Unkelbacher verdeutlichten ihren Unmut über die Maßnahmen zum Hochwasserschutz bei der Informationsveranstaltung
Maßnahme für die Regenrückhaltung oberhalb Unkelbachs nicht in Sicht
Maßnahme zur Renaturierung des Unkelbachs stark angezweifelt
Unkelbach. Eine Informationsveranstaltung für die Bürger von Unkelbach sollte es werden. Infos von der Stadt und den beteiligten Büros über die Renaturierung des Unkelbachs in der Ortslage Unkelbach sollte es geben. Viel zu spät zwar, wie Bürgermeister Björn Ingendahl entschuldigend gegenüber der Bevölkerung erkennen ließ.
Erkennbar wurde aber in jedem Fall, dass die Renaturierung des Unkelbachs auf 310 Metern Am Mühlenweg 19 bis 39 kaum etwas an der Situation bei Starkregen im Bereich Unkelbach verbessert. Ist diese Renaturierung zwar ein Teil des Hochwasserschutzkonzeptes, so scheint sie an der Lage bei Starkregen nur wenig zu verändern. Allerdings gibt es für diese Maßnahme eine 90-prozentige Landesförderung innerhalb der „Aktion Blau“.
Deutlich erkennbar war der Unmut der Bürger, warum diese Renaturierung nun stattfinden solle, während das Wasser bei Starkregen von oberhalb von Unkelbach kommt. Da gehöre eine Regenrückhaltung hin, um den Ort und seine Bewohner zu schützen, so die Bürger. Letztlich gab es eine ganze Reihe von Wortbeiträgen, die nicht nur vehement die Rückhaltung der Wassermassen von Oedingen kommend forderten, sondern auch stark die geplante Maßnahme am Unkelbach anzweifelten. Die Zweifel gingen sogar so weit, dass von der Einschaltung der Staatsanwaltschaft die Rede war. Die Maßnahme könne deutlich günstiger und ohne so viele Einschnitte in die Natur, sogar vom Bauhof der Stadt, erledigt werden.
Gut 100 Bürger waren zu der Infoveranstaltung gekommen. Aufgrund der Coronamaßnahmen mit Mundschutz, Abstand und schriftlicher Anmeldung begann die gut zweistündige Veranstaltung mit 20 Minuten Verspätung. Bürgermeister Ingendahl dankte den Bürgern für die Geduld und die Umständlichkeit wegen der Corona-Pandemie und dankte dem Ortsbeirat und der Hallengemeinschaft. Sein Gruß galt besonders den Beigeordneten Rita Höppner und Rainer Doemen, Bauamtsleiter Gisbert Bachem, Frank Nelles von der Bauverwaltung, Kämmerer und stellvertretendem Büroleiter Marc Göttlicher, Ortsvorsteher Egmond Eich, Stadtwehrleiter Ingo Wolf, sowie der Projektleiterin vom Planungsbüro Becker, dem Wasserwirtschaftler Dr. Martin Keding, ebenfalls vom Büro Becker und Patrick Sehy vom Landschaftsplanungsbüro Wilhelm.
Sinn und Zweck der Maßnahme vermitteln
Bürgermeister Ingendahl, der die Infoveranstaltung moderierte, betonte, dass die Veranstaltung den Sinn und Zweck der Maßnahme 14 aus dem Hochwasserschutzkonzept vermitteln solle. Bereits im Oktober 2018 und im November 2018 sei diese Maßnahme vom Bauausschuss und vom Stadtrat verabschiedet worden. Diese Maßnahme habe nichts mit dem Baugebiet Alter Garten zu tun. Die Ziele würden 1:1 den Vorgaben der „Aktion Blau“ entsprechen, so dass es eine 90-prozentige Landesförderung hierfür gebe. Der Gewässer- und Naturschutzzustand am Unkelbach sei hinterher besser.
„Keiner ist an einer Maßnahme interessiert, die nichts nützt“, betonte Ingendahl. In Zukunft würden die betroffenen Bürger solcher Maßnahmen frühzeitiger informiert, versprach der Stadtchef.
Dorothea Weber vom Büro Becker erläuterte die Renaturierungsmaßnahme. Die Förderfähigkeit sei festgestellt worden vor Ort. Die Untere und Obere Wasserbehörde habe den Bereich besichtigt. Eine naturnahe Gestaltung mit Bachanhebung auf den 310 Metern bis zu in der Spitze auf 1,50 Meter solle erreicht werden. Sohle und Böschungen sollen gesichert werden. Damit wolle man eine bessere Durchgängigkeit des Baches erreichen und unter Einbezug des Umfeldes die Erosion stoppen.
Die tief erodierte Bachsohle solle durch Steinschüttungen angehoben werden, damit Bäume und Sträucher wieder angebunden seien.
Eine Zufahrt müsse hergestellt und der Zufahrtsweg mit Vlies und Schotter, die später wieder entfernt werden, geschützt werden. Schneisen zum Bach müssten für die Materialeinbringung müssten geschaffen werden. Die neue Sohle solle mit Wasserbausteinen geschützt werden, um ein Versickern des Wassers zu verhindern. Die Böschung solle durch Blocksteine abgesichert werden.
