Der Pleitejazz - Dada, Jazz und kreatives Chaos im Atelier Farbform
Musikalischer Ideenreichtum
Montabaur. Bei der jüngsten Veranstaltung der Konzertreihe Lauschvisite verwandelte sich das Atelier Farbform in der Peterstorstrasse ins „Kabaret Dada“ im Berlin der 1920er Jahre. Das Publikum war eingeladen zur Premiere des „Pleitejazz“, der Neuvertonung eines dadaistischen Stummfilmdrehbuchs des belgischen Dichters Paul van Ostaijen aus dem Jahr 1919. Reklametafel an der Wand, Musiker in weißem Hemd und Krawatte, allerlei Objekte, die sich später als kreative Klangerzeuger entpuppen sollten: Die Ausstattung der Bühne war ganz im Sinn des Dadaismus gestaltet. Die Kunstrichtung, die in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg Kunst und Gesellschaft revolutionieren wollte, spielte mit Geräuschen, Provokation und Sinnentfremdung. Der Pleitejazz erzählt anhand der Beschreibung von einzelnen Filmszenen die fiktive Geschichte einer Dada-Jazz-Revolution, die das Land überschwemmt, Politik und Kirche herausfordert und schließlich in einer großen Pleite mündet, die auch Charlie Chaplin als Finanzminister nicht abwenden kann. Dieser groteske Stoff wurde vom Quartett auf der Bühne kongenial umgesetzt. Der Frankfurter Schauspieler Christoph Maasch übernahm die Rolle des Erzählers, verkörperte ausdrucksvoll die verschiedenen Charaktere und gestaltete den Text so musikalisch, dass er in einigen Passagen zum Teil der Band wurde. Die drei Musiker (Andreas Steffens, Eva Zöllner, Stefan Kohmann) hatten eine Musik zu dem Stück entwickelt, die nicht nur den Text illustrierte, sondern zu einem großen Ganzen zusammenfügte und auf Eigenkompositionen, Jazz, Geräuschhaftes und musikalische Zitate zurückgriff. Sichtlich teilten sie ihre Lust an der kreativen Vorlage in der einstündigen Performance mit dem Publikum. Dabei spielten sie nicht nur Saxophon, Akkordeon und Schlagzeug, sondern auch Klangerzeuger wie Streichholzschachteln, Aschenbecher und elektronische Zuspielungen und wurden mit Megaphonen im Raum verteilt zum Teil der Erzählung.
Das Publikum genoss das kreative Chaos um sich herum und die ideenreiche Inszenierung. Zugleich hatte der Text mit Anspielungen an Krieg und Staatspleiten eine bedrückende Aktualität, die zum angeregten Gedankenaustausch mit den Künstlern im Anschluß an die Veranstaltung führte. Die Konzertreihe Lauschvisite zeigte in ihrer 19. Ausgabe wieder einmal, dass experimentelles Kunstschaffen und ungewöhnliche Formate im Westerwald ihren Platz gefunden haben.
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