Allgemeine Berichte | 12.07.2023

Landwirte, Kommunen, Wissenschaftler und Naturschützer arbeiten zusammen

Mehr Flächen für den Artenschutz

Bepflanzter Wegrain aus dem Projekt „Vernetztes Rainland“. Foto: Lukas Lindenberg

Region. Im Projekt „Vernetztes Rainland“ haben sich verschiedene Interessengruppen für den Artenschutz starkgemacht. Unter der Leitung von Prof. Dr. Wiltrud Terlau und ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Silvia Berenice Fischer vom Internationalen Zentrum für Nachhaltige Entwicklung (IZNE) der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS) kamen in der Zeit von August 2021 bis Ende 2022 Landwirte, Kommunen und Naturschützer aus dem Rheinland zusammen, um Lösungen für mehr Artenschutz in der Landwirtschaft zu finden und erste Wegraine neu anzulegen.

Für die, intensiv landwirtschaftlich genutzte, linksrheinischen Kulturlandschaft sollten in dieser Projektphase konkrete Implementierungsmaßnahmen zum Erhalt und zum effektiven Schutz von Arten sowie ein überzeugendes Kooperationsmodell, das alle Akteure einbezieht, entstehen. In sechs linksrheinischen Kommunen des Rhein-Sieg-Kreises (darunter Swisttal, Bornheim, Alfter, Rheinbach, Meckenheim und Wachtberg) wurden außerdem Wegraine neu angelegt, um die Biodiversität zu erhöhen ohne die landwirtschaftliche Produktion einzuschränken. So kann der Artenschutz in der Region gestärkt werden.

Finanzieller und inhaltlicher Projektträger ist der „ETN- Europäischer Tier- und Naturschutz e.V.“, vertreten durch die Präsidentin des Vereins, Frau Dr. Tondorf und die Projektleiterin, Frau Vasbender. Zudem besteht neben der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg eine Kooperation mit der Biologischen Station im Rhein-Sieg-Kreis e.V., die die naturwissenschaftliche Begleitung und praktische Umsetzung übernimmt. Das Projekt läuft noch bis 2027 weiter, der Teilbereich der Hochschule, in dem es insbesondere um den Austausch mit Stakeholdern und Kommunen ging, ist seit Ende 2022 abgeschlossen.

Zum Ende der Projektphase mit der H-BRS sind viele Ideen und Ergebnisse entstanden.

Doch wie genau sehen diese aus?

Zwei kurze Interviews mit Prof. Dr. Wiltrud Terlau (IZNE) und Dr. Rita Tondorf (ETN) geben Einblicke in die Hintergründe und Details des Projekts sowie einen Ausblick in die Zukunft des Artenschutzes:

H-BRS: Frau Prof. Dr. Wiltrud Terlau, was waren die Motivationsgründe, an diesem Projekt teilzunehmen?

Wiltrud Terlau: Die Zusammenarbeit mit dem ETN und der Biostation und natürlich mit den am Projekt beteiligten Akteur:innen sehen wir als eine Chance für unsere Arbeiten. Eines unserer Schwerpunkte der letzten Jahre ist das Thema der Biodiversität mit den Herausforderungen für die relevanten Akteure, ihren Interaktionen und Perspektiven auf das Thema. In diesem Sinne ist das Projekt „Vernetztes Rainland“ ein hervorragendes Beispiel für das Bemühen, diese Fragen zu beantworten.

H-BRS: Wurden bereits konkrete Fragen beantwortet?