„Wir schaffen so eine durchgehende Gewässerlage“, so Dorothea Weber. Patrick Sehy erläuterte die artenschutzrechtlichen Untersuchungen und Bewertungen. Er nannte eine Reihe von geschützten Tierarten, wie unter anderem die Haselmaus, einige Vögel und Frösche, auch den Grasfrosch.
Die Abschüttungen dürften nur zwischen dem 15. Mai und dem 30. September erfolgen.
Immer wieder kam aber die Frage nach den Rückhaltemaßnahmen zwischen Oedingen und Unkelbach auf die Tapete. Warum eine solche Maßnahme am Bach und nicht vorher schon eine Rückhaltemaßnahme oberhalb von Unkelbach. Stefan Kirwald verdeutlichte die Wassermassen die bei Starkregen über den Ort rollen.
Kompetenz-Ping-Pong
Bürgermeister Ingendahl machte deutlich, dass es sich um zwei unterschiedliche Maßnahmen handele. Die Zuständigkeiten zwischen unterer und oberer Wasserbehörde seien auch vier Jahre nach dem letzten Starkregen noch nicht geklärt. „Das ist ein Kompetenz-Ping-Pong zwischen der unteren Wasserbehörde des Kreises und der oberen Wasserbehörde bei der Struktur- und Genehmigungsbehörde Nord“, betonte der Stadtchef. Ingendahl versprach in drei Wochen beim Gespräch mit dem Direktor der SGD Nord erneut auf eine Lösung des Problems zu drängen.
Dr. Martin Keding sagte als Wasserwirtschaftlicher noch deutlich stärkere Starkregen voraus. Das Projekt zur Regenrückhaltung oberhalb von Unkelbach müsse schon ein sehr großes Projekt sein. „Bis Ende des Jahres werden wir eine Berechnungsgrundlage erstellt haben“, so Keding.
Walter Jung dankte für die Informationen, die der Bevölkerung gefehlt hätten. Er mahnte jedoch auch an, dass die Stadt verpflichtet sei, den Bach im Ort sauber zu halten. Man müsste über ein Konzept der Sauberhaltung nachdenken, in die auch die Bürger mit einbezogen werden könnten. Auch das Reinigen der Rohre mit einem Saugbagger wurden noch angesprochen. Bürgermeister Ingendahl hob hervor, dass sich die Stadt um die Reinigung des Bachlaufes und der Rohre kümmern werde.
Reinhold Langen, Landschaftsarchitekt und unter anderem öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Natur-, Landschafts- und Artenschutz ging noch deutlich weiter. Er zweifelte die komplette Maßnahme an, insbesondere wegen des Lehmuntergrundes. Auch der Artenschutz sei unvollständig geprüft. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung würde scheitern, weil nicht geprüft sei, ob es eine geeignetere und günstigere Maßnahme gebe. „Lassen sie diese Maßnahme ganz sausen. Was Not tut ist die Rückhaltung von Oben“, so Langen, der die Konzepte der Büros zutiefst anzweifelte. Man könne nicht einfach 1000 Tonnen Steine in den Bach schütten, um mit entsprechender Gefährdung des Pflanzen- und Tierlebens den Bach eineinhalb Meter anzuheben. Mit Robinienholzpalisaden könne man dies deutlich besser, umweltverträglicher und wesentlich günstiger erreichen. In Richtung Bürgermeister fügte er gar eine Drohung hinzu. Als Bauherr und Verantwortlicher solle er sich nicht wundern, wenn der Staatsanwalt anrücken und die Bagger stoppen würde. Der Experte vom Naturschutzbüro räumte daraufhin ein, dass es noch mehr Tiere geben könnte. Die Projektleiterin des Büros Becker versprach, den Ausbau mit Holzpalisaden noch einmal zu prüfen.
Der Wasserwirtschaftler Dr. Martin Keding warnte letztlich davor, sich allzu viel von einer Wasserrückhaltung zu erhoffen. Bei extremen Wetterbedingungen werde das Problem nicht mit einer Rückhaltemaßnahme geregelt sein. „Es ist ein Trugschluss, dass sich die Leute unten sicher fühlen können, wenn oben eine Regenrückhaltemaßnahme getroffen ist“, so Keding.
Nun werden erst einmal alle ihre getroffenen Maßnahmen und Arbeiten überprüfen: der Bürgermeister mit der Bauverwaltung und auch die Ingenieurbüros. Ob dann noch in diesem Jahr eine Maßnahme am Unkelbach beginnt, ist zu bezweifeln. Bleibt noch, abzuwarten, wann das Kompetenzgerangel zwischen unterer und oberer Wasserbehörde entschieden ist und Rückhaltemaßnahmen oberhalb von Unkelbach auf den Weg gebracht werden können. AB
Die Informationsveranstaltung war gut besucht.
