Japanischer Fernsehsender verweilte für Dreharbeiten mit dem Musiker Aeham Ahmad in St. Sebastian
„Musik ist Hoffnung“
Als „Pianist in den Trümmern“ erlangte Aeham Ahmad internationale Berühmtheit
St. Sebastian. Prominente aus der Politik hat man in St. Sebastian in den letzten Jahren häufiger gesehen, doch musikalische Größen eher selten. Eine Ausnahme war das vergangene Wochenende: Vom Besuch des Pianisten Aeham Ahmad haben jedoch die wenigsten Mitbürger etwas mitbekommen. Der Ausnahme-Musiker gab nämlich kein öffentliches Konzert, sondern verweilte für Fernsehaufnahmen des japanischen Senders „NHK“ in der Rheingemeinde, genauer gesagt in der Kesselheimer Straße bei der Firma „Piano Flöck“. Der dortige Konzertsaal war für ein japanisches Fernsehteam der ideale Veranstaltungsraum für die Dreharbeiten.
„Mobile Konzerte“ in der Heimat Jarmuk
Aeham Ahmad ist ein 28-jähriger Musiker, der als „Pianist in den Trümmern“ internationale Berühmtheit errungen hat. Seine Lebensgeschichte klingt wie der Stoff für einen Kinofilm: Als palästinensischer Flüchtling wuchs er im Lager Jarmuk in Damaskus auf. Mit fünf Jahren lernte er Klavier spielen, studierte später sogar an einer musikalischen Fakultät. Seine Heimat Jarmuk war seit 2013 während des Bürgerkriegs heftig umkämpft: Die Einwohnerzahl reduzierte sich von ehemals 150.000 auf 16.000 Menschen im Jahr 2015. In dieser Zeit machte Ahmad eine spektakuläre Aktion: Er transportierte sein Klavier auf einem Anhänger durch die Straßen seiner zerstörten Heimat. An ausgesuchten Plätzen spielte er und gab „mobile Konzerte“.
Da seine Zuschauer vor allem Kinder waren, verbreiteten sich entsprechende Videos in den sozialen Netzwerken innerhalb kürzester Zeit weltweit. Das Flüchtlingslager wurde im Frühjahr durch den sogenannten „Islamischen Staat“ besetzt. Sein Klavier wurde bei einer Kontrolle zerstört. Für Aeham Ahmad der letzte Auslöser, seine Heimat zu verlassen. Im September 2015 kam er als Flüchtling nach Deutschland. Nach vielen Zwischenstationen lebt er heute in Wiesbaden. Auch seine Frau und seine beiden Söhne sind zwischenzeitlich in Deutschland. Obwohl er durch einen Granatsplitter in seiner linken Hand als Pianist eingeschränkt ist, hat er zwischenzeitlich bundesweit bereits einige Auftritte absolviert. In Bonn erhielt er den erstmals verliehenen „Internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden, Freizeit, Armutsbekämpfung und Inklusion“.
Selbst verfasste Werke mit großer Emotionalität
Auch in Koblenz trat Ahmad bereits auf, wodurch auch der Kontakt zur Firma „Piano Flöck“ zustande kam. Als der Ausnahmemusiker dort am Samstag die Eingangstür durchschritt, strahlten seine Augen. Wie er berichtete, sei es als Kind immer sein Traum gewesen, in einem Musikgeschäft zu arbeiten. Dass ein internationales Fernsehteam in einem solchen einmal Aufnahmen von ihm für eine Dokumentation machen würde, damit hatte wohl niemand rechnen können. „Musik ist Hoffnung“, fasst der Syrer, der hauptsächlich englisch spricht und bislang nur wenige deutsche Worte beherrscht, seine Passion zusammen. Nachdem der 28-jährige an einem großen Flügel Platz genommen hat, spielt er sich minutenlang „warm“. Es scheint so, dass er die Menschen um sich herum gar nicht wahrnimmt, so versunken ist er in der Musik. Er präsentiert einen imposanten Querschnitt klassischer Stücke. Als er schließlich einige selbst verfasste Werke spielt, singt er auch noch dazu. Eine seltsame Situation: Sein arabischer Gesang hört sich sehr emotional an, fast schon leidend. Man hat das Gefühl, dass er die schlimmen Ereignisse in seiner Heimat in seiner selbst geschriebenen Musik wiedergeben möchte. Nach den mehrstündigen Dreharbeiten zeigt sich der Pianist wortkarg, fast schon schüchtern, aber sichtbar glücklich.
Beim Blick auf die zahlreichen Ausstellungsstücke (Pianos und Flügel) im Geschäft berichtet er nochmals von seinem zerstörten Piano in Syrien und von der Hilfsbereitschaft der Deutschen: Eine ältere Dame aus Wiesbaden hat ihm einen Flügel geschenkt, wie er mit Stolz berichtet.
GH
Für die Dokumentation des japanischen Fernsehsenders „NHK“ verweilte das Team mehrere Stunden in der Rheingemeinde St. Sebastian und fand dort nahezu optimale Rahmenbedingungen.