Terlau: Vorab wurde eine Studie mit Hilfe der sog. Q-Methode durchgeführt. Diese umfasst Literaturrecherchen, Expertenbefragungen und Umfragen der lokalen Stakeholder (Landwirte, Kommunen, Naturschützer, Wissenschaftler), indem Aussagen zum Insektenschutz in der Landwirtschaft nach ihren Prioritäten bewertet wurden. Diese Methode ermöglichte es uns, die unterschiedlichen Perspektiven der Stakeholder auf die Kommunalen Wegraine zu ermitteln. Als Ergebnis wurden zwei Perspektiven als vorrangig für die Stakeholder identifiziert: A) die Perspektive auf insektenfreundliche Schutzmaßnahmen und B) die Perspektive auf die Pflege und Vermeidung negativer Auswirkungen. Die erste Perspektive legt den Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit zwischen den lokalen Behörden und den Landwirten als wichtigen Aspekt bei der Umsetzung von Maßnahmen für die Wegraine und die Rolle, die die Wegraine bei der Erhaltung der Artenvielfalt und der Schaffung von Lebensräumen für verschiedene Arten spielen. Sie erkennen die Rolle von Insekten in Ökosystemen und den Beitrag von Wegrainen bei der Verbesserung des Biotopverbundes an. Die zweite Perspektive betont hingegen die Bedeutung technischer Aspekte. Zu nennen sind beispielsweise die Pflege der Wegraine und die Vermeidung negativer Auswirkungen auf die angrenzenden Anbauflächen, wie verzögerte Reifung und Beschattung, sowie den Einsatz der auf den Wegen eingesetzten Mähmaschinen. Die Stakeholder betonten auch, dass die Umsetzung dieser Maßnahmen nicht mit wirtschaftlichen Nachteilen und negativen Folgen für die Landwirte/Landbesitzer verbunden sein sollten.

Die Ergebnisse dieser Studie bildeten die Basis für die Entwicklung einer Kommunikationsstrategie für das Projekt. Letztere unterstützt und erleichtert den weiteren Dialog mit den lokalen Stakeholdern und wurden bereits in einem ersten Workshop präsentiert. Sie umfasst auch die Entwicklung von Materialien für soziale Medien.

H-BRS: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Stakeholdern gestaltet und wie wichtig ist sie für den Erhalt der Diversität?

Terlau: Wir haben uns sehr gefreut, mit einer aktiven und offenen Gruppe von Akteuren zusammenzuarbeiten, die sich für das Projekt interessieren und aktiv an der praktischen Umsetzung des Projekts mitarbeiten und gleichzeitig an unseren Umfragen und Diskussionen mitwirken. Die Rolle, die sie bei der aktuellen und weiteren Umsetzung des Projekts spielen, ist von entscheidender Bedeutung. Wir sehen ein großes Potenzial für die Entwicklung einer innovativen Art der Zusammenarbeit, insbesondere zwischen Landwirten und Kommunen.

H-BRS: Welche Hürden gab es, welche positiven Erkenntnisse?

Terlau: Unsere Zusammenarbeit begann auf dem Höhepunkt der Pandemie. Die Organisation von Präsenztreffen mit den Teammitgliedern und den beteiligten Akteuren wurde dadurch erheblich erschwert. Stattdessen erfolgte der Einsatz digitaler Tools für die Kommunikation und die Datenerhebung (z. B. Online-Umfragen). Zudem haben wir für diese sehr vielfältige Stakeholder-Gruppe verschiedene Kommunikations- und Informationskanäle gewählt und erfolgreich einen Dialogworkshop für die weiteren Aktivitäten des Projekts durchgeführt.

H-BRS: Was war Ihr persönliches Highlight?

Terlau: Wie aus einer Idee, nach einigen und auch durchaus langwierigen Hürden, sich ein erfolgreiches Projekt entwickelt, an dem alle engagiert mitwirken. Und insbesondere die Diskussionen innerhalb des Stakeholder-Workshops waren sehr spannend. Wir hatten die Gelegenheit, die Meinungen der verschiedenen Akteure zu hören: Landwirte, Kommunen, Naturschutz und Wissenschaft saßen an einem Tisch. Alle Teilnehmer sprachen aus ihren praktischen Erfahrungen und es gab den Konsens bei der Umsetzung insektenfreundlicher Maßnahmen in der Region voranzukommen. Hier nochmals vielen Dank an alle Teilnehmer!

H-BRS: Und Frau Dr. Rita Tondorf, wie ist die Idee zum Projekt eigentlich entstanden?

Rita Tondorf: Die Projektidee stammt von mir bzw. dem ETN. Das Projektgebiet entstand in ersten Gesprächen mit der Kreisverwaltung. Die Idee, die Hochschule und die Biologische Station mit als Kooperationspartnerinnen ins Boot zu holen, kam ebenfalls von mir.

