50 Jahre Telefonseelsorge Koblenz
„Miteinander da sein – mit allen Sinnen“
Koblenz. 1966 erblickte die „Telefonseelsorge Koblenz“ das Licht der Welt. Seitdem evangelische und katholische Kirche mit im Boot sitzen, wird sie als ökumenische Einrichtung betrieben. Ihr 50-jähriges Jubiläum feierte die „TelefonSeelsorge Mittelrhein“ (TSM), wie sich der Dienst seit 2010 nennt, jetzt mit einem ökumenischen Festgottesdienst in der City-Kirche und einem Festakt im Historischen Rathaussaal Koblenz.
Mithilfe der Klanggewalt der Big Band des Görres-Gymnasiums, die den Festakt untermalte, ihn mit „Rikki, don’t lose that number“ stimmig eröffnete, nutzte der Verein die Gelegenheit, einmal aus der Anonymität hervorzutreten und lautstark und selbstbewusst auf seine Arbeit aufmerksam zu machen. Dr. Doris Caspers, Vorsitzende des Vereins TelefonSeelsorge Mittelrhein, sagte: „Wir wollen zeigen, dass wir Menschen mit Herz und Verstand sind und dass wir stolz sind auf diesen Dienst mit seinen gut ausgebildeten und engagierten Telefonseelsorgern“. Der Verein ist einer der drei Träger der TSM. Die beiden anderen sind das Bistum Trier und der evangelische Kirchenkreis Koblenz.
80 Ehrenamtler arbeiten für die TelefonSeelsorge Mittelrhein
Als Abgesandter des Bistums wandte sich der Diözesanbeauftragte für die Telefonseelsorge, Dirk Hennen, an die geladenen Gäste. Und für den Kirchenkreis überbrachte Superintendent Rolf Stahl Grußworte. Stahl führte zudem durch das Programm. Als ein „gut vorzeigbares Projekt der Ökumene“ bezeichnete Oberbürgermeister Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig die TSM. Denn schließlich sei, wenn Menschen in Not sind, die Konfession unwichtig und nur die erbrachte Hilfe entscheidend. Er zollte der Leistung der rund achtzig Ehrenamtler, das 24-Stunden-Angebot an jedem Tag des Jahres vorzuhalten, großen Respekt.
In Vertretung von Landrat Dr. Alexander Saftig wohnte Rolf Schäfer, Kreisbeigeordneter des Landkreises Mayen-Koblenz, dem Festakt bei. Auch er lobte die TSM, deren Motto „Miteinander da sein – mit allen Sinnen“ lautet, für ihr stets offenes Ohr, das sie den Menschen leiht, die sich schutz- und hilflos fühlen, sich in einer verzweifelten Lage befinden und niemanden haben, mit dem sie über ihre Sorgen und Nöte sprechen können. Dafür, dass sie diesen Menschen neuen Mut und neue Hoffnung geben, zollte er den Ehrenamtlern tiefe Anerkennung. Zum Dank überreichte er Caspers einen Umschlag mit einer finanziellen Unterstützung des Landkreises.
Da der Sprecher der Regionalkonferenz für Seelsorge Mitte-West, Ralf Scholl, verhindert war, hatte er der TSM ein schriftliches Grußwort zukommen lassen, das Ulrich Heinen, der neben Pfarrerin Carmen Tomaszewski dem Leitungsteam angehört, verlas. Einfühlsam, vertrauenswürdig, kompetent und gut ausgebildet – so skizzierte Scholl die ehrenamtlichen Berater. Bei aller Bewahrung der eigenen Grenzen böten sie stets ein hörendes Herz. Ein solches Herz hätten wir alle nötig – vielleicht mehr denn je, fügte er an.
„Reden ist Silber – Hören ist Gold“
Den mit „Reden ist Silber – Hören ist Gold“ betitelten Festvortrag hielt der Theologe und Diplom-Psychologe Stanislaus Klemm, der langjähriger hauptamtlicher Mitarbeiter der Telefonseelsorge Saar war. Er nannte es ein Glück, über vierzig Jahre lang dieser Arbeit nachgegangen zu sein, die ihm Freude machte und ihn innerlich ausfüllte und die ihn dazu animierte das Buch zu schreiben, dessen Titel seine Rede trug und das er der TelefonSeelsorge widmete.
Das Ohr stellte er in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Das Ohr, dem viel Hörmüll durch Dauerbeschallung und eine hohe Lärmbelastung zugemutet wird. „Unsere armen Ohren – sie sind doch auch nur Menschen und werden sich deshalb rächen“, prophezeite er. Eine akustische Entschleunigung werde gebraucht. Die Hörschnecke stellte er anhand des ganz ähnlich geformten Ammoniten vor und referierte dazu über den vielseitigen Vorgang des Hörens und Verstehens. Ohren seien - im Gegensatz zu Augen – universal. Sie können in alle Richtungen hören, manchmal sogar den Stein, der jemandem vom Herzen fällt. Es gebe gleichermaßen Menschen, die das Gras wachsen und die Flöhe husten hören wie solche, die Tomaten auf den Ohren haben, spielte Klemm mit Wortbildern und zählte weitere menschliche Hörtypen auf.
In der Beratungsarbeit der TelefonSeelsorge schätzen es die Gesprächspartner sehr, wenn der Seelsorger einfach nur zuhört. Das sei alles andere als einfach. Es erfordere großes Einfühlungsvermögen. Die nötige Geduld, Kraft und Selbstzurückhaltung müsse über die Jahre regelrecht gelernt werden. Jemandem zuzuhören bedeute, ihn an- und ernst zu nehmen. Sogar das, was nicht ausgesprochen wird, herauszuhören. Ja, die TelefonSeelsorge sei ein Ohr, in das man hineinjammern dürfe. Das bedeute aber nicht, den Zuhörer nur „zuzumüllen“. Zuhören sei keine Opferhaltung. Intensiver noch als das Zuhören sei das Verstehen, es sei der Höhepunkt in einem Gespräch und lasse die Sorgen nachempfindbar werden. Zu dem Vielen, was der Seelsorger nicht dürfe, gehöre zu moralisieren, bagatellisieren, debattieren oder generalisieren und diagnostizieren. Das Gespräch müsse auf gleicher Augenhöhe und gleicher Ohrentiefe geführt werden.
Dem Team der TelefonSeelsorge Mittelrhein wünschte Klemm, es möge die Ohren weiter steif halten und „unser aller Wort in Gottes Gehörgang“. Von der Bigband, geleitet von dem temperamentvoll agierenden Marc Willeke, gab es im Anschluss noch einmal schwungvoll was auf die Ohren. Die Gäste bedankten sich mit reichlich Applaus. So gewährten die Musiker als Zugabe, trefflich passend für die vielen Telefonseelsorger, „A few good men“ und wurden nachfolgend mit einer finanziellen Zuwendung der TelefonSeelsorge, übergeben durch Rolf Stahl, für ihren großartigen musikalischen Beitrag belohnt. BSB
Mit einem roten Faden demonstrierte Stanislaus Klemm zauberhaft, wie sich die meisten Probleme von alleine lösen.
Die TelefonSeelsorge habe es verdient, einmal richtig laut präsentiert zu werden, meinte Rolf Stahl (li.), was Doris Caspers und Dirk Hennen genau so sahen.
