Mit Köpfchen statt Muskelkraft
Närrischer Handstreich beim Rathaussturm in Erpel
Erpel. Die Rathauserstürmung gehört in Erpel seit vielen Jahren fest zum karnevalistischen Brauchtum und markiert traditionell den Übergang vom Sitzungs- zum Straßenkarneval. Symbolisch übernehmen dabei die Jecken für die letzten Tage der Session die Macht im Ort:
Der Bürgermeister wird bis Aschermittwoch „entmachtet“, der Rathausschlüssel den Tollitäten überlassen. In dieser Zeit regieren Narretei und Frohsinn, wenn die närrischen Herrscher das Sagen haben und der Ernst des Alltags für einen Moment in den Hintergrund tritt.
Auch am Sonntag, 8. Februar, zog die Große Erpeler Karnevalsgesellschaft 1905 e.V. (GEK) mit ihren Stadtsoldaten, den Garden, dem Elferrat und natürlich dem Jubiläumsprinzenpaar Rainer und Sabine zum Rathaus, um dem Straßenkarneval und einer ausgelassenen Karnevalswoche den Weg zu ebnen. Doch was sich in diesem Jahr abspielte, dürfte als die wohl schnellste Rathauserstürmung in Erpel in Erinnerung bleiben.
Üblicherweise liefern sich die Narren und die Rathausverteidiger um Ortsbürgermeister Günter Hirzmann ein humorvolles (Wort-)Gefecht, begleitet von einem Beschuss des Rathauses mit der Gaskanone und den Knabüs, ehe der begehrte Rathausschlüssel übergeben wird. In diesem Jahr jedoch kam es anders – und deutlich schneller.
Noch bevor sich der Ortsbürgermeister gemeinsam mit den Mitgliedern des Heimatordenkapitels im Rathaus verschanzen konnte, hatten die Angreifer ihren Plan bereits umgesetzt: Stadtkommandant Markus Schmitz war es gelungen, zwei seiner Soldaten unbemerkt in das Gebäude einzuschleusen, die sich dort verborgen hielten. Nachdem sie dem Bürgermeister die Knabüs an die Brust gesetzt hatten, gelang es ihnen, den Rathausschlüssel von ihm zu übernehmen – der entscheidende Moment der Erstürmung.
Nachdem sich die Karnevalsgesellschaft vor dem Rathaus versammelt hatte, öffneten sich daher binnen weniger Augenblicke die Türen für die Tollitäten Prinz Rainer und Prinzessin Sabine. Damit war der närrische Sieg perfekt: Das Rathaus ist in der Hand der Karnevalisten – ganz ohne Gefecht und Gaskanone. Vom Rathausbalkon aus ließ das Prinzenpaar anschließend Kamelle auf die jubelnde Narrenschar regnen.
Im Anschluss an die gelungene Erstürmung lud Günter Hirzmann das Prinzenpaar gemeinsam mit der Kommandantur der Stadtsoldaten und einer Abordnung des GEK-Vorstandes zu einem Empfang ins Rathaus ein. Neben dem Ortsbürgermeister nahmen unter anderem die Mitglieder des Heimatordenkapitels und Abordnungen des Tambour Corps Erpel und der Möhnenclubs Erpel und Heister teil. In lockerer und fröhlicher Atmosphäre wurde gemeinsam gesungen, geschunkelt und gefeiert, untermalt von kurzen Grußworten.
Höhepunkt des Empfangs war der Eintrag von Prinz Rainer und Prinzessin Sabine in das Goldene Buch der Ortsgemeinde Erpel. Dieses wird traditionell nur zu besonderen Anlässen und für herausragende Persönlichkeiten geöffnet. Es hält bedeutende Momente der Ortsgeschichte dauerhaft fest. Mit ihrem Eintrag reihen sich Prinz Rainer und Prinzessin Sabine in eine lange Reihe prägender Gäste ein.
Während im Rathaus Karneval mit Stil und Tradition gepflegt wurde, begann parallel vor dem Gebäude das Biwak der Stadtsoldaten. Bei deftigen Speisen aus der Gulaschkanone, kalten Getränken und stimmungsvoller Karnevalsmusik feierten die GEK und ihre Gäste bis in die Abendstunden hinein. Einmal mehr zeigte sich dabei, was den Erpeler Karneval ausmacht: gelebtes Brauchtum, Gemeinschaft – und die perfekte Balance zwischen Ausgelassenheit und Tradition.
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