H-BRS: Welche positiven Effekte hat und hatte das Projekt bereits aus Ihrer Sicht?

Tondorf: Der wichtigste Aspekt ist natürlich, dass Maßnahmen zum Insektenschutz getroffen werden. Als großen Erfolg werte ich, dass der gesamte linksrheinische Rhein-Sieg-Kreis beteiligt ist. Ein so großes Gebiet mit so vielen Akteuren ist nicht selbstverständlich.

H-BRS: Welche Herausforderungen gab es?

Tondorf: Eine riesige Herausforderung lag bzw. liegt sicherlich in der Kommunikation. Die Ziele des Projektes zu vermitteln, deutlich zu machen, dass es gemeinsam gehen soll, Ängste zu nehmen und Vorteile aufzuzeigen. Verschiedene Aktuer:innen und deren unterschiedliche Interessen zusammen zu führen. Allein die Zusammenführung von 6 Kommunen mit unterschiedlichen Verwaltungen und politischen Entscheidungsträgern war sportlich.

H-BRS: Wie war bisher die Zusammenarbeit mit der H-BRS und der Biostation?

Tondorf: Die Zusammenarbeit läuft hervorragend. Wir sind sehr glücklich, dass die H-BRS ihre Fachlichkeit ins Projekt eingebracht hat. Darüber hinaus wurden nächste Schritte oder die Bewertung von Situationen mit einer gegenseitigen Bereicherung entwickelt.

Auch mit der Biostation läuft es sehr gut. Die Mitarbeiterin und der Mitarbeiter bringen das Fachwissen für die Maßnahmen mit. Die Stellen werden vom ETN finanziert. Dadurch, dass beide bei der Biostation angedockt sind, kann deren gesamter Hintergrund mit genutzt werden. Außerdem haben beide einen hervorragenden Zugang zu den Landwirt:innen.

H-BRS: Wie viele Flächen konnten bisher durch das Projekt aufgewertet werden, wie viele sollen es am Ende sein?

Tondorf: Laut der Biologischen Station wurden bisher in etwa fünf bis sechs Gemeinden Wegraine neu angelegt. Insgesamt konnten schon 32 Raine eingesät werden, die Kartierung der Wegraine wird parallel durchgeführt. Wie viele Wegraine am Ende der Projektzeit neu eingesät sein werden ist jetzt noch nicht abzusehen, denn das Projekt läuft noch bis 2027.

H-BRS: Konnten Implementierungsmaßnahmen zum Erhalt und Schutz der Artenvielfalt erfolgreich umgesetzt werden?

Tondorf: Die ersten Flächen wurden 2022 eingesät, dieses Frühjahr folgen weitere. An einigen Stellen wie Rheinbach gab es Verzögerungen durch das Hochwasser. Die Entwicklung in diesem Jahr wird zeigen, welche Auswirkungen der extrem trockene Sommer 2022 hatte. Aber: ja, jede eingesäte und der Natur zurückgegebene Fläche ist ein Erfolg. Und viele Flächen werden in diesem und den nächsten Jahren folgen. Aber ob sich die eingesäten Pflanzenarten etablieren können oder wie lange sie sich halten, kann erst einige Jahre nach der Einsaat bewertet werden.

H-BRS: Was bleibt für die Zukunft?

Tondorf: Zum einen ist das Projekt auf eine Laufzeit von mindestens sieben Jahren angesetzt. Es werden also noch viele Flächen folgen. Diese sind zu „sichern“, das heißt, auf die Dauer zu erhalten und zu pflegen. Auch das ist ein wichtiger Baustein der Zukunft. Diese Form eines räumlich umfassenden Projektes mit einem Schwerpunkt auf der Kommunikation soll auch ein Modell für andere Projekte im Bundesgebiet sein. Und ein Erfolg motiviert andere an anderen Stellen. Für eine hoffentlich insektenfreundlichere Zukunft.

Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Wiltrud Terlau.

Wiltrud Terlau.

Dr. Rita Tondorf. Fotos: H-BRS

Dr. Rita Tondorf. Fotos: H-BRS

Bepflanzter Wegrain aus dem Projekt „Vernetztes Rainland“. Foto: Lukas Lindenberg

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