Orgelkonzert in Ollheim zum Start des Beethoven-Jubiläumsjahres 2020
Ludwig van Beethovens Sinfonien sind als Reden an die Menschheit geschrieben
Markus Eichenlaub, der Domorganist des Speyrer Domes, ließ die bedeutende König-Orgel aus der Zeit Beethovens erklingen
Ollheim. Das „Festival OrgelKultur im Rhein-Sieg-Kreis“ startete am Sonntagabend mit dem ersten Orgelkonzert des Beethoven-Jubiläumsjahres 2020 in der Pfarrkirche Sankt Martinus zu Ollheim. In der bis zum letzten Platz gefüllten Kirche ließ Markus Eichenlaub, Domorganist des Speyrer Domes, die bedeutende König-Orgel aus der Zeit Beethovens erklingen. Landrat Sebastian Schuster erinnerte in seiner Begrüßung daran, dass Ludwig van Beethoven selbst in jungen Jahren im heutigen Rhein-Sieg-Kreis die Orgel gespielt habe. Schuster freute sich schon auf das Konzert, denn er wusste: „Unberührt lassen uns Orgelklänge nie, Orgelklänge sind Heimatklänge der besonderen Art.“
Wie die Drehorgel eines Leierkastenmannes
Zuvor schon hatte Eichenlaub das Publikum mit dem „Präludium durch alle Dur-Tonarten“ Opus 39,1 von Ludwig van Beethoven (1770-1827) eingestimmt, ein Werk, das Beethoven mit 19 Jahren geschrieben hatte und das von Marcel Dupré (1886-1071) eingerichtet worden war. Musikalisch tänzelte er dabei durch alle Tonarten, ohne dass es der Zuhörer so richtig mitbekam. Wie die Drehorgel eines Leierkastenmannes klang die im Jahre 1768/9 erbaute König-Orgel, die ursprünglich im Kloster Schillingscapellen bei Dünstekoven beheimatet war, beim witzigen Ausschnitt aus „Fünf Stücke für Flötenuhr“, das Beethoven 1799 geschrieben hatte und das von Severin Zöhrer (*1986) für Orgel umgesetzt worden war.
In seinen spirituellen Impuls ging Monsignore Christoph Biskupek, Pfarrer an Sankt Franziskus von Assisi in Erkrath-Hochdahl, der Frage der Erfahrbarkeit Gottes in der heutigen Zeit nach. Der göttliche Namen sei leider in Vergangenheit und Gegenwart allzu oft instrumentalisiert worden, „Gott“ sei der beladenste aller Ausdrücke, keiner sei so besudelt und zerfasert worden. Doch er war überzeugt, dass man dem Wort Gottes seine ursprüngliche Faszination wieder zurückgeben könne. Wenn auch nicht unbedingt in der Liturgie aus Aushängeschild und Mutterboden des Glaubens, denn die liturgische Sprache sei ein gravierendes Problem bei der Vermittlung der Gotteserfahrung. Doch mit Peter Kuzmic wusste Biskupek: „Hoffnung ist die Fähigkeit, die Musik der Zukunft zu hören. Glaube ist der Mut, in der Gegenwart danach zu tanzen.“
Kaleidoskopartige Klangfarben
Aus dem bekannten Lied „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ – im französischen Original „Ah, vous dirai, je, Maman“ – hatte Beethovens Zeitgenosse Christian Heinrich Rinck (1770-1846) neun überaus unterschiedliche Variationen zusammengestellt und dazu noch ein beeindruckendes Finale komponiert. In kaleidoskopartigen Klangfarben demonstrierte Eichenlaub mit diesem Werk, wie vielseitig die Ollheimer Kirchenorgel klingen kann, von leise, bescheiden und schüchtern bis gewaltig, dramatisch und Ehrfurcht gebietend.
Die in Ollheim geborene Musikwissenschaftlerin Dr. Marie Luise Maintz zeigte die zahlreichen Querverbindungen zu Beethoven auf, die in den vorgestellten Musikstücken enthalten waren. Es sei nicht ganz ausgeschlossen, dass Beethoven selbst einst auf diesem Instrument gespielt habe, als es noch in Schillingscapellen stand, denn als Elfjähriger hatte er bereits seine erste feste Anstellung als zweiter Hoforganist und verdiente einige Jahre lang seinen Lebensunterhalt mit dem Orgelspiel in den Gotteshäusern rund um Bonn. Maintz machte deutlich, dass der Organist der Freieste aller Musiker sei, denn er könne jedes Mal die Klangfarbe seines Instrumentes neu erfinden. Nach Beethoven sei die Musikwelt jedenfalls nicht mehr dieselbe gewesen, denn er habe mit seinen Werken Ideen politischer, philosophischer oder humanistischer Art transportiert. „Seine Sinfonien sind als Reden an die Menschheit geschrieben.“
Diesseits und Jenseits werden zusammengeführt
Das Thema aus der neunten Sinfonie Beethovens, „Alle Menschen werden Brüder“, hatte der zeitgenössische Komponist Bert Koelewijn (*1953) in einer Reihe von überaus unterschiedlichen Variationen verarbeitet. Eichenlaub holte auch hier alles aus dem über 250 Jahre alten Instrument heraus, bis hin zu historischen Landsknecht-Tänzen.
Nun beleuchtete Heiner Meurs, Geschäftsführender Vorsitzende des Kirchenvorstands von Sankt Martinus, den 1906/07 errichteten neoromanischen Ollheimer Kirchenbau als „Abbild des Himmels“.
Architektonisch wer hier das endliche und unvollkommene Diesseits mit dem unendlichen und vollkommenen Jenseits zusammengeführt.
Mit einem pulsierenden Rag für Orgel von Andreas Willscher (*1955) mit dem Titel „My Beethoven“ schloss Markus Eichenlaub den musikalischen Teil des Abends mit Anklängen an „Für Elise“, fröhlich-beschwingt wie eine Buster-Keaton-Filmmusik. Stehende Ovationen des Publikums veranlassen ihn zu einer grandiosen Zugabe mit allem, was die Ollheim Orgel zu bieten hat, bevor Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner zum Empfang im Dorfhaus einlud.
JOST
Markus Eichenlaub, der Domorganist des Speyrer Domes, ließ die bedeutende König-Orgel aus der Zeit Beethovens in der Pfarrkirche zu Ollheim erklingen. Foto: Volker Jost

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