn es um zeitlose menschliche Untiefen geht, die wie eh und je Schicksale zum Schlingern bringen.
1782 erschien der Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos. Bis zur Französischen Revolution erlebte er mehrfache Auflagen und wurde bereits 1783 ins Deutsche übersetzt. Er gilt als ein Hauptwerk der französischen Literatur, das sich vollends den Themen Verführung, Unmoral und Ausschweifungen der sogenannten guten Gesellschaft vor dem Ausbruch der Französischen Revolution widmet. Choderlos de Laclos deckt darin meisterhaft die Mechanismen der Verstellung auf im Spannungsfeld zwischen Berechnung und wahrem Gefühl.
Eröffnung der achten Theater-Spielzeit
Im Jugend- und Kulturbahnhof eröffnete der wahrhaft langlebige Stoff der Liebschaften vor vollen Reihen die achte Theater-Spielzeit. Und die Besucher wurden nicht enttäuscht. Es gibt Umsetzungen des Romans als Theater, Tanzstück, Musical und den bekannten Film mit Glenn Close und John Malkovich in den Hauptrollen des intriganten Adelspaares. In Bad Breisig jedoch kam allerdings eine Lesung bei Kerzenschein zur Aufführung, der es an nichts mangelte. Die spärlich erhellte Bühne, zwei Tischchen, ein von Briefseiten übersäter Boden – mehr brauchten Cynthia Thurat und Ronald Schober als Marquise de Merteuil und Vicomte de Valmont nicht, um, einander abwechselnd, in immer neuen Spielarten ihr intrigantes Gift zu versprühen. Denn das Wort allein, vorzüglich zur Geltung gebracht durch die Schauspieler, trug das von Bösartigkeit getränkte Geschehen. Vom Start weg und bis zum Ende ohne irgendwelche Einbrüche waren die beiden hoch präsent und in ihrer hervorragenden Artikulation und Betonung glaubwürdige Protagonisten.
Verderbtheit zu zweit
Nur mit sich selbst beschäftigt und ihrer dekadenten Lust, die niedrigsten Begierden mit immer ausgefeilteren Ränken zu befriedigen, tun sich die Marquise und ihr Ex-Liebhaber zusammen. Sie drängt ihn, die Klosterschülerin Cécile zu entjungfern, um sich am Comte de Gercourt zu rächen, der sie verließ, um das Mädchen zu heiraten. Es müsse nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn dies dem Vicomte, bekannt als Verführer von ganz Paris, nicht gelänge. „Das Dingelchen ist erst 15 Jahre alt“, allerliebst, ohne Charakter, ohne Geist, aber von natürlicher Falschheit, preist sie Cécile perfide wie eine Ware an. Doch die kleine Unschuldige ist dem Vicomte eine gar zu leichte Beute. Lieber will er die tugendhafte, verheiratete Madame de Tourvel verführen, in die er verliebt ist. Sogleich verhöhnt die Marquise, ganz Domina taugliches Biest, solche Ambitionen: „Wenn eine Frau dermaßen verknöchert ist, soll man sie dabei belassen.“ Sie zieht alle Register ihn gefügig zu machen. So treibt sie ihn zur Eifersucht, indem sie ihm die Wonnen mit ihrem derzeitigen Gespielen ausmalt. Dann lockt sie ihn, sich selbst als Belohnung versprechend. Denn de Valmont ist ihr immer noch verfallen.
Auf dem Altar dieser Obsession opfert er willig den Rest echten Gefühls, schildert der Marquise eitel die Einzelheiten seiner Verführungskunst, die Madame de Tourvel zusetzt. Nebenbei und eingefädelt durch ausgeklügelte Manipulation nimmt er der Klosterschülerin, die ihrerseits für den Musiklehrer Danceny schwärmt, die Unschuld, wie er süffisant zum Besten gibt. Denn plötzlich hat auch er ein Rache-Motiv, fand er doch heraus, dass es Madame de Volanges, die Mutter von Cécile war, die „seine“ Madame Tourvel vor ihm gewarnt hat.
Finale mit Verlierern
Im Schlagabtausch zogen die gewieften Vorleser das Publikum in ein immer dichteres Netz der Intrigen. In dem Theater der Sinnlichkeit und Gefühle, das die Marquise und de Valmont heraufbeschwören, ziehen sie die Fäden und degradieren alle anderen zu Marionetten. Darin besteht der eigentliche Hochgenuss der teuflischen Verführer. Ein wenig gehen sie aber auch den eigenen Empfindungen auf den Leim. Nachdem durchtriebene Spiele die Opfer entehrt haben, verfangen sich die Verbündeten in den Fallstricken ihres Kalküls: de Valmont entwertete sein Faible für die Tugendhafte. Gekränkt und erzürnt über genau diese Gefühle des Vicomte für Madame Tourvel - „Ihr liebtet sie und liebt sie immer noch“ – verweigert sich ihm die Marquise de Merteuil. Danceny ist ihr neuer Galan, mag der Vicomte noch so sehr auf sein „Vorzugsrecht“ pochen.
Er verliert mehr als das: Im Duell mit Danceny haucht er sein Leben aus. Der Verlierer sind gar viele am Ende des Romans und der spannend-unterhaltsamen Stunden im Kulturbahnhof: Cécile geht ins Kloster, Madame de Tourvel ereilt geistige Umnachtung und die Marquise verliert ihr gesellschaftliches Ansehen, und ihre Schönheit, da die Blattern bei ihr ausbrachen. „Man sagt, sie trage jetzt ihre Seele im Gesicht“
. HG
